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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Vielleicht sollte ich doch am Anfang anfangen.

    Ich arbeite bei der ESA. Genauer gesagt beim European Astronaut Centre (EAC) in Köln. Für Uneingeweihte: Das ist die Europäische Weltraumorganisation, eine Art exklusiver Club für Länder, die Satelliten ins All schießen wollen, ohne dabei versehentlich ihre eigenen Gartenzwerge zu treffen. Klingt spektakulär, oder?

    Ist es aber nicht.

    Zumindest nicht für mich. Ich bin IT-Administrator. Meine offizielle Aufgabe: Ich bin der Hüter der Drucker. Ich halte sie am Laufen, verfluche ihre Treiber und bete täglich zur Gottheit des Duplexdrucks. Mein LinkedIn-Profil sagt „Digitale Infrastrukturverantwortung“. Meine Realität sagt „Bitte starten Sie den Drucker neu.“

    Preisfrage: Wann haben Sie das letzte Mal beruflich etwas gedruckt? (Lehrer, Beamte und Steuerberater mit Faxgerät dürfen jetzt kurz auf die Toilette gehen, ihr zählt nicht.)

    Genau. Mein Job ist so sinnvoll wie eine Sonnenbrille für Tiefseekrabben. Oder wie ein Rettungsschwimmer in der Sahara. Theoretisch könnte er gebraucht werden, aber die Wahrscheinlichkeit liegt irgendwo zwischen „vernachlässigbar“ und „nicht in diesem Universum“. Aber er hat einen entscheidenden Vorteil: Niemand merkt, wenn ich weg bin. Das ist im Grunde das Äquivalent einer Superkraft, nur ohne Umhang und mit deutlich weniger Applaus.

    So auch an jenem Freitagmittag, an dem alles begann.

    Das Motorrad, eine ehrwürdige Yamaha XJ900, Baujahr irgendwann zwischen „das war eine gute Idee“ und „wir hätten aufhören sollen“, war beladen und stand auf dem Parkplatz des EAC wie ein Versprechen auf Freiheit. Sie roch nach Öl, nach Abenteuer und nach dem leisen Vorwurf, dass ich sie unter der Woche viel zu selten bewegte.

    Ein Wochenende nur ich, mein Motorrad und eine statistisch bedenkliche Anzahl von Insekten im Visier meines Helms. Keine Drucker. Keine Treiber. Keine Tickets mit dem Betreff „Papierstau?“ (Das Fragezeichen fasziniert mich bis heute. Als wäre der Papierstau eine philosophische Hypothese und nicht eine ganz offensichtliche Tatsache.)

    Auf dem Weg ins Abenteuer schaute ich noch schnell bei Jens vorbei. Das war mein erster Fehler. Der zweite war, seine Tür zu öffnen. Der dritte war, nicht sofort wieder umzudrehen.

    Jens hatte bei dem „Wer hat den schlimmeren Job“-Wettbewerb tatsächlich die Nase vorn. Wenn es eine olympische Disziplin für berufliche Sinnlosigkeit gäbe, hätte Jens nicht nur Gold geholt, sondern auch die Medaillen selbst gedruckt, mit meinem Drucker, versteht sich.

    Er saß in der Telefonzentrale des EAC. Zur Erinnerung: Das hier ist der Ort, an dem wir Astronauten ausbilden. Also Menschen, die irgendwann mal zur ISS fliegen und dort in Schwerelosigkeit Grundlagenforschung für neue Frühstücksflocken betreiben.

    Wie oft, glauben Sie, ruft jemand hier an?

    Nein, noch seltener!

    Jens‘ Telefon klingelte im Durchschnitt dreimal pro Woche. Zweimal davon waren Callcenter, die ihm einen neuen Handyvertrag andrehen wollten. Das dritte Mal war meistens jemand, der sich verwählt hatte und eigentlich die ESA in Paris erreichen wollte. Jens hatte für diesen Fall ein vorgefertigtes Skript, das er mit der Routine eines Mannes vortrug, der seinen Lebenszweck darin gefunden hatte, die Leere zwischen zwei Telefonaten mit maximalem existenziellen Gleichmut zu überbrücken.

    Aber eine internationale Weltraumagentur muss erreichbar sein. Man weiß ja nie, ob nicht doch mal ein Marsianer seine Lieferpizza falsch adressiert. Dafür gibt es Jens.

    „Marceeeeel!“, rief er mit der Begeisterung eines Golden Retrievers, der sein Herrchen nach zwanzig Minuten Abwesenheit wiedersieht, als ich sein akustisch gepolstertes Mini-Universum betrat. „Du fährst doch an die Ostsee, oder?“

    „Aber sowas von. In fünf Minuten. Warum?“

    „Ich hab da ein paar seltsame Anrufe bekommen. Aus so einem Dorf an der Küste. Irgendwas mit Außerirdischen.“

    Ich wartete auf das Grinsen. Es kam nicht.

    „Na klar“, sagte ich trocken. „Und was genau hat das mit mir zu tun?“

    „Also. Das ist irgendwas Komisches da oben an der Ostsee. Die örtliche Polizei hätte gerne, dass sich jemand von uns das mal anschaut.“

    Ich legte den Helm auf seinen Schreibtisch und schaute ihn belustigt an. „Wir sind die ESA. Europäische Weltraumagentur. Nicht die Erklär-mir-den-Schwachsinn-Abteilung.“

    „Richtig. Aber du hast einen Dienstausweis. Und wir machen was mit Weltraum.“

    „Richtig. Und ich habe auch einen freien Willen.“

    „Es ist Freitag. Die Dorfpolizisten dort sind total in Panik und ich habe keine Ahnung, wen ich sonst anrufen soll. Die halten mich doch alle für irre.“ Er machte eine Stimme, die vermutlich einen seriösen Beamten darstellen sollte: „Hallo, hier ist die ESA. Nein, nicht die mit den Raketen. Die mit den Aliens. Am Freitagnachmittag. Ja, ich warte.“

    „Es hat nichts mit bedrucktem Papier zu tun, also nicht mein Problem. Ich bin weg.“

    „Du wärst doch eh in der Nähe.“

    „Vergiss es.“

    Jens hatte leider diese unheimliche Gabe, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollten. Nicht durch Überredung. Nicht durch Argumente. Sondern durch eine spezielle Form der verbalen Erschöpfung, die vermutlich von der Genfer Konvention als psychologische Kriegsführung eingestuft werden müsste, wenn die Genfer Konvention jemals von Jens erfahren sollte. Er redete einfach so lange, bis das Gehirn des Gegenübers kapitulierte und nur noch Ruhe haben wollte. Es war wie Akupunktur, nur mit Worten und ohne jeden therapeutischen Nutzen.

    „Es ist wirklich nur mal gucken.“

    „Jens!“

    „Wird bestimmt nichts sein.“

    „Jens!!“

    „Die Polizei ist ratlos. Die haben niemanden, der sich mit so was auskennt.“

    „Niemand kennt sich mit Außerirdischen aus. Weil es keine gibt.“

    „Genau! Deshalb kannst du denen das ja erklären. Fünf Minuten. Dann bist du wieder weg.“

    „Und warum kann das nicht jemand anderes machen?“

    „Weil es immer noch Freitag ist. Alle sind weg. Wie das so ist: Freitag um 10 kann jeder gehn.“

    „Not my circus, not my monkeys. Und mit der ESA hat es immer noch nichts zu tun.“

    „Ach komm, die Polizei hat angerufen. Offiziell.“

    „Wunderbar. Dann schreib denen eine offizielle E-Mail, dass wir nicht zuständig sind.“

    „Hab ich. Die rufen trotzdem weiter an.“

    Ich seufzte. Tief. Sehr tief. Mit der ganzen melodramatischen Endgültigkeit eines Menschen, der weiß, dass er gerade den Krieg verliert.

    „Wo ist es?“

    „Kleines Dorf an der Küste. Du kommst eh vorbei.“

    „Wie heißt das Dorf?“

    „Äh…“ Jens blätterte durch seine Notizen, was insofern bemerkenswert war, als er offenbar tatsächlich Notizen gemacht hatte. „Kellenhusen.“

    „Kenne ich. Familienurlaube und so. Nördlich von Grömitz. Und was genau soll ich dann machen?“

    „Den Leuten erklären, dass es keine Außerirdischen sind. Sondern… ich weiß nicht. Wetterballons. Sumpfgas. Irgendwas Wissenschaftliches.“

    „Ich bin IT-Admin. Nicht Carl Sagan.“

    „Aber du hast einen Dienstausweis der ESA. Das reicht.“

    Und irgendwann, irgendwo zwischen „nur mal gucken“ und „wird bestimmt nichts sein“, hörte ich mich sagen:

    „Na gut. Aber ich fahr danach direkt weiter. Und wehe, das ist so eine YouTube-Sekte mit Leuchtanzügen. Dann schuldest Du mir was.“

    „Versprochen“, sagte Jens und grinste.

    Ich hätte wissen müssen, dass Versprechungen von Jens ungefähr so viel Substanz haben wie eine Diät-Cola-Dose nach drei Wochen in der Sonne. Nämlich: hohl, leicht zerdrückt und voller heißer Luft.

    Vier Stunden auf dem Motorrad.

    Vier Stunden, in denen ich durch das westfälische Flachland, an endlosen Windkraftanlagen vorbei und schließlich in die erstaunliche Weite Schleswig-Holsteins fuhr. Jenes Bundesland, das aussieht, als hätte Gott bei der Schöpfung an Landschaft gespart und den Rest in Himmel investiert. Vier Stunden, in denen mein Verstand die perfekte Gelegenheit hatte, sich selbst davon zu überzeugen, dass das Ganze eine kolossale Zeitverschwendung war. Was es natürlich auch war. Zu diesem Zeitpunkt.

    Die Yamaha brummte zufrieden unter mir, wie sie es immer tat, wenn sie mehr als dreißig Minuten am Stück fahren durfte. Motorräder sind im Grunde wie Hunde. Sie werden unruhig, wenn man sie nicht genug bewegt, und sie vergeben einem alles, solange die Richtung stimmt.

    Die letzten Kilometer nach Kellenhusen führten über diese schmalen Landstraßen, die in Schleswig-Holstein so tun, als seien sie absichtlich gebaut worden, in Wahrheit aber einfach über Jahrhunderte dadurch entstanden sind, dass Kühe immer wieder denselben Weg zum Stall gelaufen sind. Links und rechts: Felder. Darüber: ein Himmel, der so groß war, dass er aussah wie eine schlecht kalibrierte Leinwand, auf der jemand vergessen hatte, den Zoom richtig einzustellen.

    Kellenhusen empfing mich mit der stillen Entschlossenheit eines Ortes, der es gewohnt ist, dass nichts passiert, und der damit vollkommen zufrieden ist.

    Ein Parkplatz. Strandkörbe in militärischer Formation. Eine Möwe, die auf einem Mülleimer saß und mich mit dem missbilligenden Blick eines Geschöpfs anstarrte, das grundsätzlich alles für unter seiner Würde hielt.

    Die örtliche Polizei, ein einzelner Polizist namens Krüger, der wirkte, als hätte er die letzten zwanzig Jahre hauptsächlich Falschparker und Hunde ohne Leine verfolgt, stand am Strandabschnitt und wartete. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt, was bei Polizisten das universelle Signal für „ich habe keine Ahnung, was hier los ist, aber ich stehe autoritär herum“ darstellt.

    „Herr…?“

    „Einfach Marcel. Von der ESA.“

    Krügers Augen weiteten sich kurz. ESA. Das klang nach Autorität. Nach Zuständigkeit. Nach jemandem, der sein Problem übernehmen würde. Der arme Mann konnte nicht ahnen, dass meine gesamte Expertise darin bestand, Druckertreiber zum Laufen zu bringen.

    „Gott sei Dank“, sagte er. „Da.“ Er deutete den Strand entlang. „Da ist es.“

    „Was genau?“

    „Das Wesen.“ Er senkte die Stimme, als könnte das Wesen ihn hören, was, wie sich herausstellen sollte, tatsächlich der Fall war, da es mit seinem gesamten Körper in alle Richtungen gleichzeitig hören konnte, aber das wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner von uns.

    Ich kniff die Augen zusammen und schaute in die Richtung, in die er deutete. Etwa hundert Meter entfernt, dort wo der Sand nass wurde und die Ostsee ihre ewige, geduldige Invasion des Festlands betrieb, stand etwas.

    Etwas Grünes.

    Etwas Rundes.

    Etwas, das definitiv nicht auf die Falschparker-Liste von Polizist Krüger gehörte.

    „Gut“, sagte ich und hörte meine Stimme dabei eine Gelassenheit vortäuschen, die ungefähr so überzeugend war wie mein LinkedIn-Profil. „Ich werde mir die Sache anschauen. Sie halten bitte Abstand.“

    Krüger nickte. Mit der dankbaren Bereitschaft eines Mannes, dem gerade jemand die Verantwortung abgenommen hatte, und der nicht die Absicht hatte, sich diese jemals zurückzuholen.

    Ich ging los. Auf dem nassen Sand. Auf das grüne Ding zu. Meine Motorradstiefel hinterließen tiefe Abdrücke, die die Ostsee hinter mir sofort wieder auslöschte, als wolle sie jede Spur verwischen, die zu dem führte, was gleich passieren würde. Was, rückblickend betrachtet, eine durchaus vernünftige Reaktion gewesen wäre.

    Die Möwe auf dem Mülleimer schaute mir nach, und wenn Möwen die Fähigkeit besäßen, mitleidig den Kopf zu schütteln, hätte diese es getan.

    So nahm das Unglück seinen Lauf.

    Oder wie die ESA später in ihrem internen Bericht schreiben sollte: „Die ungeplante interkulturelle Erstbegegnung.“

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