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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Das Stand-up am Montagmorgen dauerte elf Minuten. Nicht weil es effizient war. Sondern weil niemand mehr etwas zu sagen hatte.

    Frau Kowalski berichtete, dass sie drei weitere Finanzierungsoptionen geprüft und verworfen hatte. Dr. Chen erklärte, dass der Erreger sich unter dem Mikroskop weiterhin weigerte, irgendetwas Nützliches preiszugeben, und dass sie langsam das Gefühl habe, er tue das absichtlich. Herr Witt hatte Korrelationsmodelle erstellt, die alle dasselbe zeigten: nichts Neues. Tim hatte gegoogelt. Herr Dr. Teichmann hatte, und das war vielleicht das alarmierendste Zeichen, keine Einwände vorgebracht. Keine einzigen. Nicht mal einen kleinen. Wenn Herr Dr. Teichmann aufhörte, Einwände zu erheben, dann war das, als würde eine Uhr aufhören zu ticken: Man bemerkte erst in der Stille, wie sehr man sich an das Geräusch gewöhnt hatte.

    „Sonst noch was?“, fragte Frau Kowalski.

    Herr Witt räusperte sich. „Immer noch neun Fälle. Keine neuen. Aber auch kein Fortschritt bei den bestehenden.“

    Stille. Die erschöpfte Art. Die Art, die klingt wie ein Motor, der läuft und läuft, aber längst keinen Treibstoff mehr hat.

    „Gut. Dann bis morgen.“

    Neun Videorechtecke verschwanden. Bildschirm schwarz. Stille.

    Aus dem Badezimmer kam das leise Blubbern von UE4s Befeuchtungssystem. Kein Bollywood. Nicht mal Bollywood. Das war, als würde die Sonne aufhören zu scheinen. Technisch möglich, aber ein Zeichen dafür, dass etwas fundamental nicht stimmte.

    „UE4?“

    „Ja?“

    „Alles okay?“

    Pause. Eine lange Pause. Eine Pause, in der ich durch die offene Badezimmertür sehen konnte, wie seine Haut in einem fahlen, stumpfen Grünton schimmerte, der bei ihm das Äquivalent von dunklen Augenringen war.

    „Marcel, darf ich dir eine Frage stellen?“

    „Klar.“

    „Wann hat Tim das letzte Mal etwas gegoogelt, das nichts mit dem Projekt zu tun hatte?“

    Ich dachte nach. Tim googelte normalerweise alles. Tim googelte die Speisekarte vom Italiener um die Ecke, die Lebenserwartung von Goldhamstern und die Frage, ob man Toaster in der Badewanne benutzen kann (die Antwort: Nein, und Tim, bitte google das nicht nochmal). Aber in den letzten Tagen nichts. Nur Virendatenbanken, Neurologie-Papers und die Frage, wie man einen Impfstoff finanziert, wenn man kein Geld hat.

    „Ich weiß es nicht.“

    „Und wann hat Frau Kowalski das letzte Mal gelacht?“

    Ich überlegte. Es dauerte zu lang.

    „Und wann hast du das letzte Mal etwas getan, das nichts mit diesem Virus zu tun hat?“

    „Ich… habe letzte Woche…“

    „Du hast letzte Woche einen Drucker repariert. Aber nur, weil er dir als Metapher für etwas gedient hat, das kaputt ist und nicht funktioniert. Du hast den Drucker nicht repariert, Marcel. Du hast deine Frustration repariert.“

    Ich wollte widersprechen. Aber er hatte recht. Er hatte so dermaßen recht, dass es wehtat, und zwar genau an der Stelle, an der Wahrheiten immer wehtun: zwischen dem Ego und der Einsicht.

    „Auf Ssalgh“, sagte UE4, und er machte diese Sache mit seinen Tentakeln, die langsame, kreisende Bewegung, die bei ihm Nachdenklichkeit signalisierte, „gibt es kein Wort für Sprint.“

    „Sprint? Wie in Scrum-Sprint?“

    „Wie in: eine kurze, intensive Phase, in der alle so schnell rennen wie möglich, in der Hoffnung, dass Geschwindigkeit Ergebnisse produziert.“ Er ließ einen Tentakel ins Wasser sinken, und die Oberfläche kräuselte sich in konzentrischen Kreisen, die sich langsam ausbreiteten, bis sie an den Wannenrand stießen und zurückkamen. „Wir denken nicht in Sprints. Wir denken in Strömungen.“

    „Strömungen?“

    „Auf einem Planeten, der nur aus Ozean besteht, lernst du sehr früh, dass es zwei Arten gibt, voranzukommen. Du kannst gegen die Strömung ankämpfen. Das geht. Es ist anstrengend, es kostet Energie, und irgendwann bist du so erschöpft, dass die Strömung dich dorthin trägt, wo sie will, nicht wo du willst.“ Er machte eine Pause. „Oder du schwimmst mit der Strömung. Du nutzt sie. Du lässt dich tragen, wenn sie in deine Richtung geht, und du ruhst, wenn sie es nicht tut. Du sparst deine Kraft für die Momente, in denen sie zählt.“

    „Das klingt nach Faulheit“, sagte ich, obwohl ich wusste, dass es das nicht war.

    „Das klingt nach Überleben. Auf Ssalgh gibt es Forschungsteams, die seit Jahrhunderten an denselben Problemen arbeiten. Nicht durchgehend. In Wellen. Intensive Phasen, gefolgt von dem, was wir Glrrt’hai nennen.“

    „Was bedeutet das?“

    „Wörtlich übersetzt: Die Strömung, die nirgendwohin fließt.“ Er schimmerte leicht, was bei ihm Amüsement signalisierte. „Eure nächste Übersetzung wäre vermutlich: Pause.“

    „Wir kennen Pausen, UE4.“

    „Ihr kennt Pausen, in denen ihr euch schuldig fühlt, weil ihr nicht arbeitet. Das ist keine Pause. Das ist Arbeit mit einem Alibi.“

    Stille. Ich lehnte mich an den Türrahmen und dachte an die letzten Wochen. An die Abende, an denen ich den Laptop zugeklappt hatte, nur um ihn zehn Minuten später wieder aufzuklappen, weil mir eingefallen war, dass ich noch eine E-Mail hätte schreiben können. An die Wochenenden, an denen ich nicht gearbeitet hatte, aber auch nicht nicht gearbeitet hatte, sondern in diesem Zwischenzustand existiert hatte, den moderne Menschen als „Freizeit“ bezeichnen, der aber in Wahrheit nur bedeutet, dass man die Arbeit in den Hinterkopf verschiebt, wo sie leise vor sich hin summt wie ein Kühlschrank, den man nicht abstellen kann.

    „Was sollen wir tun?“, fragte ich.

    „Gemeinsame Aktivität ohne Ziel. Keine Arbeit, keine Diskussionen, keine Planung. Etwas tun, das nichts mit dem Problem zu tun hat. Zusammen. Nicht allein, zusammen. Weil Erschöpfung, die man teilt, leichter wird, und weil die besten Ideen nicht beim Nachdenken kommen, sondern danach.“

    Ich schrieb in den Team-Chat: „Frage: Wer hat Lust auf Paintball?“

    Drei Sekunden Stille. Dann:

    Tim: „PAINTBALL???“

    Frau Kowalski: „Jetzt?“

    Herr Witt: „Ich hab seit 2009 nicht mehr Paintball gespielt.“

    Dr. Chen: „Was ist Paintball?“

    Herr Dr. Teichmann: „Das ist doch nicht Ihr Ernst.“

    Tim: „ICH BIN DABEI.“

    Frau Niemeyer: „Mein Mann hat eine Ausrüstung im Keller.“

    Herr Lehmann: „Gibt es haftungsrechtliche Bedenken?“

    Tim: „HERR LEHMANN BITTE.“

    Frau Kowalski: „Ernsthaft, Marcel? Wir stecken mitten in der größten Krise seit…“

    Ich tippte: „Strömungspause. UE4s Idee. Bewusst. Nichts, das mit dem Virus zu tun hat. Zusammen. Morgen Nachmittag.“

    Stille. Dreißig Sekunden, die sich anfühlten wie eine Timebox, die niemand verlängern wollte.

    Dann Frau Kowalski: „Ich bin dabei.“

    Und damit war es beschlossen. Weil in diesem Team inzwischen etwas passierte, das vor drei Monaten undenkbar gewesen wäre: Wenn Frau Kowalski ja sagte, sagten alle ja. Nicht weil sie der Chef war, Maxime Nr. 8, sondern weil sie den Instinkt hatte, zu wissen, wann etwas richtig war, selbst wenn es sich falsch anfühlte.

    UE4 konnte nicht mit. Badewanne. Logistik. Die Tatsache, dass ein chromgrüner Alien auf einem Paintball-Feld vermutlich die Art von Aufmerksamkeit erregen würde, die wir gerade nicht gebrauchen konnten. Aber er unterstützte die Idee mit dem warmen Goldschimmer, der bei ihm Zustimmung bedeutete, und dem Satz: „Schießt einen für mich mit.“

    Das Paintball-Feld lag in Frechen, zwanzig Minuten westlich von Köln, in einem ehemaligen Industriegelände, das aussah, als hätte jemand eine Endzeitkulisse aus einem Computerspiel in die nordrhein-westfälische Realität kopiert und vergessen, die Grafik auf „schön“ zu stellen. Betonfundamente, Wellblechhütten, aufgetürmte Reifen. Ein Paradies für Menschen, die andere Menschen mit Farbkugeln beschießen wollen, was, wenn man darüber nachdachte, eine bemerkenswert ehrliche Form der Teamarbeit war.

    Wir trafen uns um 14 Uhr. Es war das erste Mal seit Wochen, dass ich alle in Farbe und dreidimensional sah, nicht als kleine Videorechtecke mit gelegentlichen Pixelartefakten. Tim war größer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Frau Kowalski kleiner. Dr. Chen trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „I survived peer review“ und hatte ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, der die aerodynamische Entschlossenheit einer Frau signalisierte, die auch Paintball als Wettbewerb verstand.

    Herr Dr. Teichmann trug Cordhosen.

    „Herr Dr. Teichmann“, sagte Tim. „Sie können nicht in Cordhosen Paintball spielen.“

    „Das ist Freizeit-Cord. Der ist robust.“

    „Es gibt keinen Freizeit-Cord.“

    „Doch. Nennt sich Stretch-Cord.“

    „Das macht es nicht besser.“

    Wir liehen uns Overalls aus, die nach Schweiß und vergangenem Mut rochen, und zogen Schutzmasken auf, die unsere Gesichter in anonyme, visor-bedeckte Einheiten verwandelten. Was bedeutete, dass zum ersten Mal seit Monaten der Rang, der Titel, die Abteilung keine Rolle spielten. Hinter einer Paintball-Maske waren Herr Dr. Teichmann und Tim der Praktikant nicht mehr Hierarchiestufen. Sie waren Ziele.

    Und was dann passierte, war therapeutisch. Auf eine Weise, die kein Agile Coach, kein Workshop und kein Stand-up je hätte erreichen können.

    Frau Kowalski erwies sich als taktisches Genie, das hinter einer Betonmauer kauerte und Kommandos flüsterte wie eine Feldherrin in einer Schlacht, von der sie wusste, dass sie sie gewinnen würde. Tim rannte herum wie ein aufgescheuchter Hase und traf trotzdem mehr als alle anderen, was entweder Talent oder die statistische Unvermeidlichkeit war, die entsteht, wenn man genug Kugeln in genug Richtungen abfeuert. Herr Witt duckte sich hinter einer Reifenbarriere und analysierte Flugbahnen, statt zu schießen, was erklärte, warum er dreimal getroffen wurde, bevor er seinen ersten Schuss abfeuerte. Dr. Chen, und das überraschte niemanden, der sie kannte, spielte methodisch und gnadenlos. Sie eliminierte Herrn Dr. Teichmann in den ersten dreißig Sekunden, was dieser mit der Würde eines Mannes quittierte, der gerade entdeckt hat, dass Stretch-Cord doch nicht gegen Farbkugeln schützt.

    Wir spielten zwei Stunden. Wir schrien, lachten, fluchten. Herr Lehmann schlug sich überraschend gut, was er kommentierte mit: „Ich verhandle seit zwanzig Jahren Verträge. Das ist im Prinzip dasselbe, nur mit weniger Farbflecken.“ Frau Niemeyer rächte sich an Tim für irgendetwas, das vermutlich mit einem unerledigten Formular zusammenhing, und traf ihn dreimal in Folge, jedes Mal mit einem zufriedenen Nicken, das selbst durch die Schutzmaske sichtbar war.

    Und irgendwann, zwischen der dritten Runde und dem Moment, in dem Herr Dr. Teichmann einen Freudenschrei ausstieß, weil er endlich Tim getroffen hatte, und Tim rief „ALTER, CORD-MANN!“, irgendwann hörten wir auf, an das Virus zu denken.

    Glrrt’hai. Die Strömung, die nirgendwohin fließt.

    Danach saßen wir auf Bierbänken vor dem Gelände, mit Farbflecken auf den Overalls und dem Gefühl, das entsteht, wenn man zwei Stunden lang nichts Sinnvolles getan hat und sich besser fühlt als nach zwei Wochen sinnvoller Arbeit. Tim hatte eine Runde Kaltgetränke besorgt. Dr. Chen trank Limo und betrachtete ihre Farbflecken mit dem analytischen Blick einer Frau, die sich vermutlich fragte, ob Paintball-Farbe unter dem Mikroskop interessant aussähe. Herr Witt hatte seine Katzen-auf-Herd-Geschichte erzählt, und zum ersten Mal hatten alle gelacht, statt höflich zu nicken und auf den Timer zu warten.

    Es war Dr. Chen, die es sagte. Beiläufig. Zwischen einem Schluck Limo und einem Blick auf den bewölkten Himmel über Frechen, als würde sie laut denken, ohne zu bemerken, dass sie laut dachte.

    „Wisst ihr, was mich eigentlich wundert?“

    „Dass Herr Dr. Teichmann in Cord Paintball spielt?“, schlug Tim vor.

    „Es war Stretch-Cord“, murmelte Herr Dr. Teichmann.

    „Nein.“ Dr. Chen stellte ihre Limo ab. „Was mich wundert, ist: Warum sind es so wenige?“

    „Wenige was?“

    „Kollapsfälle. Wir haben neun. In einem Gebäude, in dem UE4 wochenlang gearbeitet hat, umgeben von hunderten Menschen. Neun klingt nach viel, aber wenn der Erreger durch Nähe übertragen wird, warum nicht fünfzig? Warum nicht hundert? Warum nur neun?“

    Stille. Aber nicht die erschöpfte Art, die wir morgens im Stand-up hatten. Sondern die aufmerksame. Die Art von Stille, die entsteht, wenn ein Gedanke im Raum steht, der darauf wartet, dass jemand ihn aufhebt.

    „In meinen Blutproben hatten die Teammitglieder den Erreger in deutlich niedrigerer Konzentration als die Kollapsfälle“, sagte Dr. Chen. „Und in Kombination mit diesem unbekannten Antikörper. Irgendwas schützt. Aber was?“

    „Kaffee?“, schlug Herr Witt vor. „Wir trinken alle unfassbar viel Kaffee.“

    „Hab ich geprüft. Kein Zusammenhang.“

    „Halt“, sagte Tim. Er setzte sich auf. Der Praktikant, der immer rot wurde, wenn alle ihn ansahen, wurde gerade blass. „UE4s Nüsse.“

    „Was?“

    „UE4 hatte immer diese Schreibtischschublade voll mit dem Zeug. Studentenfutter, Schokonüsse, dieses teure vegane Zeug. Die halbe Etage hat sich daran bedient.“

    „Stimmt“, sagte ich. „Ich hab mich auch ständig bedient. Jeder hat das.“

    „Jeder auf unserer Etage“, sagte Tim, und seine Stimme wurde schneller jetzt. „Aber die Kollapsfälle, alle neun, die saßen auf anderen Stockwerken. Oder in anderen Gebäuden. Die kamen nie zu UE4s Büro. Die haben nie Nüsse gegessen.“

    Dr. Chen starrte Tim an. Nicht mit dem schnellen, klinischen Blick, den ich von ihr kannte. Mit dem anderen. Dem langsameren. Dem Blick, der sagte: Ich sehe gerade etwas, das alles verändert.

    „Die Nüsse“, sagte sie.

    „Die Nüsse“, sagte Tim.

    „Ihr glaubt“, sagte Herr Dr. Teichmann, und seine Stimme hatte den vorsichtigen Ton eines Mannes, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Hypothese nicht sofort verwerfen wollte, „dass Nüsse die Ausbreitung des Erregers verhindern?“

    „Ich glaube gar nichts“, sagte Dr. Chen. Und dann lächelte sie. Das Lächeln einer Wissenschaftlerin, die gerade eine Hypothese hat, die so einfach ist, dass sie fast beleidigend wirkt. „Aber ich werde es herausfinden.“

    Dr. Chen fand es heraus. In drei Tagen.

    Die Blutproben waren noch da. Die Daten waren noch da. Was fehlte, war eine Variable, die niemand berücksichtigt hatte, weil sie so banal war, so alltäglich, so nussig, dass sie unter dem Radar jeder seriösen Forschung hindurchgesegelt war wie ein Papierflieger unter einer Radaranlage.

    Am Donnerstagabend rief sie an. Diesmal nicht um 22 Uhr, sondern um 18:30, was für Dr. Chen praktisch Mittag war.

    „Die Nüsse enthalten eine Verbindung“, sagte sie. „Eine Kombination aus bestimmten Fettsäuren und Polyphenolen, die in dieser spezifischen Konzentration nur in Nüssen vorkommt. Also, technisch sind die meisten davon gar keine echten Nüsse, Cashews und Walnüsse sind Steinfrüchte, aber das ist hier nicht der Punkt.“ Es war typisch Dr. Chen: Selbst mitten in der Sensation korrigierte sie erst die Terminologie. „Die Verbindung interagiert mit dem Erreger. Sie hemmt ihn nicht direkt, sie verändert die Umgebung in der Blutbahn so, dass er sich nicht vermehren kann. Wie ein Unkrautvernichter, nur sanfter. Eher wie ein Unkraut-Entmutiger.“

    „Und die Schokolade?“, fragte ich, weil Prioritäten.

    „Irrelevant. Aber die Kakaobutter verstärkt die Absorption der Wirkstoffe leicht. Also: hilfreich, aber nicht notwendig.“

    „UE4s vegane Schokonüsse retten die Menschheit?“

    „UE4s vegane Schokonüsse verhindern, dass der Erreger sich in den Menschen ausbreitet, die sie regelmäßig essen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Aber ja, im Prinzip.“

    Ich saß auf meinem Sofa und starrte auf den Bildschirm. Im Team-Chat explodierten die Nachrichten. Tim schickte ein Erdnuss-Emoji. Frau Kowalski schrieb: „Das ist nicht euer Ernst.“ Herr Witt postete einen Link zu einer Studie über Polyphenole. Herr Lehmann fragte, ob es patentrechtliche Implikationen gäbe.

    UE4, aus dem Badezimmer, per Audio: „Die beste Lösung ist die, die so einfach ist, dass man sich schämt, nicht früher darauf gekommen zu sein.“

    „Wir haben wochenlang nach einem Milliarden-Impfstoff gesucht“, sagte Frau Kowalski. Ihre Stimme klang, als hätte jemand gleichzeitig ein Gewicht von ihren Schultern genommen und ihr eines auf den Kopf gelegt. „Und die Antwort war die ganze Zeit in UE4s Schreibtischschublade.“

    „Simplicity“, sagte Tim. „Die einfachste Lösung, die funktioniert.“

    Die Euphorie hielt ungefähr zwanzig Minuten. Dann sagte Dr. Chen den Satz, der sie alle wieder auf den Boden der Tatsachen holte, und zwar mit der Geschwindigkeit eines Aufzugs, dessen Seil gerissen ist.

    „Wir können nicht die gesamte Menschheit dazu bringen, jeden Tag Nüsse zu essen.“

    Stille.

    „Nussallergien allein betreffen zwei bis drei Prozent der Bevölkerung“, fuhr sie fort. „Das sind, konservativ geschätzt, über zweihundert Millionen Menschen weltweit, die an der einfachsten Lösung der Welt sterben könnten, statt von ihr gerettet zu werden. Dazu kommen logistische, kulturelle und wirtschaftliche Hürden. Nussproduktion im globalen Maßstab hochfahren? Das dauert Jahre. Die Verteilung organisieren? Noch länger. Und das setzt voraus, dass die Leute mitmachen, was, angesichts der Tatsache, dass ein erheblicher Teil der Menschheit sich nicht einmal zum Händewaschen überreden lässt…“

    „Die einfache Lösung hat einen Haken“, sagte Frau Kowalski.

    „Die einfache Lösung hat mehrere Haken. Aber sie ist ein Anfang. Wir wissen jetzt, was wirkt. Das Wie ist der nächste Schritt.“

    UE4 machte das Augen-Schimmern. Nur ganz leicht. „Maxime Nr. 2. Wenn du wissen willst, ob etwas funktioniert, probiere es aus. Wir haben es ausprobiert. Es funktioniert. Die nächste Frage ist: Wie machen wir es für alle verfügbar? Aber das ist eine andere Frage als die, die wir vorher hatten. Und eine bessere.“

    „Weil wir jetzt wissen, wohin wir schwimmen“, sagte ich.

    „Du lernst“, sagte UE4, und sein Grün wurde warm.

    Es war kurz nach acht, als ich nach Hause kam. Die Straßen von Ehrenfeld lagen in diesem bernsteinfarbenen Abendlicht, das Köln manchmal hat, wenn die Sonne hinter den Häuserreihen verschwindet und die Stadt für zwanzig Minuten aussieht, als hätte jemand einen Instagram-Filter über die Realität gelegt. Ich schloss die Wohnungstür auf und hörte Bollywood.

    Das war nicht ungewöhnlich. Bollywood war in meiner Wohnung inzwischen so zuverlässig wie Sauerstoff und ungefähr genauso allgegenwärtig.

    Was ungewöhnlich war: das Lachen.

    Nicht UE4s Lachen, das kannte ich. Es klang wie ein Delphin, der versucht zu niesen. Und nicht Frau Petersens Lachen, das kannte ich auch. Es klang wie eine Kuckucksuhr, die sich freut. Nein, das dritte Lachen. Das kannte ich allerdings auch.

    Ich ging ins Badezimmer.

    Auf dem Badezimmerhocker saß Frau Petersen, im Blümchen-Morgenmantel, mit einem Teller Streuselkuchen auf dem Schoß. Neben ihr, auf dem zugeklappten Toilettendeckel, saß Jens. Mein Jens. Der Mann von der ESA-Telefonzentrale. Der Mann, der mich vor Monaten in diesen ganzen Wahnsinn hineintelefoniert hatte. Er trug seine übliche Kombination aus kariertem Hemd und dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der sich damit abgefunden hat, dass sein Leben absurder ist als alles, was er sich hätte ausdenken können. In der Badewanne lag UE4, zwei Augen auf den Laptop gerichtet, auf dem gerade eine Tanzszene lief, in der mindestens dreißig Menschen in farbenprächtigen Kostümen durch einen Palast wirbelten, der so opulent war, dass selbst Versailles neidisch geworden wäre.

    „Marcel!“, rief Jens. „Dein Mitbewohner ist fantastisch.“

    „Jens, was machst du hier?“

    „Ich wollte dich auf ein Bier abholen. Aber dann hat UE4 aufgemacht, also, er hat durch die Tür gerufen, dass ich reinkommen soll, und dann war Frau Petersen schon da, und dann hat sie Streuselkuchen angeboten, und dann lief dieser Film, und…“

    „Und?“

    „Marcel, Kal Ho Naa Ho ist ein Meisterwerk. Ich meine, die Szene, in der Shah Rukh Khan auf der Treppe sitzt und weiß, dass er sterben wird, aber trotzdem lächelt, ich hatte Tränen in den Augen. Tränen!“

    UE4 schimmerte in warmem Gold. „Jens hat ein natürliches Gespür für emotionale Narration. Er hat das Ende von Dil Se vorhergesagt, bevor es passiert ist.“

    „Ich hab halt viel freie Zeit zum Nachdenken“, sagte Jens bescheiden.

    Frau Petersen reichte mir ein Stück Streuselkuchen. „Setzen Sie sich, Herr Bremer. Der nächste Film fängt in zehn Minuten an.“

    „Der nächste…“

    „Rang De Basanti“, sagte UE4. „Zwei Stunden fünfzig. Jugend, Revolution und die Frage, wann Schweigen aufhört und Handeln beginnt.“

    Ich stand in meinem eigenen Badezimmer, mit Streuselkuchen in der einen Hand und dem Wissen in der anderen, dass die Rettung der Menschheit möglicherweise in einer Tüte Studentenfutter steckte, und betrachtete die drei unwahrscheinlichsten Kinogänger der Welt: eine siebzigjährige Rentnerin, einen Telefonisten und einen Alien.

    „Morgen Abend dann?“, fragte Jens. „Du und ich? Kölsch?“

    „Morgen Abend“, sagte ich.

    „Super. Und danach schauen wir mit UE4 3 Idiots.“

    „Jens…“

    „Er hat gesagt, ich soll Taschentücher mitbringen. Und Nüsse.“

    Frau Petersen nickte weise. „Immer Nüsse. Die sind gesund.“

    Sie hatte keine Ahnung, wie recht sie hatte.

    Draußen war Köln still. Drinnen nicht. Rang De Basanti hatte begonnen, und die Lautstärke hatte das Niveau erreicht, das UE4 als „immersiv“ und ich als „gehörschädigend“ bezeichnete. Jens war geblieben. Natürlich war Jens geblieben. Jens und UE4 und Frau Petersen und Bollywood und mein Badezimmer, das war inzwischen weniger eine Wohnsituation als ein soziales Experiment, das außer Kontrolle geraten war.

    Ich lag auf meinem Sofa, Streuselkuchen im Magen und Schlaf in weiter Ferne, und wieder ratterte mein Kopf die neuen Lektionen herunter, weil mein Gehirn offenbar beschlossen hatte, dass Bollywood-induzierte Schlaflosigkeit am besten mit ungebetenen Zusammenfassungen zu behandeln war.

    Arbeit limitieren. Weniger gleichzeitig machen. Klingt wie der offensichtlichste Rat der Welt, bis man feststellt, dass siebenunddreißig Karten auf dem Board hängen und keine einzige fertig ist. Frau Kowalskis Wochenziele: Ein Ziel. Ein einziges. Und erst wenn die Aufgaben erledigt sind, alle, auch die langweiligen, zieht man neue. „Maximize the amount of work not done.“ Der Agile Coach war vielleicht doch nicht komplett nutzlos gewesen.

    Timebox-Abstimmung. Daumen hoch, Daumen runter. Gleichzeitig, damit niemand den anderen beeinflusst. UE4s Tentakelknoten, übersetzt in etwas, das Menschen können, ohne sich die Arme zu brechen. Und die zweite Regel: Wenn die Mehrheit ein Thema langweilig findet, darf es abgekürzt werden. Demokratie in ihrer effizientesten Form.

    Sustainable Pace. Glrrt’hai. Die Strömung, die nirgendwohin fließt. Keine Sprints, sondern Wellen. Intensive Phasen, gefolgt von bewusster Pause, zusammen, nicht allein. Paintball in Frechen statt Burnout am Schreibtisch. Die Erkenntnis, dass eine Pause, in der man sich schuldig fühlt, keine Pause ist, sondern „Arbeit mit einem Alibi“.

    Und Simplicity. Die einfachste Lösung, die funktioniert. „Keep It Simple“. Nicht der Milliarden-Impfstoff, sondern die Tüte Studentenfutter aus UE4s Schreibtischschublade. Die Antwort, die die ganze Zeit vor unserer Nase gelegen hatte, während wir in die Ferne starrten.

    Macht es einfach. Macht es sichtbar. Macht es zusammen.

    Aus dem Badezimmer kam das leise Schniefen von jemandem, der sich Mühe gab, nicht zu weinen. Jens oder Frau Petersen, vermutlich beide, bei irgendeiner Szene, in der junge Menschen gegen Ungerechtigkeit aufstanden und dabei verdächtig gut choreografiert tanzten.

    Ich zog mir das Kissen über den Kopf. Es half so wenig wie beim letzten Mal.

    Aber diesmal störte es mich weniger.

    Im Badezimmer schwoll die Musik an. Frau Petersen seufzte. Jens schnäuzte sich. UE4 schimmerte.

    Und ich dachte: Vielleicht hat die Strömung doch gewusst, wohin sie fließt.

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