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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Es gibt Momente, in denen das Universum kurz innehält. Vögel, Wind, die eigene Atmung, alles wird für einen Herzschlag auf Pause gedrückt, und man steht da und denkt: Gut. Dann ist das jetzt halt so.

    Das Gefühl ist vergleichbar mit dem Moment, in dem man in einer Klausur die dritte Aufgabe umdreht und feststellt, dass sie auf Japanisch ist. Man weiß nicht genau, was passiert ist. Man weiß nicht, was man tun soll. Aber man weiß mit absoluter Gewissheit, dass der restliche Tag nicht so verlaufen wird, wie man ihn sich vorgestellt hat.

    So ein Moment war das hier.

    Ich stand am Wasser. Die Ostsee war an diesem Abend ruhig und in dem spezifischen Grau gehalten, das norddeutschen Meeresküsten einen melancholischen Charme verleiht, der in Wahrheit nichts anderes ist als schlechtes Wetter mit guter PR. Hinter mir die Lichter von Kellenhusen, einem Dorf, das offensichtlich damit gehadert hatte, ob es lieber Ferienort oder Fischereihafen werden wollte, und sich schließlich für „beides, aber ohne Begeisterung“ entschieden hatte.

    Vor mir stand: Ja, was eigentlich?

    Polizist Krüger, der hinter mir stehen geblieben war, exakt an der Stelle, an der die Verantwortung aufhörte und die plausible Abstreitbarkeit begann, rief mir etwas zu.

    „Na?“

    „Geben Sie mir einen Moment“, rief ich zurück.

    Er gab mir mehr als einen. Er gab mir ungefähr zwanzig, in denen ich versuchte, das, was ich da sah, in irgendeine Kategorie meines bisherigen Weltbildes einzusortieren. Ich hatte Kategorien für „Tiere“, „Menschen“, „Dinge, die nicht da sein sollten“ und „Sachen, die Jens‘ Schuld sind“. Keine davon passte so richtig.

    Das Wesen war rund. Das ist das erste und präziseste Wort, das mir einfiel, und es ist bis heute das treffendste geblieben. Rund wie eine Tonne, oder, wenn man wohlwollender formulieren wollte, wie ein sehr dickes Rohr, das sich entschieden hatte, aufrecht zu stehen und dabei eine gewisse Würde auszustrahlen. Chromgrün. Schimmernd, als hätte jemand einen Industrielack mit dem Schleim einer sehr ambitionierten Nacktschnecke gekreuzt. Ungefähr einsfünfzig groß.

    Einen Hals gab es offenbar nicht. Das, was wohl sein Kopf war, saß direkt auf dem Körper, so als hätte die Anatomie an dieser Stelle beschlossen, die mittlere Managementebene einfach wegzurationalisieren. Vier Augen, gleichmäßig rund um diesen Kopf verteilt, auf gleicher Höhe, ohne erkennbare Vorder- oder Rückseite. Der Mund schien sich oben am Kopf zu befinden, was bei Regen äußerst unpraktisch sein musste, aber vermutlich weniger relevant war, wenn man von einem Planeten kam, auf dem es nur Wasser gab. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste.

    Was ich hingegen sehr wohl bemerkte: Das Wesen stand im flachen Wasser. Nicht am Strand. Nicht auf dem Sand. Im Wasser. Etwa knöcheltief, falls man bei einem tentakelbewehrten Organismus von Knöcheln sprechen konnte. Es schien sich dort ausgesprochen wohl zu fühlen, deutlich wohler jedenfalls als ich, der in Motorradstiefeln am Rand der Brandung stand und versuchte, nicht nass zu werden, während er gleichzeitig den Erstkontakt mit einer außerirdischen Zivilisation absolvierte.

    Sechs Tentakeln, etwa in der Körpermitte, symmetrisch verteilt wie alles an diesem Wesen, hatten weder offensichtliche Arme noch offensichtliche Beine. Es stand gerade auf vier davon. Die beiden übrigen hielten ein Gerät, das schwach orange leuchtete und von dem ich instinktiv hoffte, dass es kein Äquivalent zu einer Waffe war. Es war, wie sich herausstellen sollte, ein Äquivalent zu einem Tablet. Selbst über interstellare Distanzen hinweg kommt offenbar niemand ohne tragbare Elektronik aus.

    Alles an diesem Wesen war symmetrisch. Vollständig, radikal, fast schon demonstrativ symmetrisch. Als hätte die Evolution irgendwann beschlossen: Wir machen das diesmal richtig. Kein Flickwerk. Keine Asymmetrien. Keine Blinddärme, keine Weisheitszähne, keinen ganzen Unsinn. Ich war ein bisschen neidisch.

    Das Wesen und ich betrachteten uns.

    Ich bin mir nicht sicher, ob es mich wirklich anschaute. Bei vier Augen, gleichmäßig verteilt, ist es schwierig zu sagen, in welche Richtung der Blick geht. Vielleicht schaute es mich an. Vielleicht schaute es gleichzeitig mich, Krüger, die Möwen und den Sonnenuntergang an. Das ist, wenn man ehrlich ist, eigentlich ziemlich praktisch. Ich persönlich würde gerne manchmal gleichzeitig nach links und rechts schauen, vor allem im Straßenverkehr und bei Teambesprechungen.

    „Äh“, sagte ich.

    Das Wesen schwieg.

    Dreißig Sekunden vergingen. In diesen dreißig Sekunden passierte folgendes: nichts. Mein Körper stand still. Mein Gehirn war mit der Verarbeitung beschäftigt und hatte vorübergehend alle anderen Funktionen abgeschaltet, inklusive Sprache, Motorik und dem dringenden Wunsch, schreiend davonzulaufen.

    „Äh“, sagte ich nochmal.

    Das Wesen antwortete.

    „Hallo Äh“, sagte es. „Ich freue mich, dich zu treffen. Bist du der Gesandte der Menschheit?“

    Sein Deutsch war korrekt. Sehr korrekt. Grammatikalisch wahrscheinlich korrekter als meins, was zugegebenermaßen keine besonders hohe Messlatte war, aber trotzdem. Es hatte einen leichten Akzent, den ich nicht einordnen konnte, weil ich noch nie einen Außerirdischen hatte sprechen hören und der reguläre Vergleichswert daher fehlte. Am ehesten erinnerte es an jemanden aus Skandinavien, der lange in der Schweiz gelebt hat und dort versehentlich Schwäbisch gelernt hat.

    „Äh“, sagte ich. Ja, schon wieder. Aber in meiner Verteidigung: Zeigen Sie mir den Menschen, der in dieser Situation spontan etwas Geistreicheres produziert hätte. Ich behaupte, es gibt ihn nicht. Und wenn doch, lügt er.

    Das Wesen wartete geduldig. Es schien an Pausen gewöhnt zu sein. Entweder das, oder Pausen waren auf seinem Planeten ein Zeichen von Respekt. Oder seine Spezies hatte ein völlig anderes Zeitempfinden und diese dreißig Sekunden waren für ihn ungefähr das Äquivalent eines Wimpernschlags. Alles Spekulation. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt rein gar nichts.

    „Nein“, sagte ich schließlich, und es war das erste vollständige Wort, das die Menschheit offiziell an eine außerirdische Spezies richtete. Historiker werden sich damit abfinden müssen. „Ich bin IT-Admin. Und ich heiße Marcel.“

    Eine Möwe kreiste über uns, und wenn man Möwen eine innere Welt zugestehen möchte, dann fragte sich diese Möwe vermutlich, ob das da unten eine besonders absurde Form menschlichen Balzverhaltens war.

    Das Wesen stellte sich vor, indem es einen Laut produzierte, der klang wie das, was passiert, wenn man versucht, einen Wels in Delfinisch zu übersetzen und dabei versehentlich auf die Rückspultaste drückt. Der Laut hatte mindestens drei Silben, von denen zwei in Frequenzbereichen lagen, die mein Gehör nicht registrieren konnte, und eine, die meine Nasennebenhöhlen in sympathische Vibration versetzte.

    Es zeigte keinerlei Beleidigung, als ich daraufhin sagte, ich könne das beim besten Willen nicht nachsprechen, und ob es vielleicht einen kürzeren Namen hätte.

    „Ihr könntet mich Jürgen nennen“, sagte es.

    Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Öffnete ihn erneut.

    „Was? Warum Jürgen?“

    „Ich habe viele eurer Medien analysiert. Jürgen ist ein Name, der sowohl Vertrauen als auch leichte Langeweile ausstrahlt. Beides schien mir nützlich.“

    Es war der erste Moment, in dem mir dämmerte, dass dieses Wesen nicht nur intelligent war, sondern auch ein sehr präzises Verständnis der menschlichen Psyche hatte. Die Wahl des Namens Jürgen war, das muss man neidlos anerkennen, brillant. Ein Jürgen ist nie verdächtig. Niemand hat je einen Thriller geschrieben, in dem der Bösewicht Jürgen heißt. Jürgen ist der Mann aus der Buchhaltung. Jürgen bringt Kuchen mit zum Geburtstag. Jürgen ist die menschliche Entsprechung von beigefarbener Raufasertapete.

    „Und was genau machen Sie hier?“, fragte ich.

    „Feldforschung.“ Er sagte das mit der Selbstverständlichkeit eines Biologen, der erklärt, warum er in einem Tümpel kniet. „Ich untersuche, warum eine Spezies mit eurem Intelligenzniveau sich so verhält, wie sie sich verhält.“

    „Das klingt nicht besonders schmeichelhaft.“

    „Es ist nicht als Beleidigung gemeint. Es ist ein wissenschaftliches Rätsel. Ihr seid intelligent genug, um Atomkraft zu entwickeln, aber nicht weise genug, aufzuhören, euch damit gegenseitig zu bedrohen. Ihr habt das Internet erfunden und nutzt es hauptsächlich für Katzenbilder und gegenseitige Beschimpfungen. Ihr …“

    „Ich glaube, ich hab das Prinzip verstanden“, unterbrach ich ihn.

    In diesem Moment piepte Polizist Krügers Funkgerät. Die Stimme, die daraus kam, hatte den spezifischen Klang norddeutscher Polizeifunkdisziplin: knapp, leise, und mit der unausgesprochenen Frage, ob hier bald mal jemand was Vernünftiges unternimmt.

    „Herr … äh, ESA-Mann?“, rief Krüger von seinem sicheren Abstand. „Meine Kollegen fragen, ob ich zurückkomme.“

    Ich drehte mich um. Krüger stand ungefähr fünfzehn Meter entfernt und sah aus wie jemand, der gerne nicht hier wäre, aber auch nicht wusste, wohin er sonst sollte. Was, wenn man darüber nachdenkt, die universelle menschliche Grundbefindlichkeit ziemlich gut zusammenfasst.

    „Sagen Sie ihnen … sagen Sie ihnen, es handelt sich um eine Übung“, sagte ich.

    „Eine Übung?“

    „Ja. Interplanetares Krisenmanagement. Sie haben die Prüfung bestanden, vielen Dank.“

    Krüger sah mich an. Dann das Wesen. Dann mich. Sein Gesicht durchlief dabei eine bemerkenswerte Reise von „Skepsis“ über „Resignation“ bis „Na, wenn er meint“.

    „Soll ich den Bericht dann so schreiben?“

    „Wenn Sie möchten.“

    Er nickte langsam. Mit der Energie eines Mannes, der sich entschieden hat, diesen Freitag einfach hinter sich zu bringen, und der dieses Ziel mit jeder Faser seines Wesens anstrebte.

    „Ich schreibe ‚Übung abgeschlossen, keine weiteren Maßnahmen erforderlich'“, sagte er.

    „Ausgezeichnet.“

    „Brauchen Sie sonst noch was?“

    „Einen Kaffee. Aber den werden Sie vermutlich nicht herbeizaubern können.“

    „Ich frage in der Bäckerei“, sagte Krüger und marschierte davon. Mit der Würde eines Menschen, der gerade entschieden hatte, dass Außerirdische nicht sein Zuständigkeitsbereich waren, und der in dem Punkt vermutlich sogar recht hatte. Die deutsche Beamtenordnung sah schlicht keinen Paragrafen für interstellare Begegnungen vor. Eine Lücke, die man dem Gesetzgeber nicht vorwerfen konnte.

    Jürgen und ich blieben am Wasser. Die Ostsee leckte geduldig an seine Tentakeln, und er schien das zu genießen, so wie ein Mensch warme Sonnenstrahlen auf dem Gesicht genießt. Nur nasser.

    „Er hat dir geglaubt“, sagte Alien-Jürgen.

    „Er hat sich entschieden, nicht nachzuhaken. Das ist nicht dasselbe.“

    „Auf meinem Planeten würde man sagen: Eine Frage, die man nicht stellt, verdient keine Antwort, die man nicht versteht.“

    Ich dachte kurz darüber nach. „Das klingt entweder sehr weise oder wie eine Ausrede.“

    „Beides ist möglich“, sagte Jürgen. „Das ist das Schöne an Maximen. Sie funktionieren in beide Richtungen.“

    Ich sah ihn an. Oder zumindest in die Richtung, in der ich vermutete, dass seine Vorderseite war. Eine Vermutung, die, wie ich noch lernen würde, rein statistischer Natur war, da bei einem radialsymmetrischen Organismus jede Richtung gleichzeitig vorne und hinten ist.

    „Was machen wir jetzt?“, fragte ich.

    „Das“, sagte Jürgen, „ist eine ausgezeichnete Frage.“

    Er ließ das Gerät, das er in zwei seiner Tentakeln gehalten hatte, in etwas verschwinden, das wie eine Tasche aussah, aber an einem Körper befestigt war, der keine offensichtlichen Taschen haben sollte. Das Ding leuchtete kurz, dann war es weg. Ich beschloss, nicht nachzufragen. Es gibt Momente, in denen Unwissenheit nicht Schwäche ist, sondern Selbstschutz.

    „Ich benötige“, sagte er, „Zugang zu einem Ort, von dem aus ich meine Forschung fortsetzen kann. Idealerweise mit stabilem WLAN und Zugang zu einer größeren Menge Wasser.“

    „Wasser?“

    „Ich bin ein aquatischer Organismus. An Land kann ich mich nur begrenzt aufhalten, bevor meine Haut austrocknet.“ Er hob demonstrativ einen Tentakel aus dem Wasser und ließ ihn wieder sinken. „Deshalb stehe ich hier. Nicht weil ich die Aussicht genieße, obwohl euer Meer durchaus angenehm ist. Etwas salzig für meinen Geschmack, aber man kann nicht alles haben.“

    „Sie brauchen also eine Badewanne und WLAN.“

    „Stark vereinfacht, aber im Kern korrekt.“

    Ich rieb mir die Augen. Nicht weil ich müde war, obwohl ich das auch war, sondern weil das Reiben der Augen das universelle menschliche Signal für „mein Gehirn braucht einen Neustart“ ist.

    „Und das WLAN?“, fragte ich, hauptsächlich weil es das einzige an dem Gespräch war, das in meinen beruflichen Zuständigkeitsbereich fiel.

    „Ich habe mich eingelesen. Eure Wissensinfrastruktur ist bemerkenswert, wenn man von der Qualität des Diskurses in den Kommentarspalten absieht.“

    „Das ist jetzt aber ein wenig übertrieben“, versuchte ich die Ehre des Internets zu retten.

    „Ich war auch auf Reddit.“

    „Okay, Point taken.“

    Ich sah aufs Wasser. Die Ostsee war immer noch grau und immer noch ruhig. Irgendwo weit hinten blinkte das Licht eines Schiffes, eines jener Frachter, die Tag und Nacht die Küste entlangfahren, ohne dass sich irgendjemand je fragt, wohin sie eigentlich wollen. Die Nacht war kühl und roch nach Salz und dem schwachen Benzindunst meines geparkten Motorrads.

    „Also“, sagte ich. „Was genau haben Sie vor? Langfristig, meine ich.“

    „Eure Spezies untersuchen. Verstehen, warum ihr so arbeitet, wie ihr arbeitet. Warum eure Organisationen sich systematisch selbst behindern. Warum eure Entscheidungsprozesse so strukturiert sind, dass Fehlentscheidungen begünstigt werden und korrekte Entscheidungen bestraft.“

    „Das klingt nach einer sehr langen Studie.“

    „Ich habe Zeit. Und offenbar gibt es reichlich Forschungsmaterial.“

    „Und wo wollen Sie wohnen?“

    Jürgen machte die Geste, die ich später als schulterzucken-ähnlich lernen würde, eine leichte Wellenform durch drei seiner oberen Tentakeln, die aussah wie eine Mischung aus Resignation und Optimismus. „Ich dachte, das würde sich ergeben.“

    Und damit war die wichtigste interstellare Entscheidung des Abends auf die gleiche Art getroffen worden wie die meisten wichtigen Entscheidungen der Menschheitsgeschichte: aus einem Gemisch von Zeitdruck, mangelnden Alternativen und der stillen Hoffnung, dass irgendwer anderes schon herausfinden würde, wie das konkret funktioniert.

    Polizist Krüger kam mit einem Plastikbecher Kaffee zurück. Er reichte ihn mir, betrachtete Jürgen kurz mit dem Blick eines Mannes, der beschlossen hatte, sich ab sofort ausschließlich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, und sagte: „Die Bäckerei hat auch Zimtschnecken. Ich hab welche mitgebracht. Für Sie.“ Er deutete auf mich. Dann, nach einer kurzen Pause, auf Jürgen: „Äh. Für Sie auch, wenn Sie wollen.“

    „Das ist sehr freundlich“, sagte Jürgen.

    Krüger wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich noch einmal um.

    „Darf ich fragen?“, sagte er zu Jürgen, mit der Würde eines Menschen, der weiß, dass die Antwort sein Weltbild nicht vereinfachen wird. „Wo kommen Sie her?“

    Jürgen nannte den Namen seines Heimatplaneten. Der Laut, den er dabei produzierte, ließ zwei Möwen aufschrecken, einen Hund in der Ferne bellen und Krügers Gesicht in einem Ausdruck einfrieren, der sich nur als „höfliches Entsetzen“ beschreiben ließ. Die Miene eines Menschen, der gerade etwas gehört hat, das er nicht hätte hören wollen, aber zu gut erzogen ist, um das zu zeigen. Wir haben uns später darauf geeinigt, den Planeten Ssalgh zu nennen, was sich anhört wie ein Nieser, der sich nicht entscheiden kann, ob er raus will oder nicht, und das daher immerhin in die ungefähr richtige Richtung ging.

    „Weit weg“, sagte Jürgen dann, hilfreich.

    „Ja“, sagte Krüger. „Das hab ich mir gedacht.“

    Er ging. Wir sahen ihm nach.

    „Er ist ein guter Mensch“, sagte Jürgen.

    „Woher wollen Sie das wissen?“

    „Er hat Zimtschnecken mitgebracht. Man kann viel über eine Spezies lernen, wenn man beobachtet, was sie tut, wenn niemand zuschaut. Und was sie teilt, wenn sie nicht muss.“

    Ich trank meinen Kaffee. Er war lauwarm und schmeckte nach Plastik und nach den zerplatzten Träumen einer Bäckerei, die um neunzehn Uhr eigentlich schon geschlossen hatte. Trotzdem war er in diesem Moment das Beste, was mir je jemand angeboten hatte.

    „Jürgen“, sagte ich.

    „Ja?“

    „Das wird kompliziert.“

    „Das“, sagte Jürgen, „ist die erste vollständig korrekte Aussage, die ich von einem Vertreter eurer Spezies gehört habe.“

    Er machte etwas mit seinen Augen, eine minimale Kontraktion der Pupillen, ein leichtes Schimmern, das die Oberfläche seiner Iris in einem wärmeren Grün erscheinen ließ. Viel später würde ich lernen, dass das sein Äquivalent zu einem Lächeln war. In diesem Moment sah es einfach nur aus wie ein Glitch in der Matrix.

    „Ich finde das gut“, sagte er. „Kompliziert bedeutet lebendig.“

    Wir standen noch eine Weile am Wasser. Die Ostsee war immer noch grau. Die Möwen hatten sich beruhigt und waren zu ihren regulären Abendgeschäften zurückgekehrt, die hauptsächlich darin bestanden, Mülleimer zu inspizieren und einander anzukreischen. Irgendwo in Kellenhusen schaltete jemand ein Licht aus.

    Und ich, Marcel, offizieller Hüter der ESA-Drucker, Besitzer einer zu alten Yamaha und einer überwältigenden Neigung, Dinge mit sich geschehen zu lassen, beschloss in diesem Moment, dass dieser Freitag sich anders entwickelt hatte als geplant.

    Was, wenn man ehrlich war, eigentlich fast alle Freitage taten. Aber dieser hier hatte einen gewissen Vorsprung.

    „Wir sollten langsam los. Du brauchst Wasser, ich brauch ein Bier, und mein Motorrad steht im Halteverbot.“

    „Ihr habt Halteverbote für Motorräder, aber kein Protokoll für interstellare Besucher?“

    „Willkommen auf der Erde“, sagte ich. „Unsere Prioritäten sind … kreativ.“

    Irgendwo über der Ostsee ging der letzte Rest Tageslicht unter, und der Himmel verfärbte sich in jenem speziellen Dunkelblau, das nur norddeutsche Küsten an Sommerabenden zustande bringen. Die Farbe eines Universums, das ein ganzes Stück größer geworden war als noch vor einer Stunde.

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