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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Wir kamen am Montagmorgen zurück. UE4, Jens und ich. Noch ein bisschen salzig, noch zu viel Sand in den Schuhen, noch ein bisschen entspannt, und, das war der entscheidende Punkt, eine gute Stunde zu spät. Was halt passiert, wenn drei erwachsene Männer (beziehungsweise zwei erwachsene Männer und ein Alien, das biologisch geschlechtslos ist, aber der Einfachheit halber) am Sonntagabend in Kellenhusen feststellen, dass der beige VW Touran von Jens‘ Schwester nicht anspringt, und der ADAC vierzig Minuten braucht. Es war ein Sonntagabend in Schleswig-Holstein. Wir verlängerten unseren Urlaub einfach um eine Nacht. Aber es bedeutete, dass der Montagmorgen-Berufsverkehr auf der A1 jede noch so gute Laune mit der methodischen Gründlichkeit eines deutschen Staus demoliert.

    „Sieben Stunden“, sagte Jens, als wir endlich auf den ESA-Parkplatz einbogen. „Wir hätten schneller schwimmen können.“

    „Technisch gesehen hätte ich schneller schwimmen können“, sagte UE4 aus seinem Kinderpool auf dem Rücksitz. „Ihr hättet ertrinken können. Das ist ein wesentlicher Unterschied.“

    UE4s Rollstuhl stand im Kofferraum. Wir fischten ihn heraus, komplett mit dem Feuchthalte-Kit, das Jens als „tragbare Alien-Dusche“ bezeichnete und das in Wahrheit ein umfunktionierter Gartensprüher war, der UE4s Haut alle zwanzig Minuten mit einem Nebel aus destilliertem Wasser benetzte. Es sah aus, als würde man eine exotische Pflanze transportieren.

    Wir betraten Gebäude C durch den Seiteneingang. Gut gelaunt. Ein wenig übermüdet. Und völlig unvorbereitet auf das, was uns erwartete.

    Es war der Lärm, der mich zuerst traf. Nicht Lärm im Sinne von Bauarbeiten oder Feueralarm, sondern Lärm im Sinne von sehr vielen Menschen, die gleichzeitig redeten, ohne dass irgendjemand zuhörte. Das Geräusch einer gescheiterten Kommunikation, multipliziert mit der Anzahl aller Mitarbeiter, die sich offenbar im Erdgeschoss versammelt hatten.

    Im großen Foyer, dem Raum, der normalerweise für Weihnachtsfeiern und die jährliche Brandschutzunterweisung genutzt wurde, also für Veranstaltungen, bei denen Anwesenheit Pflicht und Enthusiasmus optional war, standen über hundert Menschen. Manche standen. Manche saßen auf Stühlen, die offensichtlich hastig aus den umliegenden Konferenzräumen herangekarrt worden waren. Einige lehnten an den Wänden. Frau Bergmann, die geheilte Frau Bergmann, die ihren Tagesplan weggeworfen und frische Luft geschnuppert hatte, stand vor einem Whiteboard, das so groß war wie eine Kinoleinwand und so chaotisch beschrieben wie die Rückseite einer Serviette nach einer Brainstorming-Session in einer Kneipe um Mitternacht.

    An der Decke hing ein Banner. Jemand hatte es ausgedruckt. In Comic Sans. Es lautete:

    DAILY STAND-UP, ALLE ABTEILUNGEN, 08:30 UHR

    Es war 09:47 Uhr.

    „Was“, sagte ich, „zum Teufel.“

    „Das“, sagte UE4, und alle vier Augen bewegten sich synchron durch den Raum wie die Sensoren eines Aufklärungsschiffs, das auf feindliches Territorium trifft, „ist entweder eine Revolution oder eine Katastrophe. Und da das Banner in Comic Sans ist, tendiere ich zur Katastrophe.“

    Dr. Brandt stand in der Mitte des Chaos. Sie trug ihren üblichen Hosenanzug, ihr übliches Klemmbrett und einen Gesichtsausdruck, den ich noch nie an ihr gesehen hatte: den einer Frau, die erkannt hat, dass sie einen Fehler gemacht hat, aber noch nicht bereit ist, das laut zu sagen. Der Gesichtsausdruck eines Feldherrn, dessen Schlachtplan beim ersten Feindkontakt in sich zusammengefallen ist und der jetzt so tut, als wäre genau das die Strategie gewesen.

    „Marcel!“, rief sie, als sie uns sah. „UE4! Endlich. Wo waren Sie?“

    „Kellenhusen“, sagte ich. „Wochenende. Feier. Wegen der Sache mit dem Virus.“

    „Ja, ja.“ Sie winkte ab, als wäre die Rettung der Menschheit ein Tagesordnungspunkt, den man bereits abgehakt hatte. „Kommen Sie mit. Ich brauche Sie.“

    „Was ist hier los?“, fragte Jens, der mit der instinktiven Vorsicht eines Mannes, der sein ganzes Berufsleben in der Telefonzentrale verbracht hatte, die Menschenmenge musterte wie ein Gnu, das eine Wasserstelle beäugt und sich fragt, wo die Krokodile sind.

    „Das Neue“, sagte Dr. Brandt. „Wir führen es ein.“

    „Was genau führen Sie ein?“

    „Alles. Stand-ups. Boards. Maximen. Die gesamte Methodik, die Ihr Team entwickelt hat. Für die ganze Firma. Ab sofort.“

    UE4 machte ein Geräusch. Es war leise, fast unmerklich, und es klang wie ein Tentakel, der unter Wasser durch die Zähne zieht. Sein Äquivalent eines tiefen, besorgten Seufzers. Seine Haut wurde dunkler. Nicht das warme Gold der Zufriedenheit oder das nachdenkliche Blaugrün. Sondern ein mattes, stumpfes Oliv, das ich bei ihm noch nicht gesehen hatte und das am ehesten übersetzt werden konnte mit: „Oh nein.“

    Das Daily Stand-up aller Abteilungen war, und ich suche nach einem diplomatischen Wort und finde keines, ein Desaster.

    Nicht weil die Idee grundsätzlich schlecht war. Sondern weil ein Stand-up mit hundert Menschen ungefähr so funktioniert wie stille Post mit einem ganzen Fußballstadion.

    Frau Bergmann, die offenbar von Dr. Brandt zur Moderatorin ernannt worden war, vermutlich weil sie als geheilter Kollabierer-Fall eine Art Posterchild der neuen Methoden war, versuchte tapfer, das vermutlich ergoogelte Standardformat einzuhalten: Was habe ich gestern gemacht? Was mache ich heute? Was blockiert mich?

    Das Problem war: Hundert Menschen beantworten diese Fragen nicht in fünfzehn Minuten. Hundert Menschen beantworten diese Fragen nicht in fünfzig Minuten. Hundert Menschen beantworten diese Fragen in ungefähr der Zeit, die man braucht, um die gesammelten Werke von Tolstoi zu lesen, und mit ungefähr demselben Unterhaltungswert.

    Nach zwanzig Minuten hatte erst die halbe Buchhaltung berichtet. Die IT-Abteilung diskutierte mit der Personalabteilung darüber, ob ein Server-Neustart ein „Blocker“ war oder ein „Improvement“. Herr Paulsen, der geheilte Herr Paulsen, der inzwischen eigenständig Hafermilch kaufte, hatte dreimal versucht zu sprechen und war dreimal von jemandem aus dem Facility Management unterbrochen worden, der wissen wollte, ob die kaputte Kaffeemaschine in Gebäude D auf das Board gehörte.

    „Die Kaffeemaschine in Gebäude D ist kein Projekt-Item!“, rief jemand.

    „Ohne Kaffee gibt es kein Projekt!“, rief jemand anderes.

    „Können wir eine eigene Gruppe für die Kaffeemaschinen-Diskussion machen?“, fragte ein Dritter, und ich konnte nicht entscheiden, ob er das ernst meinte oder ob der Sarkasmus so tief vergraben war, dass er auf geologische Schichten gestoßen war.

    UE4 saß in seinem Rollstuhl am Rand des Geschehens und beobachtete. Alle vier Augen weit offen. Die Haut in diesem matten Oliv, das inzwischen leichte Streifen von Dunkelgrau bekam, was bei ihm das chromatische Äquivalent eines Migräneanfalls war.

    Frau Kowalski stand neben mir. Sie hatte die Arme verschränkt und den Blick einer Frau, die zusieht, wie ein Haus abbrennt, das sie selbst mitgebaut hat, und die sehr genau weiß, wer das Streichholz angezündet hat.

    „Wie lange geht das schon so?“, flüsterte ich.

    „Seit acht Uhr dreißig. Das ist der zweite Durchlauf. Der erste wurde abgebrochen, weil die Hälfte der Leute dachte, es wäre eine Betriebsversammlung und Fragen zum Parkplatz gestellt hat.“

    „Und wessen Idee war das?“

    Frau Kowalski nickte stumm in Richtung Dr. Brandt.

    Es war UE4, der es beendete. Nicht mit einem Tentakel, der sich dramatisch hob. Sondern indem er an das große Whiteboard rollte, mit einem Marker eine Linie zog und darunter ein einziges Wort schrieb:

    Stopp.

    Hundert Köpfe drehten sich zu ihm. Es wurde leise. Nicht weil der Satz so beeindruckend war, sondern weil ein chromgrüner Alien, der in einem Rollstuhl-Aquarium an ein Whiteboard rollt und mit einem Tentakel „Stopp“ schreibt, eine Unterbrechung darstellt, auf die kein Moderationsleitfaden der Welt vorbereitet ist. Vielleicht hat es auch ein wenig geholfen, dass UE4 den Stift so dermaßen stark aufgedrückt hatte, dass es ein wenig so klang, als würde Freddy Krueger seine Messerhand über das Whiteboard ziehen.

    „Das hier“, sagte UE4, und seine Stimme war ruhig, aber seine Haut sagte etwas anderes, „funktioniert nicht.“

    Dr. Brandt trat vor. „UE4, wir versuchen gerade, die Methoden, die in Ihrem Team so erfolgreich waren, auf die gesamte Organisation zu …“

    „Ich weiß, was Sie versuchen. Und ich verstehe, warum Sie es versuchen. Aber das hier ist nicht das, was wir gemacht haben. Das hier ist das Gegenteil.“

    „Wie meinen Sie das?“

    UE4 drehte sich zur Gruppe um. „Darf ich eine Geschichte erzählen?“

    Hundert Menschen nickten. Was bemerkenswert war, denn normalerweise nicken hundert Menschen nicht gleichzeitig, es sei denn, man bietet ihnen einen frühen Feierabend an.

    „Als ich auf diesem Planeten ankam“, sagte UE4, „hat Marcel mich in seine Badewanne gesetzt. Nicht weil er einen Plan hatte. Nicht weil irgendjemand ihm gesagt hat: ‚So macht man das, wenn ein Alien am Strand steht.‘ Sondern weil es das Einzige war, was in diesem Moment Sinn ergab. Eine Entscheidung, die aus der Situation entstand. Nicht aus einem Handbuch.“

    Er ließ den Satz wirken. Hundert Gesichter, hundert verschiedene Ausdrücke, aber alle mit demselben Grundton: Aufmerksamkeit.

    „Danach hat sich alles Schritt für Schritt entwickelt. Das Team hat sich gebildet, weil ein Problem existierte und Menschen bereit waren, es zu lösen. Die Werkzeuge, also Stand-ups, Boards, Timeboxen, Retrospektiven, sind nicht am Anfang entstanden. Sie sind nach und nach dazugekommen, als das Team sie brauchte. Weil eine konkrete Situation ein konkretes Werkzeug erfordert hat.“

    „Aber genau diese Werkzeuge wollen wir jetzt für alle einführen“, sagte Dr. Brandt. „Weil sie funktionieren.“

    „Sie funktionieren für dieses Team. In diesem Kontext. Mit diesen Menschen und diesen Problemen. Das ist ein wesentlicher Unterschied.“

    Frau Kowalski trat neben UE4. Sie tat es instinktiv, ohne nachzudenken, wie jemand, der neben einem Freund steht, weil er weiß, dass der Freund recht hat und Unterstützung verdient.

    „Ich kann das bestätigen“, sagte sie. Ihre Stimme war klar und trug durch den ganzen Raum, ohne dass sie laut werden musste. „Wir haben unsere Arbeitsweise nicht geplant. Wir haben sie gefunden. Schritt für Schritt. Wir haben Dinge ausprobiert, die nicht funktionierten, und sie wieder geändert. Wir haben Werkzeuge eingeführt, weil wir ein Problem hatten, nicht weil jemand gesagt hat: ‚Ab Montag machen wir das so.'“

    „Die Stand-ups zum Beispiel“, sagte Tim, der irgendwann neben Frau Kowalski aufgetaucht war, als hätte ihn eine unsichtbare Kraft dorthin gezogen. „Die haben wir eingeführt, weil wir gemerkt haben, dass wir aneinander vorbeiarbeiten. Nicht weil es in irgendeinem Handbuch steht.“

    „Und die Timeboxen“, ergänzte Herr Witt, „die waren die Antwort auf endlose Meetings. Nicht eine Vorschrift von oben.“

    UE4 nickte. Vier Augen, vier gleichzeitige Nicker, was bei ihm aussah wie eine enthusiastische Welle.

    „Was Sie versuchen, Dr. Brandt“, sagte er, und er sagte es mit dem Respekt, den man einer Person entgegenbringt, deren Absicht man schätzt, auch wenn man ihr Vorgehen für grundfalsch hält, „ist, das Ergebnis unseres Weges zu nehmen und es allen aufzudrücken. Aber das Ergebnis ohne den Weg ist eine leere Hülle. Es ist, als würde man jemandem einen Verband um den Arm wickeln und sagen: ‚Jetzt bist du Arzt.'“

    Dr. Brandt schwieg. Es war keine beleidigte Stille und keine wütende. Es war die Stille einer Frau, die intelligent genug war, um zu erkennen, dass sie einen Fehler gemacht hatte, und professionell genug, um ihn nicht zu verteidigen.

    „Was schlagen Sie vor?“, fragte sie.

    „Die Werkzeuge kann man nicht eins zu eins übertragen“, sagte UE4. Er hatte jetzt die volle Aufmerksamkeit von hundert Menschen, und seine Haut war wieder in ihr normales, warmes Grün zurückgekehrt, was bedeutete, dass er sich auf vertrautem Terrain befand: Erklären. Prinzipien. Das, was er am besten konnte. „Ein Stand-up mit zehn Leuten funktioniert. Ein Stand-up mit hundert Leuten ist eine Betriebsversammlung mit Stehtischen. Das Werkzeug muss zum Team passen, nicht umgekehrt.“

    „Aber“, und er hob einen Tentakel, langsam, als würde er eine Tür öffnen, „was man übertragen kann, sind die Prinzipien. Die Maximen. Die Art zu denken, die hinter den Werkzeugen steckt.“

    Er schrieb auf das Whiteboard, neben sein „Stopp“:

    Transparenz. Inspect & Adapt. Zusammenarbeit.

    „Transparenz: Jeder weiß, woran alle arbeiten und warum. Inspect & Adapt: Schaut regelmäßig, ob das, was ihr tut, funktioniert. Wenn nicht, ändert es. Zusammenarbeit: Redet miteinander, nicht übereinander. Lasst die Person entscheiden, die am nächsten am Problem dran ist.“

    Er machte eine Pause. Hundert Augenpaare. Vier seiner eigenen.

    „Das sind die Prinzipien. Die Haltung. Ohne die funktioniert kein Werkzeug der Welt, egal wie schick der Name klingt.“ Er sah in die Runde. „Und daraus baut man sich dann seine Werkzeuge. Konkrete Werkzeuge. Dinge, die man ausprobieren kann, und wieder weglegen, wenn sie nicht passen.“

    Er drehte sich zum Whiteboard. Griff zum Edding. Und dann schrieb er, in seiner geschwungenen Tentakel-Kalligrafie, die aussah wie das Ergebnis einer Kollision zwischen einem Kalligrafen und einem Mixer, zehn Zeilen untereinander. Langsam. Bedächtig. Mit der Sorgfalt eines Wesens, das wusste, dass diese Werkzeuge nicht von Ssalgh stammten, sondern von einem Team in Köln-Porz, das sie sich selbst erarbeitet hatte.

    1. Mach sichtbar, woran du arbeitest. Und woran nicht.

    2. Bevor du fragst wie, frag warum.

    3. Wenige Rituale, feste Zeiten. Was nicht in die Box passt, passt nicht zum Thema.

    4. Zerlege das Unmögliche in Tagespakete.

    5. Nimm dir Arbeit. Warte nicht, bis sie dir zugewiesen wird.

    6. Fokus! Wer alles gleichzeitig tut, beendet nichts.

    7. Reduziert die Arbeitslast.

    8. Keep It Simple: Die einfachste Lösung, die funktioniert, ist die richtige.

    9. Wer dauerhaft rennt, kommt nie ans Ziel.

    10. Halte inne. Prüfe. Passe an. Wiederhole.

    Stille. Hundert Menschen lasen. Manche nickten. Manche runzelten die Stirn. Ein Mann aus dem Facility Management fotografierte das Whiteboard mit seinem Handy, was vermutlich das erste Mal war, dass ein Whiteboard bei der ESA es wert war, fotografiert zu werden.

    „Zehn Werkzeuge“, sagte UE4. „Visualisierung. Purpose. Timeboxen. Aufgaben zerlegen. Pull-Prinzip. Fokus. Arbeit begrenzen. Simplicity. Nachhaltig arbeiten. Und regelmäßig prüfen, ob das alles noch stimmt.“ Er legte den Edding hin. „Unser Team hat sie alle benutzt. In dieser Reihenfolge, in einer anderen, manche mehr, manche weniger. Die Reihenfolge ist egal. Die Auswahl ist egal. Wichtig ist nur: Nehmt, was zu eurem Problem passt. Lasst den Rest liegen. Und wenn keines davon passt, erfindet ein elftes.“

    „Und das reicht?“, fragte jemand aus der Menge.

    „Es reicht als Anfang“, sagte UE4. „Wenn jedes Team anfängt, selbst herauszufinden, welche Arbeitsweise für dieses Team in dieser Situation am besten funktioniert, dann ist das Agilität. Nicht die Werkzeuge. Die Haltung.“

    „Agilität muss agil eingeführt werden“, sagte Frau Kowalski. Es war einer dieser Sätze, die so offensichtlich richtig sind, dass man sich fragt, warum sie überhaupt gesagt werden müssen. Und gleichzeitig war es der Satz, den jeder in diesem Raum hören musste.

    Dr. Brandt klappte ihr Klemmbrett zu. Langsam. Bedächtig. Mit der Endgültigkeit einer Frau, die gerade einen Schlachtplan beerdigte und sich vornahm, einen besseren zu schreiben.

    „Also kein Firmen-Daily“, sagte sie.

    „Kein Firmen-Daily“, bestätigte UE4.

    „Keine Ein-Wochen-Deadline für die Transformation der gesamten Organisation.“

    „Keine Ein-Wochen-Deadline.“

    „Jedes Team findet seinen eigenen Weg.“

    „Ja. Aber nicht allein. Wir können sie begleiten. Ihnen erzählen, was bei uns funktioniert hat und was nicht. Ihnen die Prinzipien erklären.“

    Dr. Brandt nickte. Ein einziges, entschiedenes Nicken. „Dann machen wir das so.“ Sie drehte sich zur Menge um. „Herrschaften, das Daily ist beendet. Gehen Sie zurück an Ihre Arbeitsplätze. Und wenn Sie Fragen haben, reden Sie mit Ihren Teams. Nicht mit mir.“

    Es war vielleicht der agilste Satz, den Dr. Brandt je gesagt hatte. Und ich war mir nicht sicher, ob sie es selbst bemerkte.

    Hundert Menschen zerstreuten sich. Manche erleichtert, manche verwirrt, manche mit dem Gesichtsausdruck von Menschen, die gerade erfahren haben, dass das Feuerwerk abgesagt wurde und sie nach Hause gehen können. An der Tür drehte sich jemand um und fragte: „Und was machen wir jetzt mit dem Banner?“

    „Nehmen Sie es ab“, sagte Frau Kowalski. „Und drucken Sie nie wieder etwas in Comic Sans.“

    UE4, Frau Kowalski, Tim und ich standen noch im leeren Foyer. Das Whiteboard mit UE4s drei Prinzipien leuchtete im Neonlicht wie eine Predigt, die jemand an die Wand einer Kathedrale geschrieben hatte, nur mit weniger Gold und mehr Edding.

    „Maxime Nr. 4“, sagte UE4 leise. „Strukturen sind wie Kleidung, nützlich, wenn sie passen, albern, wenn man herausgewachsen ist.“

    „Sie hat es gut gemeint“, sagte ich. Weil Dr. Brandt es gut gemeint hatte. Weil der Impuls, etwas, das funktioniert, auf alle auszuweiten, kein schlechter Impuls war. Nur ein naiver.

    „Die meisten Fehler werden mit guten Absichten gemacht“, sagte UE4. „Der Unterschied zwischen einer guten Absicht und einem guten Ergebnis ist: Geduld. Und die Bereitschaft, den Leuten zuzutrauen, dass sie ihren eigenen Weg finden.“

    „Dann wird das lange dauern“, sagte Frau Kowalski.

    „Natürlich wird es das. Aber eine echte Veränderung, die von innen kommt, hält. Eine verordnete Veränderung, die von oben kommt, hält genau so lange, bis der Verordner nicht mehr hinschaut.“

    Tim nickte. „Wie bei Lehrern. Die strengen Lehrer haben Ordnung, solange sie im Raum sind. Die guten Lehrer haben Ordnung, wenn sie den Raum verlassen.“

    Wir sahen Tim an. Tim wurde rot. Aber er hatte recht. Wie immer, wenn Tim etwas sagte, das er nicht hätte sagen sollen, war es genau das Richtige.

    Der Rest des Montags verlief in der ruhigen Erschöpfung, die auf gescheiterte Großereignisse folgt. Eine Mischung aus Erleichterung und dem vagen Gefühl, dass man gerade etwas Wichtiges erlebt hatte, ohne genau sagen zu können, was. Ich saß in meinem Büro, reparierte zur Abwechslung tatsächlich einen Drucker (Nummer 4 in Gebäude C, ein Modell, das älter war als Tim und ungefähr genauso unberechenbar), als ich Schritte auf dem Flur hörte.

    Schnelle Schritte. Zielgerichtete Schritte. Die Sorte Schritte, die ein Mensch macht, der genau weiß, wohin er will, und keine Zeit hat für Umwege, Smalltalk oder die Frage, ob er sich an der Pforte anmelden sollte.

    Ich blickte auf.

    Ein Mann ging an meiner Bürotür vorbei. Dunkler Anzug, diesmal gut sitzend. Nicht der schlecht sitzende BWL-Student-Anzug vom letzten Mal, sondern ein richtiger Anzug. Der Anzug eines Mannes, der in der Zwischenzeit mindestens zwei Gehaltserhöhungen und eine Beförderung bekommen hatte. Oder der einfach gelernt hatte, wo man ordentliche Anzüge kauft, was in gewissen Kreisen vermutlich dasselbe war.

    Hinter ihm, einen halben Schritt zurück, ein jüngerer Mann. Mitte zwanzig, Sneakers, Hemd ohne Krawatte, der Gesichtsausdruck von jemandem, der gleichzeitig aufgeregt und skeptisch ist, was bei jungen Menschen der Standardzustand zu sein scheint.

    Der Anzugmensch ging kurz grüßend an meinem Büro vorbei, ein Nicken, knapp wie ein Telegramm aus den Zwanzigern, und marschierte direkt weiter den Flur entlang. Richtung UE4s Büro.

    „Hey!“, rief ich und sprang auf. „Hey, warten Sie!“

    Er wartete nicht. Er war schon an UE4s Tür.

    Ich hechelte hinterher. Im wörtlichen Sinne: Ich sprang über meinen Bürostuhl, dessen Rollen in einem Akt mechanischer Sabotage genau in dem Moment in meinen Weg rollten, als ich aufstehen wollte, stolperte über das Druckerkabel, das ich gerade reparierte, und erreichte UE4s Büro in einem Zustand, der irgendwo zwischen „gehetzt“ und „aus einem brennenden Gebäude geflohen“ lag.

    Der Anzugmensch stand vor UE4. UE4 saß in seinem Rollstuhl, einen Tentakel in der Schreibtischschublade versenkt, aus der er gerade eine Handvoll Cashews fischte. Der junge Mann stand hinter dem Anzugmenschen und starrte UE4 an mit einem Gesichtsausdruck, der in Echtzeit die fünf Phasen der Verarbeitung durchlief: Unglaube, Schock, Faszination, Akzeptanz und, erstaunlich schnell, etwas, das verdächtig nach Begeisterung aussah.

    „Siehst du“, sagte der Anzugmensch zu seinem jüngeren Kollegen, ohne sich umzudrehen. „Habe ich dir doch gesagt.“

    „Das crazy“, sagte der Jüngere.

    Der Anzugmensch streckte die Hand aus.

    Der Jüngere zog, sichtlich widerwillig, aber mit der Fairness eines Menschen, der eine Wette verloren hat und es akzeptiert, einen Fünfzig-Euro-Schein aus seiner Jackentasche und legte ihn in die ausgestreckte Hand.

    „Sie haben gewettet“, sagte ich. „Sie haben gewettet, ob UE4 existiert?“

    Der Anzugmensch faltete den Schein mit der Sorgfalt eines Origami-Künstlers und steckte ihn in seine Brusttasche. Dann drehte er sich zu mir um. Er sah mir in die Augen. Tief. Ruhig. Mit dem Blick eines Mannes, der Dinge wusste, die er nicht sagen durfte, und der genau das auch nicht vorhatte.

    „Wir waren nie hier“, sagte er.

    „Sie waren schon mal hier. Vor Monaten. Mit einem Klemmbrett und drei Fragen.“

    „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“

    UE4 knackte eine Cashew. „Möchten Sie Studentenfutter? Wie beim letzten Mal, als Sie nie hier waren?“

    Der Anzugmensch sah UE4 an. Dann mich. Dann seinen Kollegen. Dann wieder UE4. Ein Hauch von etwas, das bei einem anderen Menschen ein Lächeln gewesen wäre, aber bei ihm eher aussah wie eine leichte Verschiebung der tektonischen Platten seines Gesichts.

    Er drehte sich um. Sein Kollege folgte ihm, warf noch einen letzten Blick auf UE4, den Blick eines Menschen, der gerade fünfzig Euro verloren hatte, aber dafür etwas gewonnen hatte, das sich nicht in Geld messen ließ, und dann waren sie weg. So schnell, wie sie gekommen waren. Zwei Männer, die nie hier gewesen waren, um einem Alien einen Besuch abzustatten, den es nie gegeben hatte.

    „Er hat immerhin nicht das Blitzdings aus Men in Black dabei“, sagte ich.

    UE4 sah mich fragend an. „Was ist ein Blitzdings?“

    „Ein Ding, das blitzt und einem das Gedächtnis löscht. Aus einem Film.“

    „Das gibt es wirklich?“

    „Nein. Das ist Science Fiction.“

    „Ich bin ein Alien, das in einer Badewanne in Köln lebt und die Menschheit rettet, indem es Nüsse isst. Science Fiction hat hier keine Beweiskraft mehr, Marcel.“

    Er hatte nicht unrecht.

    Am Abend lag UE4 in seiner Wanne, der richtigen, in meinem Badezimmer, nicht dem Kinderpool-Provisorium, und schimmerte in einem warmen, zufriedenen Gold. Die Sorte Gold, die bei ihm bedeutete, dass die Welt in Ordnung war, oder zumindest in der bestmöglichen Unordnung.

    Frau Petersen saß auf dem Klodeckel. Jens auf dem Badezimmerhocker. Auf UE4s Laptop lief Bajrangi Bhaijaan, und irgendwo in der ersten halben Stunde hatte Salman Khan etwas getan, das alle drei gleichzeitig zum Seufzen gebracht hatte, wobei UE4s Seufzen klang wie ein Walross, das in warmem Wasser meditiert.

    „Marcel!“, rief Jens, als ich in der Badezimmertür erschien. „Du verpasst die beste Szene!“

    „Ich verpasse mein eigenes Badezimmer. Seit Wochen.“

    „Herr Bremer“, sagte Frau Petersen, und sie sagte es mit der Milde einer Frau, die genau wusste, dass sie in meiner Wohnung mehr Zeit verbrachte als ich, und die darin kein Problem sah. „Setzen Sie sich. Ich habe Streuselkuchen.“

    „Frau Petersen, das ist, das ist mein Bad. Meine Wanne. Mein Klo, auf dem Sie sitzen.“

    „Eben. Dann dürfen Sie auch ruhig Platz nehmen.“

    UE4 hob einen Tentakel, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. „Marcel, wir haben etwas beschlossen.“

    „Wenn es darum geht, dass ich mir Barimgi Beifang anschaue, dann …“

    „Bajrangi Bhaijaan. Und Nein. Obwohl du das solltest, es ist ein herausragender Film über die Überwindung von Grenzen, die Menschen sich selbst auferlegt haben. Aber nein.“ Er drehte zwei Augen zu mir, die anderen beiden blieben bei Salman Khan. „Wir gründen einen Filmclub.“

    „Einen Filmclub.“

    „Den Bollywood-Filmclub Köln-Ehrenfeld. Frau Petersen, Jens und ich. Wir haben darüber gesprochen, während du noch unterwegs warst.“

    „Während ich den Kollaps eines Firmen-Dailys überlebt habe.“

    „Genau. Wir brauchen einen Raum. Einen richtigen Raum. Nicht dein Badezimmer.“

    „Da bin ich ganz bei dir.“

    „Frau Petersen hat sich erkundigt. In der Venloer Straße gibt es einen kleinen Laden, der bis vor kurzem ein Nagelstudio war. Siebenundachtzig Quadratmeter, Hinterhof, fünfhundert Euro kalt. Der Vermieter ist ein Herr Özdemir, der laut Frau Petersen ‚ein ganz Netter‘ ist, was in Ehrenfeld die höchste Form der Empfehlung darstellt.“

    „Ihr wollt einen Laden mieten“, sagte ich. „Einen Laden. Für einen Filmclub.“

    „Es wäre der erste interplanetarische Filmclub der Erde“, sagte UE4. „Da ist ein eigener Raum durchaus angemessen.“

    Frau Petersen nickte mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die ihre Angelegenheiten stets mit derselben Effizienz regelte, mit der andere Menschen scheiterten. „Ich habe schon mit Herrn Özdemir gesprochen. Er hat gefragt, ob wir laut sind. Ich habe gesagt: Bollywood-laut. Er hat gesagt: Er ist mit Bollywood-Filmen aufgewachsen. Er will Gründungsmitglied werden.“

    „Der Vermieter will Mitglied werden“, wiederholte ich.

    „Er bringt einen Beamer mit. Sein Sohn hat einen. Und eine Leinwand. Die hatte er noch vom WM-Public-Viewing 2014.“

    „Eine Leinwand“, sagte Jens ehrfürchtig. „Das ist hundertmal besser als dein Laptop, UE4.“

    „Das bedeutet hundertmal so viel Bollywood“, sagte UE4, und sein Gold wurde so intensiv, dass es das Badezimmer in ein warmes Licht tauchte, das aussah wie Sonnenuntergang über einer besonders sentimentalen Strandszene in einem, nun ja, Bollywood-Film.

    „Und ich stelle meinen Fernseher als Backup zur Verfügung“, sagte Frau Petersen. „Dreiundfünfzig Zoll. Mein Enkel hat ihn mir zu Weihnachten geschenkt. Ich habe bisher nur die Tagesschau darauf geschaut, was meinen Enkel sehr traurig gemacht hat.“

    „Das bedeutet“, sagte ich, und ich sagte es langsam, weil die Erkenntnis sich gerade ihren Weg durch mein erschöpftes Gehirn bahnte wie Sonnenlicht durch Wolken, „dass mein Badezimmer wieder mir gehört.“

    „Exakt.“

    „Mein Badezimmer. Meine Wanne. Mein Klo.“

    „Alles deins.“

    „Ich kann wieder auf mein eigenes Klo gehen.“

    „Das war immer dein Klo, Marcel. Wir haben es nur gemeinschaftlich genutzt.“

    „Das ist kein Klo, das man gemeinschaftlich nutzt, UE4. Das ist mein Klo.“

    Frau Petersen räusperte sich. „Apropos, Herr Bremer, ich habe Ihnen ja in der Zwischenzeit den Schlüssel zu meiner Wohnung gegeben, damit Sie mein Bad benutzen können. Aber das ist ja nun keine Dauerlösung.“

    „Nein“, sagte ich. „Nein, das ist keine Dauerlösung. Und es ist auch keine Lösung. Es ist eine, eine …“

    „Ein Workaround“, sagte UE4. „Und Workarounds sind per Definition temporär. So wie der Filmclub die permanente Lösung ist.“

    „Montags und Donnerstags“, sagte Frau Petersen. „Um 19 Uhr. Ich mache Streuselkuchen.“

    „Und ich bringe Nüsse“, sagte UE4.

    Auf dem Laptop überquerte Salman Khan gerade eine Grenze, und irgendwo in der Venloer Straße wartete ein ehemaliges Nagelstudio auf seinen wahren Bestimmungszweck, und in meinem Badezimmer würde bald wieder Stille herrschen, die friedliche, kostbare, unterschätzte Stille eines Badezimmers, das niemandem gehört als seinem Besitzer.

    „Abgemacht“, sagte ich.

    „Sie können gerne vorbeikommen“, sagte Frau Petersen. „Montags und Donnerstags. Venloer Straße. Herr Özdemir macht Tee.“

    „Danke, Frau Petersen. Aber ich werde montags und donnerstags etwas anderes tun.“

    „Was denn?“

    „Auf mein eigenes Klo gehen. In Ruhe. Ohne Bollywood.“

    UE4 schimmerte. Jens grinste. Frau Petersen schnitt mir ein Stück Streuselkuchen ab.

    Und irgendwo in einem Büro, das es offiziell nicht gab, schrieb ein Mann im Anzug vermutlich gerade einen Bericht über einen Besuch, der nie stattgefunden hatte, bei einem Alien, das nicht existierte, in einer Firma, die gerade auf die harte Tour gelernt hatte, dass man Veränderung nicht verordnen kann.

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