Relativistische Snacks
by srimbachEs war ein Freitag wie die meisten Freitage so sind. Man schleppt sich durch die letzten Stunden, beantwortet drei E-Mails, die schon seit Dienstag hätten beantwortet werden sollen, und starrt auf die Uhr, als könnte man sie durch bloße Willenskraft beschleunigen. Was, wie ich an diesem Nachmittag lernen sollte, zumindest theoretisch möglich ist, wenn man sich nur schnell genug bewegt.
Die letzten Tage waren, gemessen an unseren neuen Standards, relativ ereignislos verlaufen. UE4 hatte den Supermarktbesuch erstaunlich gut überstanden. Zumindest hatte er sich nur zweimal übergeben müssen, einmal an der Fleischtheke und einmal, dezenter, hinter dem Aufsteller für die Grillsaison, auf dem ein lachender Mann eine Bratwurst in die Kamera hielt, als hätte er gerade die Lösung für den Nahostkonflikt gefunden. Ansonsten hatte sich der Alltag in einer Normalität eingependelt, die unter den Umständen fast schon unheimlich war. UE4 studierte die ESA von innen. Ich hütete Drucker. Die Welt drehte sich weiter.
Gegen 15:00 Uhr an besagtem Freitag ging mein Zuckerspiegel merklich den Bach runter. Das passiert, wenn man seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hat. Mein Frühstück war ein halbherziges Croissant aus dem Automaten gewesen, das ungefähr so viel Nährwert hatte wie die Verpackung drum herum, dafür aber vermutlich länger haltbar war.
Ich schlenderte zu UE4s Büro. Nicht, weil ich seine Gesellschaft suchte, sondern weil er immer einen ausreichenden Vorrat an Nüssen mit Schokoladenüberzug in seinem Schreibtisch hatte. Zum Glück gibt es das Zeug auch in einer veganen Variante. Und wenn es nicht circa zehnmal so viel kosten würde wie das milchhaltige Pendant, würde man den Unterschied nicht mal merken.
Ich klopfte pro forma an seine Tür (sie stand ohnehin offen) und trat ein. Sein Büro roch wie immer nach einer Mischung aus Salzwasser, warmem Plastik und dem schwachen Hauch von Schokolade. Ein Aroma, das es in keinem Duftladen der Welt zu kaufen gab.
„Hey, UE, wie ist die Lage?“
„Schon klar, bedien dich.“ Er schaute nicht mal von seinem Bildschirm auf.
„Oh.“ Ich versuchte zumindest eingeschnappt zu wirken. „Bin ich so durchschaubar?“
„Nicht mehr als der Rest der Menschheit.“ Ehrlichkeit war ihm wichtig. Manchmal schmerzhaft wichtig. Auf Ssalgh hatte die Evolution das Konzept der höflichen Lüge offenbar übersprungen. Vermutlich weil man bei vier Augen, die gleichzeitig in alle Richtungen schauen, ohnehin nichts verbergen kann.
Ich zog die oberste Schreibtischschublade auf und fischte mir eine Handvoll der dunkelbraunen Kugeln heraus. Die vegane Version. Die Verpackung versprach „ethisch vertretbaren Genuss ohne Kompromisse“. Ethisch vertretbar für alle außer meinem Bankkonto.
Während ich kaute, ließ ich meinen Blick durch sein Büro streifen. Und erst da fiel es mir auf.
„Oh. Die Wände sind gestrichen.“
Die Wände waren tatsächlich frisch gestrichen. Ein helles, warmes Blau, das an Meeresgrund erinnerte. Die vergilbte Raufasertapete, die bisher den Charme eines Wartezimmers beim Amtsarzt verströmt hatte, war verschwunden. Und das Regal an der hinteren Wand, ein Metallmonster aus den Neunzigern, das seit meinem ersten Arbeitstag vor sich hin gerostet hatte, stand gerade. Gerade und stabil, als hätte es nie gewackelt.
„Ja, heute Morgen gemacht“, sagte UE4, ohne aufzuschauen, was bei vier Augen auch schwierig ist.
„Wow. Und das Regal ist auch repariert?“ Ich klopfte gegen einen der Regalböden, und er gab keinen Millimeter nach. „Wie hast du denn den Hausmeister dazu bekommen? Bei mir dauert das Wochen. Ich hab im Januar ein Ticket geschrieben, weil mein Fenstergriff lose war, und die Antwort war: ‚Wird priorisiert.‘ Was in ESA-Sprache bedeutet: ‚Wir werden es vergessen, aber auf eine offizielle Art.'“
„Ich habe das natürlich selbst gemacht.“
„Was?“ Ich hörte auf zu kauen. „Du hast die Wände selbst gestrichen? Und das Regal repariert? Aber dafür haben wir doch Mitarbeiter. Gebäudemanagement, Facilityservice, den ganzen Apparat. Wenn das rauskommt, dass du hier eigenhändig mit Farbrolle und Schraubenzieher…“
UE4 machte seine Pause. Die Pause, die er immer machte, wenn er einem Menschen etwas erklären musste, das für ihn so selbstverständlich war wie Atmen. Geduldig, aber erschöpft. So wie ein Mathelehrer, der zum zwanzigsten Mal erklärt, dass man nicht durch null teilen kann, und langsam anfängt zu verstehen, warum manche Kollegen zum Alkohol greifen.
„Du weißt, dass unsere Gesellschaft über Maximen funktioniert“, sagte er. Zwei seiner Augen richteten sich auf mich, die anderen beiden blieben auf dem Bildschirm. „Die erste Maxime lautet: Wer etwas sieht, tut etwas. Wer nichts tut, hat vielleicht nicht hingeschaut.“
Er ließ die Worte in der Luft hängen, als wäre das auf Ssalgh so selbstverständlich wie bei uns „Rechts vor links“.
„Ah, verstehe“, sagte ich, was eine Lüge war, aber eine höfliche. Und höfliche Lügen sind das Schmiermittel der menschlichen Zivilisation. „Das gibt es bei uns auch. In New York steht in den U-Bahnen: ‚If you see something, say something.‘ Ist so ein Sicherheitsding.“
„Nein, nicht ganz.“ UE4 drehte sich jetzt ganz zu mir um, was bei ihm bedeutete, dass ein weiteres Auge in meine Richtung schwenkte. Dozier-Modus. „Bei euch heißt es: Sag etwas. Bei uns heißt es: Tu etwas. Das ist ein erheblicher Unterschied.“ Er hob einen Tentakel und deutete auf die frisch gestrichene Wand. „Die Wand war fleckig. Das Regal wackelte. Es ist mein Büro. Ich arbeite hier. Nicht der Hausmeister.“
„Und dann hast du einfach entschieden, alles neu zu streichen?“
„Entscheidungen sind nicht an Zuständigkeiten gebunden, sondern an Beobachtungen.“ Er sagte das mit einer ruhigen Bestimmtheit. „Wenn wir etwas bemerken, sind wir verantwortlich. Nicht, weil wir schuld sind. Sondern weil wir da sind.“
Ich dachte an meinen losen Fenstergriff. An das Ticket. An die vier Wochen Wartezeit. An die Tatsache, dass ich jeden Tag an diesem Fenstergriff vorbeiging, ihn wackeln sah, und jedes Mal dachte: Nicht mein Zuständigkeitsbereich. Ein Schraubenzieher und dreißig Sekunden hätten gereicht.
Darauf brauchte ich erst mal noch ein paar Schokonüsse.
Während ich kaute, warf ich einen Blick auf UE4s Monitor. Was ich sah, überraschte mich dann doch.
„Ist das schon wieder Dallas?“
UE4 drehte sich kurz zu mir um, mit zwei seiner vier Augen. Die anderen beiden blieben auf den Bildschirm gerichtet. „Staffel drei. Die Episode, in der J.R. versucht, die Ewing Oil Company durch einen feindlichen Übernahmeversuch zu destabilisieren.“
„Du schaust irgendwie ständig Dallas.“
„Ich studiere menschliches Verhalten in sozialen Hierarchien“, korrigierte er mich. „Diese Serie ist ein erstaunlich akkurates Abbild eurer Gesellschaftsstrukturen. Machtkämpfe, Intrigen, die systematische Unterdrückung von Information als Währung.“
„Es ist eine Seifenoper aus den Achtzigern.“
„Genau. Und dennoch versteht J.R. Ewing mehr über agile Sabotage als die meisten eurer MBA-Absolventen.“ Er machte eine nachdenkliche Tentakelbewegung. „Obwohl sein Führungsstil zugegebenermaßen suboptimal ist.“
„Suboptimal?“
„Er zentralisiert Entscheidungen, behält Informationen zurück und behandelt seine Mitarbeiter wie Schachfiguren. Klassisches Wasserfalldenken, nur mit Cowboyhüten.“
Ich schnappte mir noch eine Handvoll Nüsse und setzte mich auf die Kante seines Schreibtischs. Auf dem Bildschirm stritten sich gerade zwei Männer mit beeindruckenden Schulterpolstern um irgendetwas, das wahrscheinlich mit Öl zu tun hatte.
„Sag mal“, begann ich, während J.R. gerade jemandem drohte, „wie weit ist dein Planet eigentlich entfernt?“
UE4 überlegte kurz. Er antwortete nie sofort, wenn es um Zahlen ging. Er rechnete im Kopf um, von welchem Maßsystem auch immer in unsere menschlichen Einheiten.
„Also nach euren Einheiten sind es circa 23 Lichtjahre.“
Ich pfiff durch die Zähne. „Wow, dann warst du ja hunderte Jahre lang unterwegs!“
UE4 brauchte wieder ein paar Sekunden. Mit zwei seiner vier Augen schaute er offenbar weiter Dallas. Sue Ellen warf gerade ein Glas an die Wand, was entweder dramaturgisch notwendig war oder einfach nur eine texanische Art, den Tisch zu decken.
„Geht so“, sagte er schließlich. „Für mich waren das ungefähr hundert Tage eurer Zeit.“
„Häh?“
Er seufzte. Ein Laut, der bei seiner Spezies klang wie eine Mischung aus Walgesang und dem Entweichen von Luft aus einem alten Fahrradreifen. Ich hatte diesen Laut in den letzten Wochen häufig gehört. Er bedeutete in etwa: „Ich werde jetzt etwas erklären, das dein Gehirn überfordern wird, und wir beide wissen das.“
„Marcel, hast du in der Schule Physik gehabt?“
„Bis zur zwölften Klasse. Dann habe ich aufgegeben. Beziehungsweise die Physik hat mich aufgegeben. Es war einvernehmlich.“
„Dann hast du vermutlich von der speziellen Relativitätstheorie gehört?“
„Einstein, E=mc², irgendwas mit Zügen und Blitzen? Und diese Sache, dass eine Uhr im Zug langsamer geht, was mir bis heute nicht einleuchtet, weil mein Zug zur Arbeit sich so langsam bewegt, dass die Zeit darin eher stehenzubleiben scheint.“
„Ungefähr.“ UE4 pausierte Dallas. Sue Ellen verharrte mitten im Wurf, das Glas für immer in der Luft, gefangen in einem Moment maximaler ehelicher Frustration. Dann konzentrierte er sich mit allen vier Augen auf mich. Das machte er nur, wenn er dozieren wollte. Ich schob mir vorsorglich noch zwei Schokonüsse in den Mund.
Er griff nach einem Stift und einem Notizblock. Analoge Technologie, die er „charmant primitiv“ nannte.
„Kennst du das Konzept der Zeitdilatation?“
„Zeitdilatation.“ Ich rollte das Wort durch meinen Mund. „Ich erinnere mich an das Wort. Nicht an das, was es bedeutet. So wie ich mich an Mitochondrien erinnere. Irgendwas mit Kraftwerk.“
„Die Kurzfassung: Wenn du dich sehr schnell bewegst, vergeht die Zeit für dich langsamer als für jemanden, der stillsteht. Bei 99 Prozent Lichtgeschwindigkeit zum Beispiel ist der Effekt schon um den Faktor sieben.“ Er kritzelte etwas auf den Block, das wie eine Formel aussah und das für mich genauso gut eine Einkaufsliste in Ssalghianisch hätte sein können.
„Faktor sieben. Das heißt, ein Jahr im Raumschiff, sieben Jahre auf der Erde?“
„Bei 99 Prozent Lichtgeschwindigkeit, ja. Aber wir fliegen deutlich schneller. Unser Antrieb beschleunigt mit 50G, konstant. Die erste Hälfte der Strecke beschleunigen wir, die zweite Hälfte bremsen wir ab. Am Scheitelpunkt sind wir weit jenseits von 99 Prozent Lichtgeschwindigkeit, und der Zeitdilatationseffekt wird… dramatisch.“ Er legte den Stift hin. „Für mich, an Bord, vergingen etwa hundert Tage. Für euch auf der Erde vergingen 23 Jahre.“
Ich brauchte einen Moment, um das sacken zu lassen. Hundert Tage. Dreieinhalb Monate. UE4 war im Grunde auf eine etwas längere Geschäftsreise gegangen, und als er ankam, war auf der Erde eine ganze Generation aufgewachsen.
„Warte“, sagte ich. „50G?!“ Ich verschluckte mich fast an einer Schokonuss. „Ein Kampfjet-Pilot wird bei 9G schon ohnmächtig! Fünfzig G würden einen Menschen zu Brei pressen! Zu einer dünnen Schicht Brei, die man mit einem Spachtel von der Rückwand kratzen müsste!“
„Ein anschauliches, wenn auch unappetitliches Bild. Aber korrekt.“ Er hob demonstrativ einen Tentakel und ließ ihn wellenförmig durch die Luft gleiten. „Wir haben keine Knochen im menschlichen Sinne. Unsere Körper sind flexibler. Und ich befinde mich in meinem Raumschiff im Wasser. Außerdem nutzen wir Trägheitsdämpfer. Ein Feld, das die Beschleunigungskräfte auf den Körper verteilt. Es ist, als würdest du in einem sehr dichten, aber völlig durchlässigen Medium schweben.“
„Das klingt nach Science-Fiction.“
„Für euch vermutlich. Für uns ist es Ingenieurskunst.“ Er machte eine kurze Pause. „Beziehungsweise für uns ist eure Science-Fiction Ingenieurskunst. Und eure Ingenieurskunst ist…“ Er suchte nach dem diplomatischen Wort.
„Sag es ruhig.“
„Ambitioniertes Basteln.“
Ich beschloss, das nicht persönlich zu nehmen, und griff nach mehr Schokonüssen.
„Und der Treibstoff?“, fragte ich. „Bei 50G Beschleunigung… wie viel Treibstoff braucht ihr dafür?“
Ich machte eine vage Handbewegung, die „wahnsinnig viel“ ausdrücken sollte, aber vermutlich eher nach „ich versuche, eine Fliege zu verscheuchen“ aussah.
UE4 machte einen Laut, der bei seiner Spezies einem amüsierten Schnauben entsprach.
„Das ist das Elegante daran: Wir brauchen keinen mitgeführten Treibstoff. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne.“
„Wie funktioniert das?“
„Unser Antrieb basiert auf vollständiger Materie-Energie-Konversion. Alles, was Masse hat, kann in Energie umgewandelt werden, und ich meine wirklich alles. E=mc² in seiner reinsten Form.“
„Aber woher kommt die Materie?“
„Aus der Umgebung.“ Er deutete vage nach oben. „Der Raum zwischen den Sternen ist nicht leer. Es gibt Wasserstoff, Helium, Staubpartikel, kosmische Strahlung. Nicht viel, etwa ein Atom pro Kubikzentimeter im interstellaren Raum, aber bei unseren Geschwindigkeiten sammelt sich das an.“
„Wie ein Ramjet“, sagte ich. Das Wort tauchte aus irgendeiner verstaubten Ecke meines Gedächtnisses auf, vermutlich aus einer Spektrum-der-Wissenschaft-Ausgabe, die ich mal im Wartezimmer beim Zahnarzt gelesen hatte.
„Exakt!“ UE4 klang fast erfreut, und sein Hautton wechselte für einen kurzen Moment zu einem helleren Grün. „Ihr nennt das Konzept Bussard-Ramjet. Ein riesiges Magnetfeld vor dem Schiff sammelt interstellaren Wasserstoff ein, der dann als Treibstoff verwendet wird. Bei euch ist das noch Theorie. Bei uns funktioniert es seit etwa zwanzigtausend eurer Jahre.“
„Zwanzigtausend Jahre“, wiederholte ich. Vor zwanzigtausend Jahren malten unsere Vorfahren Büffel an Höhlenwände und hielten Feuer für cutting-edge Technologie. Und diese Leute hier flogen schon zwischen den Sternen.
„Und ihr wandelt diesen Wasserstoff direkt in Energie um?“
„Nicht nur den Wasserstoff. Alles. Staub, Eis, kleine Asteroiden, wenn wir an einem vorbeikommen. Die Konversionseffizienz liegt bei etwa 99,7 Prozent.“
„Und die restlichen 0,3 Prozent?“
„Werden zu einem unangenehmen Geräusch.“
Ich war mir nicht sicher, ob das ein Witz war. Bei UE4 war man sich nie sicher.
Ich versuchte, mir das vorzustellen. Ein Raumschiff, das durch das Vakuum des Alls raste, ein gigantisches Magnetfeld wie ein unsichtbares Schleppnetz vor sich hertragend, das jeden noch so kleinen Krümel Materie einsammelte und in pure Energie verwandelte. Im Grunde der ultimative Staubsauger. Jemand sollte Dyson informieren.
„Das ist…“, begann ich.
„Elegant?“
„Ich wollte sagen: beängstigend.“
UE4 nickte, oder das, was bei ihm einem Nicken entsprach. Eine sanfte Wellenbewegung, die sich durch seinen ganzen Oberkörper zog.
„Du hast Recht, es ist beängstigend. Die gleiche Technologie, die uns erlaubt, zwischen den Sternen zu reisen, könnte auch verwendet werden, um Planeten zu zerstören.“ Er sagte das ruhig, beiläufig fast. Ein Fakt, kein Argument. „Ein Raumschiff mit 99,89 Prozent Lichtgeschwindigkeit, das auf einen Planeten trifft…“ Er machte eine Geste mit drei Tentakeln gleichzeitig, die wohl eine Explosion darstellen sollte. Es sah aus wie eine Blume, die in Zeitraffer aufblüht und dann beschließt, gleich wieder zu verwelken.
„Deshalb seid ihr Pazifisten?“
„Deshalb haben wir gelernt, es zu sein. Wenn deine Technologie das Potenzial hat, Welten auszulöschen, lernst du sehr schnell, Konflikte anders zu lösen. Entweder das, oder du existierst nicht mehr lange genug, um irgendetwas zu lernen.“ Er machte eine Pause, die schwerer wog als alles, was er zuvor gesagt hatte. „Wir nennen das den Großen Filter. Jede technologische Zivilisation erreicht irgendwann den Punkt, an dem ihre Fähigkeit zur Zerstörung ihre Fähigkeit zur Vernunft überholt. Was danach passiert, hängt davon ab, ob sie schnell genug erwachsen wird.“
Auf dem Bildschirm wartete Sue Ellen immer noch darauf, ihr Glas zu werfen. Die Zeit stand still, zumindest auf dem Monitor. Draußen, vor dem Fenster, saß die Taube noch immer auf dem Dienstwagen. Sie hatte ihren Kopf leicht geneigt, als lausche sie unserem Gespräch. Tauben hatten den Großen Filter vermutlich nie erreicht, aber das lag hauptsächlich daran, dass sie nie Atomwaffen entwickelt hatten. Was eigentlich ein Zeichen bemerkenswerter Intelligenz war.
„Weißt du“, sagte ich schließlich, „manchmal vergesse ich, dass du wirklich von einem anderen Planeten kommst. Dann erinnerst du mich daran, und ich fühle mich… klein.“
„Nicht klein.“ UE4s Stimme war weicher als gewöhnlich. „Jung. Eure Spezies ist jung. Ihr habt gerade erst angefangen, das Universum zu verstehen. Das ist nichts, wofür man sich schämen muss.“
„Wir können nicht mal aufhören, uns gegenseitig umzubringen.“
„Das konnten wir auch nicht. Vor etwa hunderttausend eurer Jahre. Dann haben wir die Materie-Energie-Konversion entwickelt, und plötzlich war die Alternative zur Kooperation… keine Alternative mehr.“
Ich dachte darüber nach. Über unsere Kriege, unsere Konflikte, unsere Fähigkeit, uns gegenseitig wehzutun. Und über die Vorstellung, dass vielleicht irgendwann auch wir begreifen könnten, dass Zusammenarbeit nicht nur eine nette Option ist, sondern die einzige, die funktioniert.
„Das klingt fast wie eine eurer Maximen“, sagte ich.
UE4 machte das Augen-Schimmern, sein Lächeln. „Du lernst.“
Mir fiel der frisch gestrichene Raum wieder ein. Die erste Maxime. Wer etwas sieht, tut etwas. Und hier, im Großen, dasselbe Prinzip: Eine Zivilisation, die gesehen hatte, wohin Zerstörung führt, und die beschlossen hatte, etwas zu tun. Nicht weil jemand es ihr befohlen hatte. Sondern weil sie hingeschaut hatte.
Ich drehte die letzte Schokonuss zwischen meinen Fingern. Etwas an der Sache mit der Zeitdilatation nagte an mir. Nicht die Physik, sondern etwas viel Menschlicheres.
„Aber wenn für dich nur hundert Tage vergangen sind und auf Ssalgh dreiundzwanzig Jahre…“ Ich zögerte. „Deine Familie. Deine Freunde. Die sind alle dreiundzwanzig Jahre älter geworden, während du weg warst. Ist das nicht…“ Ich suchte nach dem richtigen Wort. „Einsam?“
UE4 machte das Augen-Schimmern, aber diesmal lag etwas anderes darin. Etwas Wärmeres.
„Du denkst wie ein Mensch, der auf einem Planeten festsitzt“, sagte er. „Auf Ssalgh reisen alle. Ständig. Meine Schwester, oder das, was eurem Konzept einer Schwester am nächsten kommt, war auf einer Forschungsreise zu einem Doppelsternsystem, als ich aufbrach. Mein bester Freund erforscht die Gasriesen in einem System, das ihr noch nicht einmal katalogisiert habt. Meine Eltern waren gerade von einer zwanzigjährigen Expedition zurückgekehrt, als ich losflog.“ Er machte eine Tentakelbewegung, die an das Ausbreiten einer Landkarte erinnerte. „Wenn alle reisen, altert niemand allein. Man trifft sich wieder, irgendwann, irgendwo. Die Zeit dazwischen ist unterschiedlich lang, je nachdem, wer wie schnell geflogen ist. Aber man trifft sich.“
„Das ist wie eine Familie, die sich nur an Weihnachten sieht. Nur mit mehr Lichtjahren.“
„Und weniger Streit über Kartoffelsalat, nehme ich an.“
„Da wäre ich mir nicht so sicher. Kartoffelsalat ist ein tiefgreifendes Thema. Mit oder ohne Mayo, das sind Konflikte, die Zivilisationen spalten.“
UE4 machte sich tatsächlich eine Notiz. „Kartoffelsalat-Schisma. Faszinierend. Ich werde das untersuchen.“
Ich stand auf, klopfte mir Schokoladenreste von der Hose und warf einen letzten Blick auf den eingefrorenen Bildschirm.
„Ich lass dich wieder zu deiner Seifenoper.“
„Dallas ist keine Seifenoper. Es ist ein soziologisches Dokument.“
„Sicher.“
„Sue Ellen wird jetzt gleich das Glas werfen und dann weinend zusammenbrechen. J.R. wird ihr vorwerfen, hysterisch zu sein, obwohl er derjenige ist, der sie in diese Situation gebracht hat. Klassisches Gaslighting. Sehr lehrreich.“ Er machte eine Pause. „Eure Unterhaltungsindustrie zeigt mehr Wahrheit über eure Spezies als eure Nachrichten. Was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass erstere erfunden ist und letztere es nicht sein sollten.“
„Du bist ein komischer Vogel, UE4.“
„Ich bin kein Vogel. Ich bin ein aquatischer Organismus mit sekundären Anpassungen an amphibische Umgebungen.“
„Und ein Klugscheißer.“
„Das auch.“
Ich ging zur Tür, blieb aber noch einmal stehen. Durch das Fenster am Ende des Flurs fiel das späte Nachmittagslicht herein und warf lange Schatten über den Linoleumboden.
„Hey, UE4?“
„Ja?“
„Danke für die Erklärung. Mit der Zeitdilatation und dem Antrieb. Das war interessant. Und ein bisschen beängstigend. Aber hauptsächlich interessant.“ Ich zögerte kurz. „Und ich glaube, ich repariere morgen meinen Fenstergriff.“
UE4 machte das Augen-Schimmern. „Erste Maxime?“
„Erste Maxime.“
Er drückte auf Play, und Sue Ellen setzte ihren Wurf fort. Das Glas zerschellte an einer texanischen Wand, und UE4 machte Notizen. „Und Marcel?“
„Ja?“
„Beim nächsten Mal bringst du deine eigenen Schokonüsse mit.“
„Deal.“
Ich schloss die Tür hinter mir und ging den Flur entlang, zurück zu meinem Büro mit seinen Druckerproblemen und E-Mail-Backlogs. Die Taube auf dem Parkplatz war verschwunden. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf kreiste noch immer der Gedanke: 23 Lichtjahre in hundert Tagen. Materie, die zu reiner Energie wird. Und eine Zivilisation, die gelernt hatte, hinzuschauen und dann zu handeln.
Und ein Alien, der Dallas guckt, um die Menschheit zu verstehen.
Was, wenn ich ehrlich bin, vermutlich gar nicht mal die schlechteste Methode war. Und immer noch besser als Berliner Influencer.
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