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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Es gibt Momente, in denen man als Mensch feststellt, dass das Universum einen Sinn für Humor hat, der deutlich fieser ist als der eigene. Dieser Moment kam für mich an einem Dienstagabend, als ich nach einem langen Tag, in dem Herr Paulsen einen dreiseitigen Antrag auf Genehmigung des Austauschs einer Glühbirne eingereicht hatte, nach Hause kam und in meinem Wohnzimmer auf ein Schlachtfeld traf.

    UE4 saß in seinem tragbaren Wasserbehälter vor dem zum Fernseher umfunktionierten Laptop. Alle vier Augen waren gerötet. Aus zweien liefen Tränen, oder das, was bei seiner Spezies als Tränen durchging: eine leicht schimmernde, bläulich-transparente Flüssigkeit, die in dünnen Fäden über seinen chromgrünen Körper lief und kleine Pfützen auf dem Wohnzimmerboden hinterließ, die aussahen wie geschmolzene Schneeflocken aus einem sehr deprimierten Paralleluniversum.

    Auf dem Bildschirm: Dallas. Aber nicht irgendeine Folge. Die Folgen 356 und 357. Das Finale. Die Doppelfolge, in der ein Engel J.R. Ewing zeigt, wie die Welt ohne ihn gewesen wäre.

    „Oh nein“, sagte ich.

    UE4 sah mich an. Mit drei Augen gleichzeitig, das vierte zeigte, wie immer bei seiner Anatomie, stur in die entgegengesetzte Richtung, aber drei von vier sind einschüchternd genug, und in diesem Moment waren sie hauptsächlich nass. Sehr, sehr nass. Er sah aus wie eine chromgrüne Regenwolke, die beschlossen hatte, sich persönlich bei mir auszuweinen.

    „Marcel“, sagte er, und seine Stimme hatte einen Klang, den ich bei ihm noch nie gehört hatte. Rau. Brüchig. Als hätte jemand einen Kontrabass mit Sandpapier bespannt. „Die Welt ohne J.R. … sie ist besser. Alle sind glücklicher. Seine Familie. Seine Freunde. Natürlich auch seine Feinde. Ohne ihn ist alles …“ Er suchte nach dem Wort. „… heil.“

    „Ja, das ist der Punkt der …“

    „Und er sieht es! Er sieht, dass er das Problem war. Die ganze Zeit. Und er kann es nicht mehr ändern.“ Ein Schluchzer. Ein außerirdischer Schluchzer, der klang wie ein Walross, das in eine Tuba weint. „Er hat sein ganzes Leben damit verbracht, Macht zu akkumulieren, und am Ende wird ihm gezeigt, dass die Welt ohne seine Macht und ohne ihn besser funktioniert.“

    Ich stand in der Tür und wusste nicht, ob ich lachen oder mitleiden sollte. Wenn man je erleben möchte, wie es aussieht, wenn ein Wesen mit vier Augen Rotz und Wasser heult, dann … nein, eigentlich möchte man das nicht erleben.

    Ich ging in die Küche, holte eine Rolle Küchenkrepp und reichte sie ihm. Er nahm sie mit drei Tentakeln gleichzeitig, was bei der Menge an Flüssigkeit, die sein Gesicht produzierte, auch absolut angemessen war.

    „Du weißt aber schon“, sagte ich vorsichtig, „dass J.R. eine fiktive Figur ist? Erfunden? Von Drehbuchautoren, die pro Folge wahrscheinlich weniger verdient haben, als J.R. für eine Tankfüllung ausgibt?“

    „Natürlich weiß ich das. Aber das macht es nicht weniger wahr. Das Prinzip ist wahr. Zentralisierte Macht korrumpiert nicht nur die Person, die sie ausübt, sie korrumpiert das gesamte System. J.R. ist nicht das Monster. Das System, das J.R. möglich macht, ist das Monster.“

    Ich setzte mich neben ihn. Auf dem Bildschirm stand J.R. auf einer Brücke. Der Engel war verschwunden. J.R. war allein mit der Erkenntnis, dass er die Welt schlechter gemacht hatte, einfach indem er so war, wie er war.

    „Weißt du was“, sagte ich. „Diese Doppelfolge basiert auf einem Film. Einem der schönsten Filme, die Menschen je gemacht haben.“

    UE4 drehte ein Auge zu mir. Die anderen drei waren noch am Bildschirm. „Was für einem Film?“

    „Ist das Leben nicht schön. Von 1946. George Bailey, ein Mann aus einer Kleinstadt, der sein ganzes Leben lang seine eigenen Träume zurückstellt, um anderen zu helfen. Er übernimmt die kleine Bausparkasse seines Vaters, vergibt faire Kredite an arme Leute, solche Sachen. Und als er eines Tages selbst in einer finanziellen Katastrophe steckt, will er sich umbringen, weil er glaubt, seine Familie wäre ohne ihn besser dran. Dann kommt ein Engel und zeigt ihm, wie die Welt ohne ihn aussehen würde. Und die Welt ohne George Bailey ist viel schlimmer. Weil er, ohne es zu merken, das Gute in seiner ganzen Stadt zusammengehalten hat.“

    UE4 schnäuzte sich erneut. Dann richtete er drei seiner vier Augen auf mich, das Maximum, das seine Anatomie erlaubte, und ein Zeichen dafür, dass er es ernst meinte. „Das ist das exakte Gegenstück. J.R. macht die Welt schlechter, ohne es zu sehen. Und dieser George Bailey macht sie besser, ohne es zu wissen?“

    „Genau das.“

    „Hast du den Film?“

    „Irgendwo auf einer Festplatte. Oder wir streamen ihn. Moment.“

    Zwanzig Minuten später saßen wir vor dem Fernseher, eine Tüte Studentenfutter zwischen uns, sein Beitrag, eine Packung Chips dazu, meiner. Auf dem Bildschirm begann das schwarz-weiße Wunder von Bedford Falls sich zu entfalten.

    Ich hatte den Film seit Jahren nicht mehr gesehen. Früher hatte ich ihn jedes Weihnachten geschaut, und irgendwann hatte ich aufgehört, weil man als Erwachsener beschließt, dass man keine sentimentalen Filme mehr braucht, was natürlich eine Lüge ist, die man sich erzählt, um nicht zugeben zu müssen, dass man immer noch bei denselben Stellen weint wie mit zehn.

    UE4 war gebannt. Drei Augen auf den Bildschirm, das vierte starrte pflichtbewusst in Richtung Küche, aber kein Tentakel bewegte sich. Er war so still, dass ich seinen Herzschlag hören konnte, oder was auch immer das rhythmische Pulsieren war, das bei seiner Spezies als Kreislauf durchging. Es klang wie eine sehr langsame Waschmaschine im Schonwaschgang.

    Bei der Szene, in der George Bailey auf der Brücke steht und darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen, machte UE4 ein Geräusch, das ich nicht einordnen konnte. Es war kein Schluchzen. Es war etwas Tieferes, Leiseres. Ein Laut, der aus dem Bauch kam, oder dem, was bei seiner Spezies den Bauch darstellte, und der mehr Traurigkeit transportierte als jeder menschliche Schrei.

    Als Clarence, der Engel, George die Welt ohne ihn zeigte, die dunkle, kaputte Version von Bedford Falls, in der alles schiefgegangen war, flüsterte UE4: „Das ist es. Das ist das Gegenteil von J.R.“

    „Ja.“

    „George Bailey ist der Beweis, dass individuelle Güte systemische Wirkung hat. Dass ein Mensch, der seinen Nachbarn hilft, der faire Kredite vergibt, der sich für seine Gemeinschaft einsetzt, dass dieser eine Mensch das Gefüge seiner gesamten Umgebung stabilisiert.“

    „So hätte es kein Filmkritiker ausgedrückt. Aber ja.“

    Und dann kam die Schlussszene. Die Szene, in der George Bailey nach Hause kommt und alle da sind. Seine Frau, seine Kinder, seine Freunde, die ganze Stadt. Alle legen Geld zusammen, um ihn zu retten. Weil er sie gerettet hat. Nicht durch Macht. Nicht durch Kontrolle. Sondern dadurch, dass er da war und getan hat, was richtig war. Jedes Mal.

    UE4 weinte.

    Und wenn ich vorhin von „Rotz und Wasser“ gesprochen habe, dann war das eine Untertreibung. Das hier war eine Sturzflut. Ein Dammbruch. Vier Augen, alle gleichzeitig, jedes einzelne produzierte Tränen mit einer Effizienz, die ein deutsches Wasserwerk neidisch gemacht hätte. Seine Haut hatte sich von Chromgrün zu einem tiefen, satten Meerblau verfärbt, eine Farbe, die ich bei ihm noch nie gesehen hatte und die offenbar das ssalghianische Äquivalent von „zutiefst berührt“ war.

    Ich muss gestehen: Ich weinte auch ein bisschen. Aber im Vergleich zu UE4 war das wie ein Nieselregen neben einem Tsunami.

    „Marcel“, sagte er schließlich, nachdem er sich die halbe Rolle Küchenkrepp durchgeschnäuzt hatte. „Dieser Film. Wie alt ist er?“

    „Von 1946. Achtzig Jahre.“

    „Und eure Spezies hat immer noch nicht verstanden, was er sagt?“

    Das saß.

    Als ich im Bett lag, musste ich noch lange darüber nachdenken. UE4 hatte recht. Achtzig Jahre, und wir schauten den Film jedes Weihnachten, aßen Plätzchen dazu und vergaßen die Botschaft spätestens am zweiten Januar wieder.

    Am nächsten Morgen, Mittwoch, mein Kater diesmal rein emotionaler Natur, ging es zurück an die Arbeit. Die dreiunddreißig Post-Its hingen immer noch an der Wand im Konferenzraum, mittlerweile leicht dreckig und an den Rändern eingerollt, wie eine Tapete in einem Studentenwohnheim. Die Problemlandkarte war da. Aber die Probleme waren noch immer Probleme.

    Die drei Arbeitsgruppen hatten sich unter dem Einfluss des Brainstormings zwar beruhigt, waren aber in einen Zustand gefallen, den ich als „kooperative Ratlosigkeit“ bezeichnen würde: Alle waren bereit zusammenzuarbeiten, aber niemand wusste, womit.

    UE4 rollte in den Konferenzraum, stellte sich vor die Post-It-Wand und sagte: „Wir haben dreiunddreißig Hypothesen. Die Frage ist nicht, welche richtig ist. Die Frage ist: Wie finden wir heraus, welche falsch sind?“

    „Indem wir sie testen?“, sagte Tim der Praktikant, und es klang wie die Antwort eines Schülers, der hofft, dass die offensichtliche Antwort auch die richtige ist.

    „Exakt. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, nicht die eigene Hypothese testen. Sondern die der anderen.“

    Stille. Die Art von Stille, die entsteht, wenn eine Gruppe von Menschen kollektiv versteht, dass etwas Unbequemes auf sie zukommt.

    UE4 griff nach den Post-Its, mischte sie mit vier Tentakeln gleichzeitig durch, was aussah wie ein sehr effizienter, leicht beunruhigender Kartentrick, und verteilte sie. Zufällig.

    Herr Dr. Teichmann, der überzeugte Stress-Theoretiker, bekam Frau Niemeyers LED-Hypothese. Frau Niemeyer bekam Herrn Witts thermodynamische Gleichung. Herr Witt bekam den Zettel „Könnte es psychisch ansteckend sein?“ Der Jurist bekam „Schimmel in der Lüftung?“ Frau Kowalski bekam die Stress-Theorie. Tim bekam seinen eigenen Zettel zurück, „Aliens?“, und wurde merklich blass.

    „Ihre Aufgabe“, sagte UE4, „ist es, die Hypothese, die Sie in der Hand halten, zu verteidigen. Nicht Ihre eigene. Die, die Sie bekommen haben. Egal, ob Sie sie für richtig oder falsch oder völlig irrsinnig halten. Sie müssen Argumente finden, warum diese Hypothese stimmen könnte. Und dann müssen Sie einen Weg vorschlagen, wie man sie überprüfen kann.“

    „Aber ich halte die LED-Theorie für Unsinn“, sagte Herr Dr. Teichmann.

    „Wunderbar“, sagte UE4. „Dann wird es für Sie besonders lehrreich sein.“

    Frau Niemeyer hingegen, und das war die eigentliche Überraschung, sah auf Herrn Witts Gleichung und sagte: „Die Idee, die Kollapsfälle als Zustandsänderung zu modellieren, ist gar nicht so abwegig. Nicht thermodynamisch natürlich. Aber als Analogie.“

    Herr Witt, der seine Gleichung noch nie von jemandem hatte loben hören, wurde rot. Vor Freude. Ein Ingenieur, der rot wird vor Freude, weil jemand seine Arbeit nicht sofort ablehnt. Wenn das kein Zeichen für dysfunktionale Arbeitskultur war, dann wusste ich auch nicht.

    Was in den nächsten zwei Stunden passierte, war etwas, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte: Die Leute hörten einander zu. Nicht das höfliche Zuhören, bei dem man wartet, bis der andere fertig ist, damit man endlich seinen eigenen Punkt machen kann. Sondern echtes Zuhören. Die Art, bei der man die Idee eines anderen durch den eigenen Kopf rollen lässt, sie dreht und wendet und plötzlich merkt: Da ist etwas dran. Nicht alles. Aber etwas. Und dieses Etwas ist mehr, als man gesehen hätte, wenn man nur auf die eigene Idee gestarrt hätte wie ein Hund auf eine geschlossene Kühlschranktür.

    Herr Dr. Teichmann, gezwungen, die LED-Theorie zu verteidigen, fand tatsächlich einen Punkt: Die Kollapsfälle hatten alle in Gebäude C stattgefunden. Nicht wegen der LEDs, aber vielleicht war der Ort relevant. Frau Niemeyer, die Herrn Witts Gleichung verteidigen musste, entdeckte, dass die zeitlichen Abstände zwischen den Kollapsen einem Muster folgten, das zumindest mathematisch beschreibbar war. Und der Jurist, der die Schimmel-Hypothese bekommen hatte, ging nach dem Meeting tatsächlich in den Keller, um die Lüftungsanlage zu inspizieren. Er fand keinen Schimmel, aber ein Familienfoto von 1997, das jemand hinter einem Rohr verloren hatte, und eine erstaunliche Menge Staubmäuse.

    Am Ende des Nachmittags hatten sie nicht nur Argumente für fremde Ideen gefunden, sondern auch Schwächen in den eigenen entdeckt. Nicht weil jemand sie angegriffen hatte. Sondern weil sie, indem sie die Perspektive wechselten, plötzlich Dinge sahen, die sie vorher nicht sehen konnten.

    UE4 rollte vor die Gruppe und sagte: „Auf meinem Planeten gibt es eine Maxime, die das zusammenfasst. Maxime Nummer 5.“ Er schrieb an die Wand, mit der inzwischen vertrauten Tentakel-Marker-Kombination:

    Zusammenarbeit beginnt da, wo du bereit bist, deine Idee zu verlieren.

    Herr Dr. Teichmann las den Satz. Las ihn nochmal. Dann nickte er langsam, und es war das erste aufrichtige Nicken, das ich von ihm gesehen hatte. Kein taktisches Nicken, kein „Ich nicke, damit das Meeting schneller vorbei ist“-Nicken. Ein echtes.

    Frau Kowalski sagte leise: „Das ist verdammt gut.“

    „Es ist verdammt schwer“, korrigierte UE4. „Aber deswegen ist es eine Maxime und kein Vorschlag.“

    Die Ergebnisse mussten nun irgendwie zusammenfließen. Die Teams hatten Hypothesen, Gegenargumente, Testvorschläge, aber alles verteilt auf verschiedene Köpfe, verschiedene Notizbücher, verschiedene Excel-Tabellen, die miteinander so kompatibel waren wie ein Staubsauger mit einer Geige.

    „Wir brauchen ein System“, sagte Frau Kowalski am nächsten Tag. „Regelmäßige Updates. Wöchentliche Berichte an Dr. Brandt. Eine Statusmatrix.“

    „Nein“, sagte UE4.

    Alle starrten ihn an.

    „Kein wöchentlicher Bericht. Zu lang. Zu langsam. Die Informationen sind veraltet, bevor die Tinte trocken ist, oder bevor Marcels Drucker sie ausgedruckt hat.“ Er sah mich kurz an. „Kein Seitenhieb.“

    „War aber einer.“

    „Möglicherweise.“ Tentakel-Schimmern, sein Schmunzeln. „Stattdessen: Jeden Morgen. Fünfzehn Minuten. Alle zusammen. Im Stehen.“

    „Im Stehen?“, fragte Herr Dr. Teichmann, als hätte UE4 vorgeschlagen, das Meeting in Unterwäsche abzuhalten.

    „Im Stehen. Wer steht, fasst sich kurz. Wer sitzt, macht es sich bequem. Und wer es sich bequem macht, redet zu viel.“

    Am nächsten Morgen, Punkt neun, standen sie alle im Konferenzraum. Standen. Nicht saßen. Was allein schon eine Revolution war, denn in der Geschichte der ESA hatte es noch nie ein Meeting gegeben, in dem nicht mindestens drei Personen gemütlich in einem Drehstuhl vor sich hin rotierten wie gut gekleidete Dönerspieße.

    Frau Kowalski fing an. Sie drehte sich zu UE4 und sagte: „UE4, wir haben gestern die Gebäudepläne von …“

    UE4 hob einen Tentakel. „Nicht mir berichten.“

    Stille.

    „Wie bitte?“

    „Ihr berichtet nicht mir. Schaut euch gegenseitig an. Tauscht euch aus. Was habt ihr herausgefunden? Was braucht ihr voneinander? Was blockiert euch?“ Er rollte demonstrativ einen halben Meter nach hinten, weg von der Gruppe, an den Rand des Kreises. „Ich bin nicht euer Chef.“

    „Aber Sie haben die Methode …“

    „Das macht mich nicht zum Chef. Es macht mich zu dem, der zufällig wusste, wie’s geht. Und Dr. Brandt“, er sah kurz zur Tür, als könnte Dr. Brandt jeden Moment hereinkommen, was bei ihr immer im Bereich des Möglichen lag, „ist hierbei auch nicht eure Chefin. Sie ist die Sponsorin des Projekts. Aber in diesem Raum, in diesen fünfzehn Minuten, gibt es keine Hierarchie. Nur Menschen, die ein Problem lösen wollen.“

    Er schrieb auf das Whiteboard, unter die bereits vertrocknenden Post-Its:

    Maxime Nr. 8: Niemand ist Chef. Aber manchmal weiß jemand, wie’s geht.

    „Was zum …“ Herr Dr. Teichmann rieb sich die Stirn. „Das widerspricht sich doch!“

    „Nein“, sagte UE4 geduldig. „Es unterscheidet zwischen Autorität und Kompetenz. Autorität ist eine Position. Kompetenz ist ein Zustand. Eine Position ist dauerhaft. Ein Zustand wechselt. Heute weiß Frau Kowalski, wie man die Gebäudepläne liest. Morgen weiß Herr Witt, wie man die Daten modelliert. Übermorgen weiß Tim, wie man …“

    „Googelt?“, schlug Tim vor.

    „… relevante Informationen schnell beschafft“, sagte UE4 diplomatisch. „Der Punkt ist: Wer etwas weiß, führt in dem Moment. Nicht weil jemand es angeordnet hat. Sondern weil die Situation es verlangt.“

    Frau Kowalski sah Herrn Witt an. Herr Witt sah Frau Niemeyer an. Frau Niemeyer sah den Juristen an. Der Jurist sah Tim an. Tim sah auf den Boden, aber das lag vermutlich daran, dass er Praktikant war und das Anschauen von Autoritätspersonen für Praktikanten ungefähr so natürlich ist wie Tauchen für Katzen.

    Dann sagte Frau Kowalski, und sie sagte es zu Herrn Witt, nicht zu UE4: „Wir haben gestern die Gebäudepläne durchgesehen. Alle drei Kollapsfälle waren in Gebäude C, drittes Stockwerk, Ostflügel. Innerhalb eines Radius von etwa dreißig Metern.“

    Herr Witt nickte. „Das passt zu meiner zeitlichen Analyse. Wenn ich den Ort als Variable hinzufüge, wird das Muster deutlicher. Ich könnte bis morgen …“

    „Ich helfe“, sagte Frau Niemeyer. Und dann, als sie merkte, was sie gerade gesagt hatte, dass sie, die LED-Theoretikerin, dem Thermodynamiker ihre Hilfe anbot, lächelte sie. Es war ein kleines Lächeln, aber es war echt, und es war mehr wert als dreiunddreißig Post-Its zusammen.

    Das Meeting dauerte vierzehn Minuten. Eine Minute unter dem Limit. UE4 machte das Augen-Schimmern.

    Die fünfzehn Minuten am Morgen wurden zur Gewohnheit. Jeden Tag, Punkt neun. Im Stehen. Ohne Bericht an den Chef, weil es in diesen fünfzehn Minuten keinen Chef gab. Nur Menschen, und ein Alien, die ein Problem zu lösen versuchten.

    Am dritten Tag kam Dr. Brandt dazu. Sie stand am Rand, die Arme verschränkt, und beobachtete. Als Frau Kowalski sich reflexartig zu ihr umdrehte, um ihr die Ergebnisse zu präsentieren, sagte Dr. Brandt, und ich hätte niemals erwartet, dass diese Worte ihren Mund verlassen würden: „Reden Sie nicht mit mir. Reden Sie miteinander.“

    UE4 und Dr. Brandt tauschten einen Blick. Also, UE4 richtete zwei Augen auf sie, und sie nickte kaum merklich. Es war ein Moment stiller Verständigung zwischen zwei Wesen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, aber die offenbar beide verstanden, dass manchmal die beste Führung darin besteht, nicht zu führen.

    Am fünften Tag brauchte Herr Dr. Teichmann keinen Moderator mehr. Am siebten Tag brachte Frau Niemeyer von sich aus Post-Its mit, um neue Erkenntnisse direkt an die Wand zu hängen. Am neunten Tag stellte Tim eine Frage, die so gut war, dass Herr Witt ihn zum Mittagessen einlud, was in der akademischen Hierarchie einer Ritterschlagung gleichkam.

    Und irgendwann, ich kann nicht genau sagen wann, es war ein Prozess, kein Moment, hörten die Teams auf, sich als Teams zu sehen. Sie wurden eine Gruppe. Eine einzige Gruppe, die an einem Problem arbeitete, mit verschiedenen Fähigkeiten, verschiedenen Perspektiven und der gemeinsamen Bereitschaft, die eigene Idee zu verlieren, wenn eine bessere kam.

    UE4 beobachtete das alles von seinem Platz am Rand des Kreises. Er machte Notizen. Er machte immer Notizen. Aber manchmal, und das bemerkten nur Leute, die wussten, worauf sie achten mussten, schimmerten seine Augen.

    An einem Freitagabend, nach einer Woche, die anstrengend und seltsam hoffnungsvoll gewesen war, saßen UE4 und ich wieder in meinem Wohnzimmer. Ich hatte ihm zur Feier des Tages die Fernbedienung überlassen, was bei einem Wesen mit vier Augen und sechs Tentakeln bedeutete, dass er durch die Streaming-Kataloge scrollte wie ein Oktopus durch ein Korallenriff: schnell, in alle Richtungen gleichzeitig und mit einer leicht beunruhigenden Zielstrebigkeit.

    Plötzlich stoppte er.

    Auf dem Bildschirm: Ein Mann und eine Frau, die in einem Senffeld standen. Die Frau trug einen Sari in einem Rot, das so intensiv war, dass es vermutlich aus dem All sichtbar gewesen wäre. Der Mann hatte ein Hemd, das in mindestens drei Knöpfe zu weit offen stand. Beide sahen einander tief in die Augen, während eine Musik einsetzte, die klang, als hätte jemand ein komplettes Orchester in einen Mixer geworfen, Zucker dazugegeben und auf höchste Stufe gestellt. Na super, einer dieser Bollywood-Filme.

    Dann begannen beide zu tanzen. In dem Senffeld. Mit Choreografie. Und dreißig Hintergrundtänzern, die aus dem Nichts erschienen, als hätte das Senffeld sie ausgebrütet.

    „Was“, sagte ich, „ist das?“

    UE4 antwortete nicht. Er starrte auf den Bildschirm. Drei Augen weit geöffnet, das vierte vermutlich auch, nur eben in die falsche Richtung. Und seine Haut, seine Haut machte etwas, das ich noch nie gesehen hatte: Sie flackerte. Schnelle, kleine Farbwechsel, von Grün zu Türkis zu einem warmen Gold und wieder zurück, wie ein Chamäleon auf einem Discofloor.

    „Dilwale Dulhania Le Jayenge“, flüsterte er. „Großartig.“

    „Bollywood-Filme? Du kennst das? Das ist Maximum-Kitsch!“

    „Ich habe es in einer Filmdatenbank gefunden. Diese … diese Ehrlichkeit der Emotionen. Diese völlige Abwesenheit von Ironie. In eurer westlichen Kultur verbirgt ihr eure Gefühle hinter sieben Schichten Zynismus. Aber das hier …“ Er deutete auf den Bildschirm, wo der Mann die Frau inzwischen um die eigene Achse drehte, während im Hintergrund ein Zug vorbeifuhr, der exakt zum Taktschlag der Musik hupte. „… das hier ist rein. Ungefiltert. So machen wir das auf Ssalgh.“

    „Ihr tanzt in Senffeldern?“

    „Wir leben unsere Emotionen ohne Filter. Wenn wir traurig sind, sind wir traurig. Wenn wir glücklich sind, leuchten wir. Buchstäblich.“ Er hob einen Tentakel, und tatsächlich, seine Haut pulsierte in einem warmen, goldenen Schimmer. „Eure Bollywood-Filme sind das Ehrlichste, was eure Spezies je produziert hat.“

    „Ehrlicher als Dallas?“

    „Dallas zeigt, wie ihr seid. Bollywood zeigt, wie ihr sein wollt. Und das Zweite ist viel interessanter.“

    Er drückte auf Play. Die nächsten gut drei Stunden schauten wir einen Film, in dem mindestens viermal getanzt, dreimal geweint, zweimal gestorben und einmal von den Toten auferstanden wurde, und in dem jedes einzelne Gefühl so groß und bunt und überwältigend war wie ein Feuerwerk in einem Farbladen.

    UE4 weinte. Dreimal. Lachte viermal. Und sein Hautton durchlief dabei ein Spektrum, das die gesamte Farbpalette eines mittelgroßen Baumarkts abdeckte.

    „Marcel“, sagte er am Ende, als der Abspann lief und die Musik langsam ausklingte.

    „Ja?“

    „Ich brauche mehr davon. Sofort. Alle. Wie viele gibt es?“

    Ich googelte kurz. „Bollywood produziert etwa tausendfünfhundert bis zweitausend Filme pro Jahr.“

    Seine vier Augen weiteten sich. Er machte einen Laut, der bei seiner Spezies offenbar das Äquivalent eines freudigen Quietschens war. Es klang wie ein Delphin, der im Lotto gewonnen hat.

    „Marcel, das ist die beste Nachricht, die ich seit meiner Ankunft auf diesem Planeten bekommen habe.“

    Ich lehnte mich zurück und dachte: Wir suchen nach einem mysteriösen Virus, immer mehr Kollegen sind zu Bürokratie-Zombies geworden, niemand weiß warum, und mein außerirdischer Mitbewohner hat gerade Bollywood für sich entdeckt.

    Irgendwo da draußen lachte das Universum sich schlapp.

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