Interkulturelle Missverständnisse
by srimbachDas wäre dann also auch geklärt. Außerirdische können sich übergeben. Sie können es sogar mit einer gewissen eindrucksvollen Deutlichkeit. Und sie machen es genau wie wir Menschen. Offenbar auch aus ähnlichen Gründen. In diesem konkreten Fall war es vermutlich Ekel.
„Ihr macht was?!“ UE4s Stimme überschlug sich dabei um eine gute Oktave. Seine Tentakeln zuckten nervös, was bei ihm ungefähr dem entspricht, was bei Menschen wildes Gestikulieren ist. Nur mit mehr Gliedmaßen und einem deutlich größeren Aktionsradius.
„Also ich dachte, das sei schon besprochen worden“, murmelte ich und versuchte, gleichzeitig gelassen und nicht-schuldig zu wirken. Was ungefähr so glaubwürdig war wie ein Versicherungsvertreter auf LSD, der behauptet, er könne in die Zukunft sehen. Aber hey, nur weil etwas nicht glaubwürdig ist, heißt das ja nicht, dass man es nicht trotzdem versuchen sollte.
„Besprochen? Was soll man da denn besprechen?!“ UE4 machte eine Bewegung, die ich inzwischen als das außerirdische Äquivalent zu kopfschüttelndem Unglauben interpretiert hatte. „Allein der Gedanke, dass ihr ernsthaft… dass ihr…“
Und dann kam die zweite Runde.
Wenn Sie je gesehen haben, wie ein vieräugiger, chromgrüner Organismus sich übergibt, dann… ja, dann haben wir wohl denselben Tag gehabt. Und mein aufrichtiges Beileid. Es ist nicht so, dass es besonders ekelhaft wäre. Jedenfalls nicht ekelhafter als bei Menschen. Es ist nur, naja, unerwartet. Und wenn man direkt danebensteht, auch ziemlich nass. Das Reh, das die ganze Misere ausgelöst hatte, stand übrigens immer noch da und beobachtete die Szene mit dem stoischen Gleichmut eines Wesens, das keinerlei Verantwortung für die Ereignisse empfand und das auch nicht sollte.
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Dabei fing alles ganz harmlos an. Wir waren in einem Wald, was im Allgemeinen ein angenehmer Ort ist. Ok, solange man nicht versehentlich einen interstellaren Vorfall provoziert. Das Wetter war gut, spätsommerlich warm, aber nicht zu heiß. Die Sonne schien durch die Baumkronen und malte diese ganzen Pinterest-würdigen Lichtmuster auf den Waldboden. Vögel zwitscherten. Ein Bach plätscherte irgendwo in der Nähe. Es war idyllisch. Geradezu kitschig idyllisch.
UE4 (das steht für Unknown Entity Nummer 4, ausgesprochen wie „Juey Four“ oder einfach nur Joey, wenn man zu faul ist) wollte mehr über „die natürliche Lebensumgebung eures Planeten“ lernen. Was eigentlich eine ziemlich vernünftige Idee war, wenn man bedenkt, dass er die meiste Zeit seit seiner Ankunft entweder in meiner Wohnung oder in einem ESA-Bürogebäude verbracht hatte. Beides nicht gerade repräsentativ für die Biodiversität der Erde.
Ich, mit der subtilen Eleganz eines aufgeregten Biolehrers auf seiner ersten Exkursion, deutete auf ein Reh am Wegesrand. Ein wirklich schönes Exemplar. Schlank, elegant, mit diesen großen, feuchten Augen, die aussehen, als hätte Disney persönlich das Casting übernommen.
„Ach, guck mal! So langsam bekomme ich Hunger. Da kann man einen leckeren Braten draus machen“, sagte ich beiläufig. Wie man eben so redet, wenn man über Essen nachdenkt.
UE4 blieb stehen. Sehr. Stehen. So still, dass sogar die Vögel kurz innehielten, als hätten sie gemerkt, dass gleich etwas Bedeutsames passieren würde. Vielleicht haben sie’s auch nur geahnt. Vögel sind manchmal verblüffend hellsichtig.
„Wie bitte?“, fragte er, und zwar in einem Ton, als hätte ich gerade gesagt, dass wir unsere Großmütter in Curry einlegen und mit Basilikumblättern garnieren sollten.
„Na ja“, sagte ich und versuchte instinktiv, den Schaden zu begrenzen, wobei ich noch nicht einmal genau wusste, welchen Schaden eigentlich. „Jetzt nicht direkt das Reh da vorne, aber grundsätzlich schon. Reh ist lecker. Mit Preiselbeeren. Und Spätzle. Hast du schon mal Spätzle probiert? Spätzle sind fantastisch.“
„Meinst du das ernst?“
„Äh… was genau?“
„Ihr ESST andere hochentwickelte LEBEWESEN?!“
Die Art, wie er das sagte, mit diesen Großbuchstaben, die man förmlich hören konnte, ließ mich kurz überlegen, ob das vielleicht eine Fangfrage war. Eine Art intergalaktischer Intelligenztest.
a: Nein, natürlich nicht, wie könnten wir nur!
b: Ja, seit ungefähr… na ja, immer schon eigentlich.
„Äh, na klar“, sagte ich. „Also, nicht alle Menschen, manche sind Vegetarier, und es gibt auch Veganer, aber die meisten schon. Zumindest ab und zu. Oder regelmäßig. Je nach… du weißt schon.“
Und dann war’s geschehen.
Ich dachte, kulturelles Verständnis sei der Schlüssel zur interstellaren Freundschaft. Man sollte vorher nur klären, wer bei wem auf dem Speiseplan steht. Oder besser noch: Ob überhaupt irgendjemand auf irgendeinem Speiseplan steht.
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Wer konnte es denn auch ahnen?
Die Bewohner von UE4s Planet (Ssalgh, was sich ungefähr anhört wie ein Nieser, der sich nicht entscheiden kann, ob er raus will oder nicht) sind aus tiefster philosophischer, ethischer und vermutlich auch neurologischer Überzeugung Veganer. Und zwar nicht diese „Ich esse nur noch Sachen, die freiwillig vom Baum gefallen sind“-Veganer, sondern die radikale, intergalaktische, zwölf-Milliarden-Jahre-evolutionär-gewachsene Sorte, die eine Karotte erst dann erntet, wenn sie ihr Einverständnis gefiept hat.
Nein, Karotten fiepen nicht. Ich hab nachgefragt. Auch auf Ssalgh nicht.
Für UE4 und seinesgleichen ist der Gedanke, eine andere Lebensform zu essen, so grotesk, als würde man seine eigene Großmutter in Curry einlegen und mit einem Basilikumblatt garnieren. (Ja, ich weiß, ich habe das Bild schon benutzt. Aber es passt einfach zu gut.) Und offenbar ist es für ihn noch dramatischer, wenn das Lebewesen ein entwickeltes Gehirn besitzt.
„Ihr esst auch Delphine???“ röchelte UE4 mit bebender Stimme, nachdem er sich einigermaßen von der ersten Runde erholt hatte.
„Also… nein“, stammelte ich, „Also ja, schon. Aber dann nur aus Versehen, weil die manchmal in Thunfischdosen drin sind. Sagt man zumindest. Ich persönlich hab noch nie nachgeschaut. Steht ja auch nicht drauf. Da steht nur Thunfisch. Und ein Bild von einem Thunfisch. Würde ja auch komisch aussehen, wenn da ein Delphin drauf wäre.“
„Ach dann ist das ja völlig ok.“
Ironie kann er also auch. Bemerkenswert. Obwohl er schon wieder würgen musste. Ich machte vorsichtshalber einen Schritt zur Seite.
„Katzen? Hunde?“ Er klang inzwischen, als würde er eine Liste von Kriegsverbrechen verlesen.
„Bist du irre? Nein! Wir essen keine Katzen. Jedenfalls nicht hier. Ok, in China essen sie vielleicht in einigen Gegenden Hunde, aber das ist kulturell bedingt und außerdem umstritten und ich persönlich finde das auch nicht gut, aber man muss das im Kontext sehen und…“
„Und du nennst mich irre? Ihr seid ja noch viel bekloppter, als ich dachte.“
Fair enough, dachte ich. Aus seiner Perspektive war das wahrscheinlich eine völlig angemessene Schlussfolgerung.
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Man muss dazu wissen, und das erklärt einiges, dass der allererste Kontakt der UE-Spezies mit dem Planeten Erde nicht mit Menschen stattfand. Sondern mit Delphinen.
Warum? Ganz einfach: Ihr Heimatplanet Ssalgh ist vollständig von Ozeanen bedeckt. Keine Kontinente. Keine Inseln. Nicht mal ein anständiges Riff, auf dem man ein „Willkommen auf Ssalgh“-Schild aufstellen könnte. Nur Wasser. Sehr viel Wasser. In verschiedenen Temperaturen und Tiefen, zugegeben, aber eben: Wasser.
Für UE4 und seine Artgenossen war es daher völlig logisch, dass die intelligenteste Lebensform eines Planeten selbstverständlich im Wasser leben müsse. Alles andere wäre ja auch absurd. Wer würde schon freiwillig an Land leben, wo man ständig gegen die Schwerkraft ankämpfen muss und bei Regen nass wird, anstatt sowieso schon nass zu sein?
Und so landete er nicht in der Wüste von Nevada oder in einem Maisfeld in Iowa (wie es sich für jeden anständigen Science-Fiction-Erstkontakt gehört), sondern mitten im Atlantik. Genauer gesagt etwa zweihundert Kilometer westlich der Azoren, in einer Tiefe von ungefähr vierhundert Metern.
Wo er prompt von einem Pulk neugieriger Delphine empfangen wurde.
Die Delphine, wie immer höflich, verspielt und latent ironisch, unterhielten sich gerne mit den Neuankömmlingen. Sie machten Witze über Thunfischdosen und Plastiktüten, gaben Tipps zur Navigation („Immer schön Richtung Sonne schwimmen, dann geht’s nach oben“), empfahlen als touristisches Highlight die Gegend um die Azoren („super Thermik, wenig Menschen, ausgezeichnetes Plankton im Frühjahr“), zeigten aber herzlich wenig Interesse an interstellarer Diplomatie.
„Regierungen?“, hatte der leitende Delphin geantwortet. Ein besonders cleveres Exemplar, dessen Name in menschlicher Übersetzung ungefähr „Schneller-Als-Der-Schatten-Aber-Langsamer-Als-Der-Hunger“ bedeutet. „Nee, haben wir nicht. Brauchen wir auch nicht. Wir schwimmen halt rum und essen Fisch. Manchmal ärgern wir Haie. Ab und zu retten wir Ertrinkende, wenn uns danach ist. Ganz entspannt, weißt du?“
„Wie trefft ihr denn Entscheidungen?“, hatte UE4 gefragt.
„Entscheidungen? Welche Entscheidungen? ‚Schwimmen wir nach links oder nach rechts?‘ Na ja, meistens schwimmen wir einfach beide Richtungen und gucken, was passiert.“
UE4 hatte viel von den Delphinen gelernt. Über Meeresströmungen. Über die erstaunliche Dummheit von Thunfischen. Über den korrekten Einsatz von Echolokation beim Flirten.
Aber vor allem hatte er eines gelernt: dass der Mensch ein Problem sei.
„Die an Land?“, hatte Schneller-Als-Der-Schatten gesagt. „Lass die mal. Die werfen ihren Müll ins Meer, fahren mit lauten Booten rum und fangen Fische in Netzen, die so groß sind wie Unterwassergebirge. Nette Leute, manche von ihnen. Aber halt auch ein bisschen – wie soll ich sagen – strukturell problematisch.“
UE4 hatte genickt. Oder was auch immer seine Spezies macht, um Verständnis zu signalisieren. Wahrscheinlich etwas mit Biolumineszenz.
Aber er wollte sich selbst ein Bild machen. Er war schließlich Wissenschaftler. Forscher. Jemand, der nicht einfach Vorurteilen glaubt, nur weil sie von charismatischen Meeressäugern mit hervorragender PR kommen.
Nun ja. Er hatte gerade ein neues Bild bekommen.
Und er übergab sich gerade heftig gegen einen Baum. Eine Buche, um genau zu sein. Eine alte, ehrwürdige Buche, die in ihren vermutlich hundertfünfzig Lebensjahren schon einiges ertragen hatte. Stürme, Dürren, die gelegentliche Schnitzerei verliebter Teenager. Mit interstellarem Erbrochenen hatte sie vermutlich nicht gerechnet.
Ein Specht in der Nähe hörte auf zu hämmern und beobachtete die Szene mit dem stummen Urteil eines Organismus, der evolutionär seit Millionen Jahren darauf optimiert ist, mit dem Kopf gegen Holz zu schlagen, ohne sich dabei zu übergeben. Und ja, Spechte existieren tatsächlich länger als 50 Mio. Jahre. Aber das nur am Rande.
„Tut mir leid“, sagte ich leise. „Wirklich.“
UE4 richtete sich auf und sah mich an. Mit dreien seiner vier Augen gleichzeitig, was ziemlich einschüchternd wirkt, wenn man’s nicht gewohnt ist.
„Die Delphine“, sagte er schließlich, „hatten recht.“
„Ja“, sagte ich. „Das haben sie oft.“
Wir standen noch eine Weile da, im Wald, zwischen Buchen und Vogelgezwitscher und den Überresten eines interkulturellen Missverständnisses. Das Reh war längst verschwunden. Der Specht hatte seine Arbeit wieder aufgenommen. Und irgendwo, zweihundert Kilometer westlich der Azoren, schwamm vermutlich gerade ein Delphin namens Schneller-Als-Der-Schatten durch den Atlantik und dachte sich: „Hab ich doch gesagt.“
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