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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Es war Tim. Der Praktikant. Der Mensch, der seit seiner Ankunft am EAC hauptsächlich dadurch aufgefallen war, dass er sein Smartphone benutzte wie andere Menschen Sauerstoff. Instinktiv, ständig und mit der stillen Zuversicht, dass dort die Antwort auf alle Fragen des Lebens lag, inklusive solcher, die man besser nie gestellt hätte.

    Es war Mittwochmorgen. Stand-up, Punkt neun, im Stehen, wie jeden Morgen seit UE4 uns beigebracht hatte, dass Menschen, die sich hinsetzen, dazu neigen, Meetings in ausgedehnte Therapiesitzungen zu verwandeln. Frau Kowalski hatte gerade ihre Analyse der neuesten Daten vorgestellt: die räumliche Verteilung der Kollapsfälle, die zeitlichen Muster, die Korrelation mit den Anwesenheitslisten. Herr Witt hatte genickt. Frau Niemeyer hatte eine Rückfrage gestellt. Herr Dr. Teichmann hatte die Stirn gerunzelt, was bei ihm inzwischen weniger ein Zeichen von Ablehnung war und mehr ein Zeichen dafür, dass er tatsächlich nachdachte. Was, wenn man die Ausgangslage bedachte, ein bemerkenswerter Fortschritt war.

    Und dann sagte Tim: „Ich hab da was.“

    Alle sahen Tim an. Tim wurde rot. Tim wurde immer rot, wenn alle ihn ansahen. Es war sein Standardzustand in Gruppensituationen, eine Art biologischer Schutzreflex, der signalisierte: Ich bin harmlos, bitte ignoriert mich. Nur dass er diesmal nicht ignoriert werden wollte.

    „Also“, sagte er, und seine Stimme hatte den leicht zitternden Klang eines Menschen, der etwas sagen wird, von dem er weiß, dass es entweder brillant oder karrierebeendend ist, und der sich nicht ganz sicher ist, welches von beidem. „Ich hab mir die Daten nochmal angeschaut. Alle Daten. Die Gebäudepläne, die Anwesenheitslisten, die zeitlichen Abläufe. Und dann hab ich…“ Er zögerte. „Dann hab ich noch eine Variable hinzugefügt.“

    „Welche Variable?“, fragte Frau Kowalski.

    Tim schluckte. Dann sah er zu UE4, der am Rand des Kreises saß, in seinem Rollstuhl, mit dem aufmerksamen Ausdruck eines Wesens, das gerade in Echtzeit die Implikationen dessen verarbeitete, was Tim gleich sagen würde.

    „UE4s Aufenthaltsort“, sagte Tim.

    Stille. Nicht die gute Stille, die nach einer klugen Einsicht entsteht. Sondern die andere Art. Die unbequeme. Die Stille, die entsteht, wenn jemand etwas ausspricht, das alle insgeheim gedacht, aber niemand zu sagen gewagt hatte.

    „Was genau meinst du damit?“, fragte Herr Dr. Teichmann, und seine Stimme hatte den kontrollierten Ton eines Mannes, der spürt, dass gleich etwas Unangenehmes kommt, und der sich darauf vorbereitet, es professionell unangenehm zu finden.

    Tim drehte seinen Laptop um. Auf dem Bildschirm war eine Tabelle. Keine PowerPoint-Präsentation mit Farbverläufen, kein dreiseitiges Memorandum. Eine einfache Tabelle. Drei Spalten: Name, Datum des Kollapses, letzter dokumentierter Kontakt mit UE4 vor dem Kollaps.

    Herr Schreiber: Kollaps am Montag. Hatte am Freitagmorgen eine fünfzehnminütige Besprechung mit UE4 über Projektdokumentation.

    Frau Bergmann: Kollaps am Donnerstag. Hatte am Dienstag im selben Konferenzraum gesessen wie UE4.

    Herr Paulsen: Kollaps am folgenden Montag. Saß im dritten Stock, Ostflügel, Gebäude C. Direkt neben UE4s Büro. Jeden Tag. Dreißig-Meter-Radius.

    Tim scrollte weiter. Drei weitere Zeilen.

    Frau Weber: Kollaps am Donnerstag der zweiten Woche. Zweiter Stock, Gebäude C. Hatte am Montag eine Aufzugfahrt mit UE4 geteilt und danach zehn Minuten auf dem Flur mit ihm über Raumluftqualität gesprochen.

    Herr Richter: Kollaps am darauffolgenden Montag. Erdgeschoss, Gebäude C. Büro direkt unter dem Kopierraum, den UE4 jeden Morgen benutzte. Dreimal wöchentlich gemeinsames Anstehen am Kaffeeautomaten.

    Frau Homann: Kollaps am Mittwoch. Gebäude B. Hatte UE4 drei Wochen zuvor im Auftrag von Dr. Brandt durch sämtliche Abteilungen geführt, vier Stunden, sechs Stockwerke, elf Handshakes mit Abteilungsleitern, von denen keiner kollabierte, weil keiner lang genug mit UE4 in einem Raum gewesen war.

    „Alle sechs hatten entweder direkten Kontakt mit UE4“, sagte Tim, „oder befanden sich regelmäßig in seiner unmittelbaren Nähe.“ Er machte eine Pause, in der man hören konnte, wie neun Gehirne gleichzeitig die Implikation verarbeiteten. „UE4 ist der gemeinsame Nenner.“

    Ich sah zu UE4. Er hatte drei Augen auf Tim gerichtet. Sein viertes Auge starrte ins Leere, was bei ihm ungewöhnlich war, normalerweise war immer mindestens eines in Bewegung. Seine Haut veränderte sich, langsam, wie eine Stimmungskurve, die man in Echtzeit beobachten konnte: vom üblichen Chromgrün zu einem blasseren, nachdenklicheren Ton, als würde jemand die Farbsättigung herunterdrehen.

    „Das ergibt Sinn“, sagte er leise. Dann, lauter: „Das ergibt biologisch vollkommen Sinn. Und ich hätte es selbst sehen müssen.“

    Was folgte, war eine der ehrlichsten Stunden, die ich je in einem Konferenzraum erlebt habe. Gut, man bedenkt, dass die meisten Stunden in Konferenzräumen hauptsächlich aus Lügen, Halbwahrheiten und dem verzweifelten Versuch bestehen, nicht einzuschlafen. Insofern war das eine bemerkenswert niedrige Messlatte.

    UE4 rollte in die Mitte des Kreises. Nicht an den Rand, wo er sich sonst positionierte. In die Mitte. Alle vier Augen offen. Das volle Programm.

    „Tim hat recht“, sagte er. „Ich bin ein fremder Organismus. Andere Biosphäre, andere Biochemie, andere Mikrobiologie. Natürlich könnte ich ein Risikofaktor sein.“ Er machte eine Pause, in der seine Haut noch einen Ton blasser wurde. „Ich hätte das als Erstes in Betracht ziehen müssen. Jeder Biologe auf Ssalgh hätte das getan. Aber ich war so darauf konzentriert, eure Arbeitsweise zu verstehen, dass ich das Naheliegendste nicht gesehen habe.“

    „Du hast es wirklich nicht vermutet?“, fragte ich. Und es war keine rhetorische Frage. Ich kannte UE4 inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Transparenz für ihn keine Verhandlungsmasse war, sondern ein Grundprinzip. Wenn er es gewusst hätte, hätte er es gesagt.

    „Nein“, sagte UE4. „Und genau das ärgert mich. Maxime Nr. 1: Wer etwas sieht, tut etwas. Wer nichts tut, hat nicht hingeschaut.“ Er machte eine Pause. „Ich habe nicht hingeschaut. Nicht weil ich etwas verbergen wollte, sondern weil ich in die falsche Richtung geschaut habe. Vier Augen, und alle vier in die falsche Richtung.“

    Frau Kowalski nickte langsam. „Das passiert. Auch mit vier Augen.“

    Herr Lehmann, der Jurist, öffnete den Mund. Ich konnte förmlich sehen, wie sich die Worte „haftungsrechtliche Implikationen“ in seinem Kehlkopf formierten. Aber dann schloss er ihn wieder. Sogar Juristen lernen gelegentlich, dass manche Situationen größer sind als das Haftungsrecht.

    „Was ist deine Hypothese?“, fragte Frau Niemeyer, und ihre Stimme hatte den sachlichen Ton einer Frau, die es gewohnt war, mit Gesundheitsrisiken umzugehen, auch wenn diese bisher hauptsächlich aus falsch eingestellten Bildschirmhöhen bestanden hatten.

    „Ich glaube“, sagte UE4, „dass ich einen Erreger mit mir trage. Etwas, das für meine Spezies harmlos ist, so harmlos, dass wir es nicht einmal registrieren. Aber für Menschen könnte es problematisch sein.“

    „Wie eine Art Virus?“, fragte Tim.

    UE4 nickwellte, diese Ganzkörperbewegung, die bei ihm einem Nicken entsprach. „Wie eine Art Virus. Ja.“

    Frau Kowalski verschränkte die Arme. „Also… du bist wie die Konquistadoren?“

    „Als die Europäer nach Amerika kamen“, sagte Frau Kowalski, und sie sprach langsam, als würde sie jeden Satz erst im Kopf prüfen, bevor sie ihn aussprach, „haben sie die indigene Bevölkerung mit Krankheiten infiziert. Pocken, Grippe, Masern. Krankheiten, in Europa lange verbreitet, und viele Menschen waren immun. Aber für die Ureinwohner…“ Sie ließ den Satz offen.

    „Neunzig Prozent der indigenen Bevölkerung“, sagte Herr Dr. Teichmann leise. „In manchen Regionen mehr. Im Gegenzug brachte man die Syphilis nach Europa mit.“ Er sah UE4 an. „Und Sie tragen möglicherweise etwas in sich, wogegen wir Menschen keine Immunität haben.“

    „Ja“, sagte UE4. Und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, klang er schuldig. Nicht die Art von Schuld, die man empfindet, wenn man versehentlich jemandes Kaffeetasse umstößt. Sondern die tiefe, schwere Art. Die Art, die die Farbe seiner Haut von Chromgrün zu einem matten, fast grauen Grün verblassen ließ, einer Farbe, die ich bei ihm noch nie gesehen hatte und die vermutlich das ssalghianische Äquivalent von Schmerz war.

    „Aber niemand ist gestorben“, sagte ich schnell. „Schreiber lebt. Bergmann lebt. Paulsen lebt. Weber, Richter, Homann, alle leben. Sie sind nur…“

    „Anders“, sagte Frau Kowalski.

    „Bürokratischer“, sagte Tim.

    „Starrer“, sagte Frau Niemeyer.

    UE4 sah uns an. „Und genau das ist der Punkt. Was auch immer der Erreger ist, er tötet nicht. Er konvertiert. Er macht etwas mit dem Gehirn, das bestimmte Denkstrukturen verstärkt. Rigide Strukturen. Hierarchisches Denken. Den Wunsch nach Kontrolle, nach Ordnung, nach Regeln.“

    „Er macht Menschen zu perfekten Bürokraten“, sagte ich.

    „Er macht sie zu einer Karikatur dessen, was sie bereits waren“, korrigierte UE4. „Schreiber mochte schon vorher Pflichtenhefte. Bergmann hatte schon immer eine Schwäche für Gantt-Charts. Paulsen hat auch vor dem Kollaps gerne eskaliert. Der Erreger nimmt, was da ist, und dreht es auf. Bis es das Einzige ist, was noch da ist.“

    Stille. Diesmal die nachdenkliche Art.

    „Das ist“, sagte Herr Lehmann, und es war das erste Mal, dass der Jurist in einer Besprechung das Wort „gruselig“ verwendete, „gruselig.“

    „Was bedeutet das für uns?“, fragte Frau Kowalski. Und ich wusste, dass sie nicht nur die Frage nach dem Virus meinte, sondern die größere Frage. Die Frage, die seit Tims Erkenntnis wie ein Elefant im Raum stand. Falls ein Elefant in einem Konferenzraum in Köln-Porz stehen kann, was, angesichts der Tatsache, dass dort bereits ein Alien saß, durchaus im Bereich des Möglichen lag.

    „Es bedeutet“, sagte UE4, und seine Stimme war fester jetzt, entschlossener, als hätte er in den letzten Minuten eine Entscheidung getroffen, „dass ich mich isolieren muss. Sofort.“

    „Isolieren?“

    „Ich werde nicht mehr ins EAC kommen. Keine direkten Kontakte mehr. Ich arbeite von Marcels Wohnung aus.“ Er sah mich an. „Wenn das für dich in Ordnung ist.“

    „Du wohnst ja schon in meiner Badewanne“, sagte ich. „Was soll sich ändern?“

    „Die Tatsache, dass ich sie nicht mehr verlasse. Für unbestimmte Zeit.“

    Ich dachte an mein Badezimmer. An den permanenten Salzwassergeruch. An die Tentakelabdrücke auf dem Fliesenspiegel. An die Tatsache, dass ich seit UE4s Einzug ausschließlich duschen konnte, wenn er gerade nicht in der Wanne lag, was ungefähr einem Zeitfenster von zwanzig Minuten am Tag entsprach.

    „Klar“, sagte ich. „Kein Problem.“ Was eine Lüge war, aber eine notwendige.

    „Aber es geht nicht nur um UE4“, sagte Frau Kowalski. Und da war er wieder, dieser Tonfall, den sie immer hatte, wenn sie einen Schritt weitergedacht hatte als alle anderen im Raum. „Wenn der Erreger über Kontakt übertragen wird, dann sind wir möglicherweise auch betroffen. Wir alle. Jeder von uns hat regelmäßig mit UE4 gearbeitet, im selben Raum gesessen, dieselbe Luft geatmet.“

    Das Wort „geatmet“ hing im Raum wie ein Damoklesschwert aus Vokalen.

    „Wir könnten Träger sein“, sagte Herr Witt. „Wir könnten den Erreger verbreiten, ohne es zu wissen.“

    „Und wie würden wir es merken?“, fragte Tim, und seine Stimme war leiser als sonst. „Herr Schreiber hat es auch nicht gemerkt. Er denkt, er ist jetzt richtig überzeugt. Nicht krank, überzeugt.“

    UE4 machte das Augen-Schimmern, aber diesmal lag keine Wärme darin. Eher Respekt. „Tim hat wieder recht. Der Erreger, wenn es einer ist, verändert nicht das Bewusstsein darüber, dass man verändert wurde. Die Betroffenen fühlen sich nicht krank. Sie fühlen sich erleuchtet.“

    „Das ist noch gruseliger als vorhin“, sagte Herr Lehmann.

    Die Entscheidung fiel schneller, als irgendjemand es erwartet hätte. Vielleicht lag es daran, dass die Maximen an der Wand nicht nur Dekoration waren, sondern tatsächlich angefangen hatten, in den Köpfen Wurzeln zu schlagen. Maxime Nr. 1: Wer etwas sieht, tut etwas. Und sie alle sahen es. Also taten sie etwas.

    „Wir gehen alle ins Home Office“, sagte Frau Kowalski. „Sofort. Heute. Keine Ausnahmen.“

    „Und die Arbeit?“, fragte Herr Dr. Teichmann, und es klang fast wie eine echte Sorge und nicht wie der reflexartige Einwand eines Mannes, der Veränderung grundsätzlich für ein Risiko hielt.

    „Die Arbeit geht weiter“, sagte Frau Kowalski. „Nur eben von zuhause. Wir können uns per Video treffen. Die Stand-ups morgens, die gemeinsamen Arbeitssitzungen. Technisch ist das alles machbar.“

    „Technisch schon“, sagte ich, und ich sagte es mit der müden Expertise eines IT-Administrators, der wusste, dass zwischen „technisch machbar“ und „tatsächlich funktionierend“ ein Abgrund lag, ungefähr so breit wie der Unterschied zwischen einer Bedienungsanleitung und der Realität. „Aber ihr wisst schon, dass Home Office bei der ESA bisher hauptsächlich bedeutet hat, dass Leute in Jogginghose E-Mails beantworten und dabei behaupten, sie seien ‚voll produktiv‘?“

    „Dann ändern wir das“, sagte Tim. Und alle sahen ihn wieder an. Aber diesmal wurde er nicht rot. Er sah zurück. Mit dem Blick eines Praktikanten, der in den letzten Wochen mehr gelernt hatte als in drei Semestern Betriebswirtschaft, und der langsam anfing, das auch zu glauben.

    „Maxime Nr. 2“, sagte UE4 aus seinem Rollstuhl. „‚Wenn du wissen willst, ob etwas funktioniert, probiere es aus.'“

    Die erste Woche im Home Office war, und ich sage das mit der diplomatischen Zurückhaltung eines Menschen, der versucht, einen Totalschaden als „Lernkurve“ zu beschreiben, herausfordernd.

    Das Stand-up morgens um neun funktionierte. Technisch. Alle waren da. Alle hatten ihre Kamera an. Alle standen sogar, was man allerdings nur bei denjenigen überprüfen konnte, die ihre Kamera so eingestellt hatten, dass man mehr als ihre Nasenspitze sah. Herr Dr. Teichmann hatte seinen Laptop auf einen Stapel Bücher gestellt, was dazu führte, dass man ihn aus der Perspektive einer Ameise sah, die zu einem Riesen aufblickt. Frau Niemeyer saß vor einem Bücherregal, das so ordentlich sortiert war, dass es wie eine Requisite aus einem IKEA-Katalog aussah. Herr Witt hatte als Hintergrund seine Küche, in der eine Katze auf dem Herd saß und mit dem Schwanz gegen einen Topf schlug, was im Videokonferenz-Mikrofon klang wie ein rhythmisches Trommeln aus einer fernen Galaxis.

    UE4 war per Audio zugeschaltet. Nur Audio. Weil sein Setup (ein Alien in einer Badewanne, der auf einem außerirdischen Tablet an einer Videokonferenz teilnimmt) selbst für unsere inzwischen strapazierte Normalitätstoleranz eine Brücke zu weit gewesen wäre.

    Das Reden miteinander funktionierte. Was nicht funktionierte, war alles andere.

    „Kann mich jemand hören?“ „Dein Mikro ist aus.“ „Welches Mikro?“ „Das eine Mikro.“ „Ich hab drei Mikros, weil das Headset…“ „Frau Niemeyer, Sie sind eingefroren.“ „Nein, bin ich nicht, ich denke nach.“ „Ach so.“

    Die Post-Its, die an der Wand in Konferenzraum 3.07 gehangen hatten, gab es hier nicht. Es gab keine Wand. Es gab nur Bildschirme, und auf Bildschirmen kann man nicht gemeinsam Zettel sortieren, zumindest nicht mit der gleichen befriedigenden Haptik des Aneinanderklebens und Umsortierens. Herr Witt versuchte es mit einer digitalen Version, einem Online-Tool, das bunte Kärtchen auf einem virtuellen Board erzeugte. Es funktionierte, aber es fühlte sich an wie der Unterschied zwischen einem echten Handschlag und einem Emoji. Technisch dasselbe, emotional eine andere Galaxie.

    Und dann war da das Problem mit dem Verschwinden.

    Im Konferenzraum konnte man sehen, wenn jemand abwesend war. Man konnte sehen, ob Frau Kowalski nachdachte oder ob Herr Lehmann heimlich unter dem Tisch auf seinem Handy tippte. Man konnte die Energie im Raum spüren, diese subtile, schwer zu beschreibende Qualität, die den Unterschied macht zwischen einer Gruppe, die zusammenarbeitet, und einer Ansammlung von Individuen, die zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind.

    Im Home Office verschwand das alles. Menschen wurden zu kleinen Rechtecken auf einem Bildschirm, die man stumm schalten konnte. Die Schwelle zwischen „im Meeting“ und „nicht im Meeting“ verwischte, bis sie praktisch nicht mehr existierte. Man konnte gleichzeitig an einer Besprechung teilnehmen und Wäsche aufhängen, und niemand würde es merken, solange man gelegentlich nickte und „guter Punkt“ sagte.

    Am dritten Tag schrieb Herr Witt in den Chat: „Hat irgendjemand das Gefühl, dass wir weniger schaffen als vorher?“

    Sieben Daumen-hoch-Emojis erschienen innerhalb von zehn Sekunden. Es war die effizienteste Kommunikation, die wir je hatten. Und gleichzeitig die deprimierendste.

    „Wir sollten innehalten“, sagte UE4 am Freitagmorgen. Seine Stimme kam aus meinem Laptop-Lautsprecher und gleichzeitig durch die offene Badezimmertür, was einen seltsamen Echo-Effekt erzeugte, als würde ein außerirdischer Chor sprechen.

    „Innehalten?“, fragte Herr Dr. Teichmann.

    „Nicht aufhören zu arbeiten. Aber aufhören, so zu tun, als würde alles funktionieren. Wir sollten uns eine Stunde nehmen und gemeinsam darüber nachdenken, wie wir arbeiten. Nicht was, sondern wie. Was hat diese Woche funktioniert? Was nicht? Und was machen wir ab Montag konkret anders?“

    Frau Kowalski lehnte sich vor. Ihr kleines Videorechteck wurde größer, als sie näher an die Kamera rückte. „Moment, das klingt wie eine Retrospektive.“

    „Keine Ahnung, wie ihr das nennt“, sagte UE4. „Auf Ssalgh nennen wir es Vreel’kah, wörtlich: ‚ins eigene Wasser schauen‘. Der Name ist egal. Der Punkt ist, dass wir es tun.“

    „Retrospektive“, wiederholte Frau Kowalski. „Die kennen wir. Die machen wir am Ende von Projekten. Da sitzt man zusammen und redet darüber, was gut lief und was schlecht.“

    „Und was passiert dann mit diesen Erkenntnissen?“, fragte UE4.

    Stille. Die vielsagende Art.

    „Normalerweise“, sagte Frau Kowalski langsam, und man konnte sehen, wie ein Licht in ihrem Kopf anging, nicht plötzlich wie ein Schalter, sondern langsam wie ein Sonnenaufgang, „normalerweise passiert nichts. Wir reden darüber, schreiben es auf, und dann machen wir beim nächsten Mal genau dasselbe.“

    „Wir beschweren uns“, sagte Tim. „Eigentlich sind unsere Retros eher Gruppentherapie.“ Er sprach das Wort aus wie eine Diagnose. „Alle heulen sich darüber aus, wie schlimm alles ist. Dann fühlen sich alle ein bisschen besser. Und dann ändert sich nichts.“

    „Genau“, sagte Frau Kowalski, und ihr Tonfall hatte jetzt die Schärfe einer Frau, die gerade etwas über sich selbst begriffen hat, das ihr nicht gefällt, aber das sie nicht mehr ignorieren kann. „Die Retro ist kein Kummerkasten. Sie ist dafür da, die eigene Arbeitsweise zu verändern. Zu optimieren. Konkret. Messbar. Jetzt.“

    UE4 sagte nichts. Er musste nichts sagen. Die Erkenntnis war da, und sie war aus dem Team gekommen, nicht von ihm. Was, wenn man darüber nachdachte, genau der Punkt war. Maxime Nr. 8: Niemand ist Chef. Aber manchmal weiß jemand, wie’s geht. Und manchmal ist derjenige, der’s weiß, nicht der Alien mit den vier Augen, sondern die Frau aus der Organisationsentwicklung, die seit zwanzig Jahren Retrospektiven durchführt und gerade zum ersten Mal verstanden hat, wofür sie eigentlich gedacht sind.

    „Also“, sagte Frau Kowalski mit der Entschlossenheit einer Frau, die gerade beschlossen hat, dass ab jetzt alles anders wird. „Was hat in dieser Woche nicht funktioniert?“

    Was folgte, war die erste echte Retrospektive, die jemals bei der ESA stattgefunden hat. Keine Gruppentherapie. Kein Ausheulen. Sondern eine ehrliche, manchmal schmerzhafte, aber immer konstruktive Analyse der eigenen Arbeitsweise. Am Ende hatten sie drei konkrete Änderungen beschlossen: Erstens, die Stand-ups würden kürzer, dafür mit einem klaren Format. Jeder sagt in maximal zwei Sätzen, woran er arbeitet und was ihn blockiert. Zweitens, nach dem Stand-up würde es eine offene Video-Session geben, in der einfach alle ihre Kamera anlassen und arbeiten, ohne reden zu müssen. Die digitale Version von „im selben Raum sitzen“. Drittens, ein gemeinsames Online-Board, auf dem jeder seine Fortschritte und Hindernisse in Echtzeit aktualisiert, sichtbar für alle.

    Kleine Änderungen. Keine Revolution. Aber zum ersten Mal hatten sie nicht nur über ihre Probleme geredet, sondern etwas getan.

    „Es gibt noch etwas“, sagte Herr Witt, als die Retrospektive sich dem Ende näherte. Er rieb sich den Nacken, wie er es immer tat, wenn ihm etwas unangenehm war. „Etwas, das wir nicht ignorieren können.“

    „Schieß los“, sagte ich.

    „Wir haben keine Ahnung von Medizin.“

    Er hatte recht. Natürlich hatte er recht. Wir waren ein Team aus einer Organisationsentwicklerin, einem Thermodynamiker, einer Arbeitsschutzbeauftragten, einem Personalentwickler, einem Juristen, einem Praktikanten, einem IT-Administrator und einem Alien. Zwischen uns besaßen wir genau null medizinische Abschlüsse, null virologische Erfahrung und null Laborausrüstung. Unsere gesamte Kompetenz in Sachen Krankheitserreger beschränkte sich auf Frau Niemeyers vage Erinnerung an einen Erste-Hilfe-Kurs von 2017 und Tims Fähigkeit, die Symptome von exotischen Krankheiten zu googeln, was, wie jeder weiß, der das schon mal getan hat, ausschließlich dazu führt, dass man überzeugt ist, man habe gleichzeitig Beulenpest, Skorbut und einen seltenen Parasitenbefall.

    „Wenn wir die Arbeitsweise ändern, reicht das nicht“, sagte Frau Kowalski. „Wir müssen auch die Zusammensetzung des Teams ändern. Wir brauchen Leute, die Ahnung von dem haben, was hier passiert.“

    „Virologen“, sagte UE4.

    „Neurologen“, sagte Herr Witt.

    „Jemanden, der sich mit außerirdischer Biologie auskennt“, sagte Tim. „Wobei… gibt es das überhaupt?“

    „Ab jetzt schon“, sagte UE4 trocken.

    Frau Kowalski machte sich Notizen. Echte Notizen, mit konkreten Schritten. Nicht die Art von Notizen, die in einer Schublade verschwinden, sondern die Art, die am nächsten Morgen zu Anrufen führen. „Ich rede mit Dr. Brandt. Wir brauchen externe Experten. Und zwar nicht die Art von Experten, die drei Monate einen Antrag ausfüllen müssen, bevor sie anfangen dürfen.“

    „Maxime Nr. 4“, sagte Frau Niemeyer lächelnd. „‚Strukturen sind wie Kleidung, nützlich, wenn sie passen, albern, wenn man herausgewachsen ist.'“

    „Die Antragsprozesse passen definitiv nicht mehr“, sagte Herr Dr. Teichmann. Und dass ausgerechnet er das sagte, der Mann, der vor zwei Wochen noch eine vierseitige PowerPoint über Eskalationsdynamiken erstellt hatte, war vielleicht das deutlichste Zeichen dafür, dass sich etwas verändert hatte. Nicht das Virus. Sondern etwas anderes. Etwas Besseres.

    Zuhause zu arbeiten, wenn ein Alien in der Badewanne sitzt, ist (wie soll ich es ausdrücken) eine Erfahrung, für die es keine Kategorie auf Booking.com gibt. Und das aus gutem Grund.

    Die ersten Tage waren noch erträglich. UE4 war hauptsächlich beschäftigt. Er analysierte Daten, schrieb Berichte auf seinem Tablet und beteiligte sich per Audio an den Team-Meetings. Gelegentlich hörte ich aus dem Badezimmer das leise Blubbern seines Wasserbehälters und das sanfte Tippen seiner Tentakel auf dem Bildschirm, ein Geräusch, das an einen sehr geduldigen Regen erinnerte, der versucht, auf einer Glasplatte eine E-Mail zu schreiben.

    Dann kam Bollywood.

    Nicht dass er Bollywood nicht schon kannte. Der Abend mit Dilwale Dulhania Le Jayenge hatte ja bereits den Grundstein gelegt. Aber das war ein Film gewesen. Ein einziger. Jetzt hatte er Zugang zum gesamten Katalog. Zweitausend Filme pro Jahr, hatte ich ihm gesagt. Und UE4 hatte das offenbar als persönliche Herausforderung aufgefasst.

    Das Problem war, dass UE4 mit vier Augen gleichzeitig arbeiten und Filme schauen konnte. Zwei Augen auf sein Tablet, auf dem er Daten analysierte, Berichte schrieb und an Videokonferenzen teilnahm. Zwei Augen auf meinen alten Laptop, den ich ihm geliehen hatte und den er neben seiner Wanne aufgestellt hatte. Und da seine Spezies offenbar mit etwa drei Stunden Schlaf pro Tag auskam („Unser Metabolismus ist effizienter als eurer, was vermutlich daran liegt, dass wir keine Energie damit verschwenden, aufrecht gegen die Schwerkraft anzukämpfen“), lief Bollywood in meiner Wohnung ungefähr zwanzig Stunden am Tag.

    Zwanzig. Stunden.

    Am ersten Tag lief Kabhi Khushi Kabhie Gham. Drei Stunden und vierzig Minuten. Shah Rukh Khan in seinem Element. Melodrama, Tanzeinlagen, eine Familiengeschichte, die so groß und bunt war, dass sie vermutlich aus dem Weltraum sichtbar gewesen wäre. UE4 hätte das bestätigen können, wenn er gefragt worden wäre, aber er war zu beschäftigt damit, gleichzeitig eine statistische Auswertung der Kollapsdaten zu schreiben und in allen vier Augen Tränen zu produzieren. Danach, ohne Pause, Devdas. Dann Lagaan. Dann etwas, dessen Titel ich nicht aussprechen konnte und das vier Stunden dauerte und mindestens sieben Tanzeinlagen in verschiedenen Klimazonen enthielt. Als ich um Mitternacht ins Bett ging, lief Film Nummer vier. Als ich um sechs Uhr aufwachte, lief Film Nummer sechs. UE4 hatte in der Zwischenzeit außerdem zwei E-Mails an Frau Kowalski geschrieben, eine Tabelle mit Infektionshypothesen erstellt und dreiunddreißig Wikipedia-Artikel über die Geschichte des indischen Kinos gelesen.

    Das Weinen war nicht das Problem. An UE4s emotionale Ausbrüche hatte ich mich gewöhnt. Das Problem war der Sound.

    Bollywood-Filme sind nicht leise. Sie sind das akustische Äquivalent eines Vulkanausbruchs, der beschlossen hat, vorher noch schnell eine Choreografie einzustudieren. Und UE4 schaute sie auf voller Lautstärke. Und da es ihm leicht fiel, Sprachen zu lernen, natürlich im Original.

    „Kannst du nicht Kopfhörer benutzen?“, fragte ich am zweiten Abend, als die Wände meiner Dreizimmerwohnung buchstäblich vibrierten von einer Tanzszene, in der ungefähr fünfzig Menschen in einem Senffeld sprangen, während ein Orchester spielte, das so klang, als hätte jemand sämtliche Instrumente der Welt in einen Mixer geworfen und den Turbo-Knopf gedrückt.

    UE4 sah mich an. Mit drei Augen. Der Blick, den er sonst für besonders naive Fragen reservierte.

    „Marcel“, sagte er, „siehst du hier Ohren?“

    „Oh…“

    „Keine Ohren. Meine Spezies besitzt keine lokalisierten Hörorgane. Ich höre mit meiner gesamten Haut.“

    Ich öffnete den Mund. Schloss ihn. Öffnete ihn wieder. Es war die Art von Information, die man in neun Wochen des Zusammenlebens irgendwann hätte erfahren sollen, die aber nie zur Sprache gekommen war, weil… ja, warum eigentlich? Weil man nicht nach den Ohren seines außerirdischen Mitbewohners fragt? Weil es unhöflich gewesen wäre? Weil ich angenommen hatte, dass das Hören, wie alles andere auch, irgendwie schon funktionieren würde?

    „Du hörst mit deiner Haut?“

    „Mit meiner gesamten Körperoberfläche, ja. Die Vibrationssensoren sind gleichmäßig verteilt, ähnlich wie meine Augen. Es ist ein 360-Grad-Hörvermögen. Sehr effizient.“

    „Und Kopfhörer?“

    „Müssten meinen gesamten Körper umschließen. Was bedeuten würde, dass du mich in eine Art akustischen Kokon einwickeln müsstest. Was erstens nicht existiert und zweitens vermutlich gegen mehrere deiner Tierschutzgesetze verstoßen würde, obwohl ich kein Tier bin, aber die Analogie ist naheliegend.“

    Ich lehnte mich an den Türrahmen und betrachtete das Bild vor mir: Ein chromgrüner Alien in meiner Badewanne, umgeben von einem schwachen bläulichen Schimmer seines Befeuchtungssystems, auf dessen Tablet eine Bollywood-Tanzszene lief, die so laut war, dass die Zahnputzbecher auf dem Waschbecken klirrten. Seine Haut pulsierte in den warmen Goldtönen, die bei ihm Freude signalisierten. Er war glücklich. Wirklich, aufrichtig, vibrierend glücklich.

    Und ich hatte Kopfschmerzen.

    „Wie viele Filme hast du heute geschaut?“, fragte ich.

    „Drei. Und ich habe eine Liste von zweihundertsiebzehn weiteren erstellt, die ich in den nächsten Wochen sehen möchte.“

    „Zweihundertsiebzehn.“

    „Es ist ein Anfang.“

    Aus dem Laptop im Wohnzimmer kam eine Benachrichtigung. Frau Kowalski hatte im Team-Chat geschrieben: „Dr. Brandt hat grünes Licht gegeben. Virologin der Uniklinik Köln kommt nächste Woche dazu. Auch per Remote.“

    Gute Nachrichten. Großartige Nachrichten sogar. Der erste konkrete Schritt in Richtung einer echten Lösung.

    Hinter mir schwoll die Musik an. Shah Rukh Khan breitete die Arme aus. UE4 produzierte ein Geräusch, das bei seiner Spezies offenbar das Äquivalent von begeistertem Seufzen war. Es klang wie ein Delphin, der versucht, eine Opernarie zu summen.

    „Marcel?“, rief er aus dem Badezimmer.

    „Ja?“

    „Gibt es eine Möglichkeit, den Bildschirm größer zu machen?“

    „Nein.“

    „Und wenn wir den Fernseher ins Badezimmer…“

    „Nein.“

    „Aber die emotionale Wirkung wäre…“

    „Nein.“

    Stille. Dann: „Maxime Nr. 6. Kommunikation ist, was verstanden wird. Ich habe verstanden.“

    Draußen ging die Sonne unter. Irgendwo im EAC waren Post-Its an einer Wand vergilbt und Maximen auf einem Whiteboard verblasst, aber die Ideen dahinter lebten weiter, in Videokonferenzen, in Team-Chats, in den Köpfen von Menschen, die gelernt hatten, dass Zusammenarbeit nicht aufhört, nur weil die Wände fehlen. In der Uniklinik Köln bereitete sich eine Virologin darauf vor, den ungewöhnlichsten Fall ihrer Karriere zu übernehmen. Und in meinem Badezimmer weinte ein Alien beim Happy End eines Films, den er mit seiner gesamten Körperoberfläche hörte, weil er keine Ohren hatte, weil die Evolution auf seinem Planeten entschieden hatte, dass Ohren überflüssig sind, wenn man sowieso komplett unter Wasser lebt.

    Das Universum hatte, das musste man ihm lassen, einen sehr speziellen Sinn für Humor.

    Ich schloss die Tür zu meinem Schlafzimmer, stopfte mir zwei Kissen auf die Ohren und dachte: Ohrstöpsel. Erster Punkt auf der Einkaufsliste morgen. Gleich nach „Virologe finden“ und „Menschheit retten“.

    Prioritäten.

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