Rufen Sie uns nicht wieder an
by srimbachEs gibt Dinge, auf die bereitet einen das Leben vor. Steuererklärungen. Scheidungen. Der Moment, in dem man feststellt, dass der Joghurt im Kühlschrank seit drei Wochen abgelaufen ist und mittlerweile eine eigenständige Zivilisation entwickelt hat. (Besonders, wenn man vorher noch einige Löffel gegessen hat.)
Und dann gibt es Dinge, auf die bereitet einen niemand vor. Zum Beispiel die Frage, wie man einen außerirdischen Organismus von der Ostsee nach Köln transportiert, wenn das einzige verfügbare Transportmittel eine Yamaha XJ900 ist, die im besten Fall zwei Personen tragen kann, vorausgesetzt, beide Personen haben eine annähernd menschliche Anatomie und keine sechs Tentakeln.
„Kein Problem“, sagte Jürgen, als ich ihm dieses logistische Dilemma schilderte.
„Wie, kein Problem? Du bist rund. Und nass. Und du hast sechs Arme. Oder Beine. Oder was auch immer das ist.“
„Tentakeln.“
„Tentakeln, ja. Der Soziussitz meiner Yamaha ist für Menschen konzipiert. Menschen haben zwei Beine, einen Hintern und im Idealfall die Fähigkeit, sich festzuhalten. Kannst du nicht mit deinem Raumschiff fliegen?“
„Ich habe einen Rollstuhl“, sagte Jürgen, als wäre das die offensichtlichste Lösung der Welt.
Er glitt aus dem Wasser. Es war das erste Mal, dass ich ihn sich bewegen sah, und es war, ich suche nach dem richtigen Wort, anmutig. Auf eine Art, die man nicht erwarten würde, wenn man ein tonnenförmiges, chromgrünes Wesen betrachtet. Er bewegte sich über den nassen Sand wie Quecksilber über eine Glasplatte, lautlos und fließend, und erreichte einen Punkt weiter oben am Strand, an dem ein Gegenstand stand. Ich schwöre, der war vorher nicht da.
„Das“, sagte Jürgen, „ist mein Rollstuhl.“
Es war kein Rollstuhl. Jedenfalls nicht das, was ein Mensch unter einem Rollstuhl verstehen würde. Es sah aus wie eine Kreuzung aus einem Schubkarren, einem Aquarium und einem sehr ambitionierten Science-Fiction-Requisit. Eine Art offene Wanne auf Rädern, vier Stück, leicht schimmernd, aus einem Material, das weder Gummi noch Metall zu sein schien. Dazu eine halbtransparente Kuppel, die sich offenbar bei Bedarf schließen ließ, und ja, tatsächlich: eine Halterung, die verdächtig nach Tablet-Ständer aussah. Wir brachten das Rollstuhl-Dings zu meiner Maschine.
Jetzt zum eigentlichen Problem: Wie befestigt man einen außerirdischen Rollstuhl an einem Motorrad? Als erfahrener Biker hat man natürlich immer Spanngurte und Kabelbinder dabei. Aber das Ding?
Während ich noch nachdachte, legte Jürgen schon los. Die Kopplung an mein Motorrad erfolgte über einen Mechanismus, den ich nicht verstand und der ein leises Summen von sich gab, das entweder bedeutete „alles in Ordnung“ oder „wir werden alle sterben“. Ich entschied mich für Interpretation eins.
„Ist das sicher?“, fragte ich, während ich die Verbindung skeptisch beäugte.
„Definiere sicher.“
„Wird es halten, wenn wir über die Autobahn fahren?“
„Es hat die Landung aus der Stratosphäre überlebt. Ich denke, eure Autobahnen dürften kein Problem darstellen.“
„Du bist aus der Stratosphäre…“
„Wir sollten aufbrechen. Die Nacht ist kühl, und meine Haut braucht regelmäßige Befeuchtung.“
Ich holte trotzdem zwei Spanngurte und eine Handvoll Kabelbinder aus meinem Topcase und befestigte alles zusätzlich. Das Alien beobachtete mich dabei mit der höflichen Geduld eines Ingenieurs, der einem Kind zuschaut, wie es mit Klebeband ein Flugzeug repariert.
„Das ist nicht nötig“, sagte er.
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber es beruhigt mich.“
Ich setzte meinen Helm auf, startete die Yamaha und fuhr los. Mit einem außerirdischen Beiwagen. Auf einer Landstraße in Schleswig-Holstein. Um 22:00 Uhr nachts.
Die Yamaha nahm das Zusatzgewicht mit der stoischen Gelassenheit eines Motorrads, das in seinem Leben schon einiges mitgemacht hatte, aber das hier definitiv nicht auf seiner Bucket-List gehabt hatte. Sie brummte etwas tiefer als gewöhnlich, zog leicht nach links, aber hielt Kurs. Brave Maschine.
Jürgen neben mir schien die Fahrt zu genießen. Die halbdurchsichtige Kuppel seines Rollstuhls war geschlossen, und im Inneren leuchtete es schwach bläulich, vermutlich irgendein Befeuchtungssystem. Gelegentlich sah ich, wie er einen seiner Tentakeln hob und gegen die Kuppel tippte, und jedes Mal erschien dort ein kurzes Leuchten. Er machte Notizen. Der Außerirdische machte Feldnotizen. Über Schleswig-Holstein.
Falls irgendwann in einer fernen Bibliothek auf dem Planeten Ssalgh ein wissenschaftlicher Aufsatz über die „nächtliche Infrastruktur norddeutscher Flachlandregionen“ erscheint, ich war dabei.
Die Fahrt nach Köln dauerte viereinhalb Stunden und war, abgesehen von einem kurzen Tankstopp, erstaunlich ereignislos.
Der Tankstopp verdient vielleicht eine kurze Erwähnung. Nicht wegen des Tankens selbst, das verlief ohne Zwischenfälle, sondern wegen des Mannes, der an der Nebenzapfsäule seinen Sprinter betankte und beim Anblick meines Beiwagens kurz stutzte.
Er betrachtete die bläulich leuchtende Kuppel. Er betrachtete mich. Er betrachtete die Kuppel erneut.
„Was isn das?“, fragte er.
„Aquarium“, sagte ich. Gut, vielleicht klang es eher nach einer Frage als sei ich mir selber nicht sicher, ob das auch nur ansatzweise glaubhaft sei.
Er nickte. „Geil“, sagte er. Und tankte weiter.
Es ist immer gleich: Menschen sehen, was sie sehen wollen. Und die meisten wollen nichts Ungewöhnliches sehen. Es ist einfacher so. Es ist bequemer. Und es erspart einem die unangenehme Notwendigkeit, sein Weltbild zu überdenken. Was, wenn man ehrlich ist, auch ziemlich anstrengend wäre. Ich meine, ich stand hier gerade an einer Tankstelle in Niedersachsen, neben einem bläulich leuchtenden außerirdischen Beiwagen, und der einzige Mensch, der hinschaute, fand es „geil“. Die Menschheit in einem Wort.
In Köln angekommen stellte sich eine Frage, die in keinem Science-Fiction-Film jemals thematisiert wird, weil sie zu langweilig ist, aber in der Realität das eigentliche Problem darstellt:
Wem sagt man Bescheid?
Ich meine das ernst. Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade einen Außerirdischen kennengelernt. Einen echten. Mit Tentakeln und allem. Und jetzt stehen Sie in Ihrer Wohnung, einer Dreizimmerwohnung in Köln-Ehrenfeld, dritter Stock, Aufzug defekt. Und ein Außerirdischer sitzt in Ihrer Badewanne, weil er Wasser braucht, und fragt Sie nach dem WLAN-Passwort.
Immerhin war die Wohnung groß genug für einen Gast. Meine Freundin war vor drei Wochen ausgezogen. Die Kurzversion: „Du liebst deine PlayStation 4 mehr als mich.“ (Anmerkung: Es hilft in solchen Situationen nicht, darauf hinzuweisen, dass es eine PS5 ist. Es hilft auch nicht, zu argumentieren, dass man die PS5 ja technisch gesehen nicht „lieben“ kann, weil sie kein empfindungsfähiges Wesen ist. Es hilft überhaupt nichts. Ich habe alles versucht.) Dazu kamen die Klassiker: „Du bist so ein Kind“, „Ich ziehe zu Max in die Südstadt“.
Eigentlich hatte das Wochenende an der Ostsee mich auf andere Gedanken bringen sollen. Mission accomplished, würde ich sagen. Nur eben nicht ganz so, wie geplant.
Wen rufen Sie an? Das war das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Vermutlich würden bald Präsidenten, der Papst und Neil deGrasse Tyson in meinem Wohnzimmer sein. Oh Gott. Ich habe nicht aufgeräumt. Was soll ich sagen? Tut mir leid, Eure Heiligkeit, aber meine Freundin ist abgehauen und seitdem geht es mir nicht so gut? Sie kennen das ja. Oder eher nicht. Also, wen anrufen?
Die Polizei? Die verweisen Sie an die nächste psychiatrische Notaufnahme. Das Militär? Deutschland hat eine Bundeswehr, die Schwierigkeiten hat, ihre eigenen Hubschrauber in die Luft zu bekommen. Ein Alien-Kontaktprotokoll gibt es dort mit Sicherheit nicht. Das Auswärtige Amt? Zuständig für diplomatische Beziehungen zwischen Nationen, nicht zwischen Planeten. Außerdem ist Freitagabend, da ist niemand mehr da. Die ESA? Das ist mein Arbeitgeber. Theoretisch die naheliegendste Wahl. Praktisch die absurdeste. Weil: Was soll die ESA tun? Wir bilden Astronauten aus. Wir schießen Satelliten hoch. Wir haben vage Pläne für den Mars. Aber ein konkretes, bereits anwesendes Alien? Nicht im Geschäftsplan.
Ich rief Jens an.
„Jens.“
„Marcel? Wie sieht es aus in Kellenhusen?“
„Jens, hör zu. Das mit den Außerirdischen.“
„Ja?“
„Es stimmt.“
Stille. Lange Stille. Die Art von Stille, in der man das Ticken einer Uhr hören kann und das leise Geräusch eines Weltbildes, das Risse bekommt.
„Bist du betrunken?“, fragte Jens.
„Er sitzt in meiner Badewanne.“
„Wer?“
„Der Außerirdische. Er braucht Wasser. Er ist ein aquatischer Organismus. Er heißt Jürgen.“
„Er heißt Jürgen.“
„Ja. Also nein. Aber wir haben uns erstmal darauf geeinigt. Wir werden einen neuen Namen für ihn suchen müssen.“
„Der Außerirdische.“
„Ja.“
„In deiner Badewanne.“
„Ja.“
Noch eine Stille. Dann: „Ich komme rüber.“
Jens kam. Jens sah. Jens setzte sich auf meinen Küchenstuhl und sagte fünf Minuten lang gar nichts, was für Jens ein absoluter Rekord war und vermutlich nie wieder gebrochen werden wird. Es war, als hätte jemand den Lautstärkeregler an der Jens-Konsole auf null gedreht, ein Phänomen, das ich für physikalisch unmöglich gehalten hatte.
Jürgen, der während dieser Minuten höflich in der Badewanne gewartet und dabei offenbar drei Folgen Dallas auf seinem Tablet geschaut hatte, sagte schließlich: „Dein Freund scheint etwas überrascht.“
„Er verarbeitet“, sagte ich.
„Wie lange dauert das bei eurer Spezies?“
„Unterschiedlich. Bei Jens könnte es eine Weile dauern.“
Jens verarbeitete noch etwas länger. Dann trank er zwei Tassen Kaffee, sah mich an und sagte: „Wir müssen jemanden anrufen.“
„Ach was. Und wen?“
„Keine Ahnung. Aber irgendjemanden.“
So begann das, was ich im Nachhinein die „Telefonwoche“ nenne, obwohl es in Wirklichkeit nur drei Tage dauerte. Jens telefonierte. Mit allen. Und ich saß daneben, trank Kaffee und hörte zu, wie die Institutionen des deutschen Staates eine nach der anderen an der Realität scheiterten.
Anruf eins: das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. (Ja, das gibt es wirklich. Es hat ein eigenes Gebäude und alles.)
„Guten Tag, hier ist Jens Bartels von der ESA in Köln. Wir haben eine, äh, Situation. Es geht um einen außerirdischen Kontakt.“
Stille. Dann: „Sie meinen eine Übung?“
„Nein, ich meine einen tatsächlichen außerirdischen Organismus, der momentan in der Badewanne meines Kollegen sitzt.“
„Ist das ein Scherz?“
„Nein.“
„Rufen Sie bitte die Polizei an.“
„Die Polizei hat uns an Sie verwiesen.“
„Dann rufen Sie bitte das Innenministerium an.“
Anruf zwei: das Bundesinnenministerium. Jens wurde dreimal weitergeleitet, von der Zentrale an die Abteilung für Krisenmanagement, von dort an die Abteilung für Bevölkerungsschutz (die ihn zurück ans Bundesamt verwies), und schließlich an eine Referentin, die sich als „zuständig für Sonderfälle“ vorstellte.
„Sonderfälle klingt gut“, sagte Jens hoffnungsvoll. „Wir haben definitiv einen Sonderfall.“
„Um was für einen Sonderfall handelt es sich?“
„Einen Außerirdischen.“
„Einen… Moment bitte.“ Rascheln. Tippen. Sehr langes Tippen. „Ich sehe hier keinen Vorgang. Haben Sie eine Referenznummer?“
„Für was eine Referenznummer?“
„Für den Sonderfall.“
„Es gibt keine Referenznummer. Es gibt einen Außerirdischen. In einer Badewanne. In Köln.“
„Ohne Referenznummer kann ich leider keinen Vorgang anlegen. Versuchen Sie es beim Auswärtigen Amt.“
Anruf drei: das Auswärtige Amt. Es war inzwischen Samstagnachmittag, was bedeutete, dass Jens mit einem Anrufbeantworter sprach, der ihm mitteilte, dass das Amt montags bis freitags von acht bis sechzehn Uhr erreichbar sei und er in dringenden konsularischen Notfällen die Bereitschaftsnummer wählen solle.
Jens wählte die Bereitschaftsnummer.
„Bereitschaftsdienst, Auswärtiges Amt.“
„Guten Tag, ich muss einen Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies melden.“
„…Welche Staatsangehörigkeit hat die betroffene Person?“
„Keine. Er kommt von einem anderen Planeten.“
„Ohne Staatsangehörigkeit sind wir leider nicht zuständig. Versuchen Sie es beim UNHCR.“
Jens legte auf und starrte mich an. „Sie wollte mich an das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen verweisen.“
„Technisch gesehen“, rief UE4 aus der Badewanne, „bin ich tatsächlich eine Art Flüchtling. Allerdings weniger vor Verfolgung und mehr vor Langeweile.“
Anruf vier: die Bundespolizei. Die war zumindest ehrlich.
„Hören Sie“, sagte der Beamte am Telefon, „ich sage Ihnen jetzt mal was. Selbst wenn das stimmt, was Sie mir erzählen, und ich sage nicht, dass es stimmt, dann sind wir trotzdem nicht zuständig. Wir machen Grenzschutz. Und der Weltraum ist keine Grenze, die wir kontrollieren.“
„Also ist illegale Einreise aus dem All kein Problem?“
„Solange er nicht über den Frankfurter Flughafen eingereist ist, nein.“
Anruf fünf, und das war der Tiefpunkt, rief Jens den ADAC an. Nicht weil er sich irgendeine Hilfe davon versprach, sondern weil der ADAC die einzige deutsche Institution ist, die rund um die Uhr erreichbar ist und immer jemanden schickt. Egal wofür. Die teilten ihm mit, dass Pannenhilfe für außerirdische Fahrzeuge leider nicht im Leistungskatalog enthalten sei, boten aber an, das Motorrad kostenlos abzuschleppen, falls es Probleme mit dem Beiwagen gebe.
Die Reaktionen folgten, wenn man einen Schritt zurücktrat und das Ganze als Soziologe betrachtete (was UE4 tat, mit wachsender Begeisterung und ausführlichen Notizen auf seinem Tablet), einem bemerkenswert einheitlichen Muster:
Phase 1: „Das ist nicht witzig.“
Phase 2: „Sie meinen das ernst?“
Phase 3: „Das ist nicht unser Zuständigkeitsbereich.“
Phase 4: „Haben Sie mal bei [andere Behörde] angerufen?“
Es war wie ein bürokratisches Karussell, nur dass sich niemand amüsierte und am Ende jedem schlecht war. Außer UE4. Der amüsierte sich großartig. Er hatte sich inzwischen in der Badewanne so bequem eingerichtet, dass das Badezimmer aussah wie die Feldstation eines Anthropologen, nur nasser und mit deutlich mehr Tentakeln.
„Faszinierend“, sagte er nach dem ADAC-Anruf und machte dabei dieses Augen-Schimmern, das sein Lächeln war. „Eure Zivilisation hat ein System gebaut, das so komplex ist, dass es eine Situation wie meine Anwesenheit schlicht nicht verarbeiten kann. Nicht weil sie zu schwierig wäre, sondern weil niemand ein Formular dafür hat.“
„Willkommen in Deutschland“, sagte ich.
„Ich meine das nicht negativ. Es ist nur… ihr habt für alles ein Formular. Für Hundeanmeldungen. Für Baumfällgenehmigungen. Für die Abmeldung eines Zweitwohnsitzes. Aber für den Erstkontakt mit einer außerirdischen Zivilisation gibt es nichts. Kein Formular, kein Protokoll, keinen Paragrafen. Es ist, als hätte das gesamte System beschlossen, dass es das nicht gibt, und sich geweigert, die Realität zu aktualisieren.“
„Wir sind gut im Ignorieren“, sagte ich. „Hatten wir schon festgestellt.“
Bis Jens am dritten Tag beim BND landete.
Der Bundesnachrichtendienst. Deutschlands Geheimdienst, der, wenn man den Medien glaubt, hauptsächlich damit beschäftigt ist, die eigene Regierung abzuhören und anschließend zu vergessen, was er gehört hat. Aber der BND hatte etwas, das keine andere Behörde hatte: Akten.
„Wir sind im Bilde“, sagte die Stimme am Telefon. Sachlich. Ruhig. Die Stimme eines Menschen, der berufsmäßig nie überrascht ist, oder zumindest nie zeigt, wenn er es ist.
Jens sah mich an. Ich sah Jens an.
„Im Bilde?“, fragte Jens.
„Es gab drei vorherige Sichtungen. 1987 in der Nordsee. 2003 vor den Azoren. 2011 im Pazifik. Alle drei konnten nicht verifiziert werden, da die beobachteten Entitäten wieder verschwanden, bevor eine Kontaktaufnahme möglich war.“
„Drei?“, sagte ich. „Es gab schon drei?“
„Korrekt. Ihre Sichtung wäre die vierte. Wir führen diese Fälle unter der Bezeichnung UE, Unknown Entity. Ihre Entität wäre demnach UE4.“
„UE4″, wiederholte ich. UE4… Wenn man es englisch ausspricht, klingt es wie „Juey Four“. Oder noch kürzer: Joey. Fast wie Jürgen, aber irgendwie… besser.
„Was empfehlen Sie?“, fragte Jens.
„Wir empfehlen: Unauffälligkeit. Keine Medien. Keine Öffentlichkeit. Wir arbeiten an einem Plan. Um ehrlich zu sein, wir haben für diese Situation keine definierte Vorgehensweise. Daher muss ich Sie um Geduld bitten.“
„Also… verstecken?“
„Wir nennen es diskrete Integration.“
„Das klingt nach verstecken, nur mit mehr Silben.“
„Willkommen beim Geheimdienst.“
Am Abend saßen Jens und ich in meiner Küche. UE4, der Name hatte sich innerhalb weniger Stunden festgesetzt wie ein Ohrwurm, nur nützlicher, lag in der Badewanne und schaute Dallas. Durch die geschlossene Badezimmertür drang der gedämpfte Klang texanischer Familiendramen, untermalt vom gelegentlichen Plätschern eines zufriedenen Außerirdischen. Ich hinterfragte das nicht. Mein Gehirn hatte diesen Bereich einfach ausgeschaltet. Ich glaube, das nennt man Schock.
Jens drehte sein Bierglas zwischen den Händen und starrte an die Wand, als suche er dort nach einer Erklärung, die nicht kommen würde.
„Marcel?“
„Ja?“
„Wir haben einen Außerirdischen in deiner Badewanne, der Geheimdienst weiß Bescheid, die Regierung ist nicht zuständig, und sein offizieller Status ist, wie war das noch?“
„Diskrete Integration.“
„Diskrete Integration.“ Er nahm einen großen Schluck. „Und was machen wir jetzt?“
Aus dem Badezimmer rief UE4: „Ich habe Hunger. Hier läuft gerade eine Werbung für Studentenfutter. Kann ich das haben? Und die WLAN-Geschwindigkeit ist unter dem interstellaren Durchschnitt. Erheblich.“
Jens sah mich an. Ich sah Jens an. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei und warf ein wanderndes Lichtmuster über die Küchendecke, das aussah wie eine Galaxie auf der Durchreise.
Irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene auf. Ein Hund bellte. Köln ging seinen normalen Geschäften nach, völlig ahnungslos, dass in einer Dreizimmerwohnung in Ehrenfeld – dritter Stock, Aufzug defekt – gerade die Zukunft der Menschheit in einer Badewanne lag und sich über die Internetgeschwindigkeit beschwerte.
Manche Dinge ändern sich nie. Andere ändern sich in einer einzigen Nacht. Das Kunststück besteht darin, zu erkennen, welche welche sind.
Ich war mir nicht sicher, ob ich das konnte. Aber ich war mir sicher, dass ich morgen Studentenfutter kaufen musste.
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