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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Es gibt einen Moment in jedem Projekt, in dem alles gleichzeitig passiert und trotzdem nichts vorankommt. Kenner des Projektmanagements nennen diesen Zustand „Fortschrittliche Stagnation“. Kenner der menschlichen Psyche nennen ihn „Montag“. Kenner von beidem öffnen eine Flasche Wein und hoffen auf Dienstag.

    Wir hatten diesen Moment an einem Mittwoch erreicht.

    Das Team-Board, unser digitales Wunderwerk aus bunten Karten, das Herrn Witts Post-It-Wand im Geiste fortführte, sah aus wie der Schaltplan eines Kernkraftwerks, der von einem dreijährigen Kind mit Zugang zu Fingerfarben und einem tiefsitzenden Groll gegen Ordnung neu gestaltet worden war. Es gab siebenunddreißig Aufgabenkarten. Fast alle davon „in Bearbeitung“.

    Und keine einzige davon war fertig.

    Dr. Chen arbeitete parallel an der Erreger-Identifikation, einer Literaturrecherche zu neurotropen Einzellern und der Analyse von UE4s Hautproben. Frau Kowalski koordinierte gleichzeitig die externe Kommunikation, die Teamorganisation und die Dokumentation der bisherigen Ergebnisse. Herr Witt modellierte Daten, analysierte Korrelationen und versuchte nebenbei, sein Katze-auf-Herd-Problem in den Griff zu bekommen, was streng genommen keine Projektaufgabe war, aber seine Videokonferenzen erheblich beeinträchtigte. Tim recherchierte in siebzehn verschiedenen Datenbanken gleichzeitig, was bedeutete, dass er in siebzehn verschiedenen Datenbanken gleichzeitig die Übersicht verlor.

    Selbst Herr Dr. Teichmann, der Mann, der vor wenigen Wochen noch für jede Aufgabe eine vierseitige Genehmigung gefordert hatte, jonglierte mit vier Karten, die er sich alle selbst gezogen hatte, vermutlich in einem Anfall von Enthusiasmus, der sein eigenes Leistungsvermögen um den Faktor drei überschätzte.

    Das Problem war nicht der Mangel an Arbeit. Es war auch nicht der Mangel an Motivation. Das Problem war, dass alle so beschäftigt damit waren, beschäftigt zu sein, dass niemand mehr etwas tatsächlich abschloss. Es war, als hätte man dreißig Bücher gleichzeitig angefangen zu lesen und bei jedem das erste Kapitel geschafft, aber bei keinem das zweite.

    Und dann waren da die Aufgaben, die niemand anfasste.

    Sie standen ganz unten auf dem Board, wie Mauerblümchen auf einem Schulball: unbeliebt, unbeachtet, und mit der stillen Gewissheit, dass ihr Moment nie kommen würde. „Gesundheitsdaten anonymisieren.“ „Compliance-Formulare für externe Labornutzung ausfüllen.“ „Datenschutzerklärung für Dr. Chens Probenanalyse erstellen.“

    Langweilige Aufgaben. Notwendige, unvermeidliche, absolut kritische, sterbens-langweilige Aufgaben.

    „Hat jemand die Datenschutzerklärung fertig?“, fragte Dr. Chen im Morgen-Stand-up. Ihr Timer lief. Ihre Kaffeetasse war leer. Ihr Tonfall hatte die kontrollierte Ungeduld einer Wissenschaftlerin, die daran gewöhnt war, dass die Bürokratie langsamer arbeitete als die Viren, die sie untersuchte, was, wenn man darüber nachdachte, eine ziemlich beunruhigende Prioritätensetzung war.

    Stille.

    „Die Datenschutzerklärung“, wiederholte sie. „Ohne die kann ich keine Proben an das Labor der Uniklinik schicken. Ohne Proben keine Analyse. Ohne Analyse kein Ergebnis. Das ist der kritische Pfad.“

    Mehr Stille. Die Art von Stille, die entsteht, wenn eine Gruppe von Menschen hofft, dass jemand anderes die Frage beantwortet, weil man selbst zu beschäftigt mit den vier spannenden Aufgaben ist, die man sich gezogen hat, und die langweilige fünfte, die man absichtlich übersehen hat, immer noch ganz unten auf dem Board steht und geduldig wartet wie ein Hund, den niemand Gassi führen will.

    „Ich dachte, Herr Lehmann macht das“, sagte Frau Niemeyer.

    „Herr Lehmann macht die Haftungsanalyse“, sagte Herr Lehmann. „Und die Vertragsvorlage für Dr. Chen. Und die Prüfung der NDA-Klauseln. Die Datenschutzerklärung war…“ Er suchte auf dem Board. „…niemandem zugeordnet.“

    „Weil sie niemand gezogen hat“, sagte Tim leise.

    „Weil sie niemand wollte“, ergänzte Frau Kowalski.

    UE4 hatte zugehört. Von meinem Badezimmer aus, per Audio, wie üblich. Und er hatte das getan, was er in solchen Momenten immer tat: gewartet. Nicht weil er die Antwort nicht kannte. Sondern weil er darauf wartete, dass jemand anderes sie fand.

    Niemand fand sie.

    Also sagte er: „Darf ich eine Beobachtung machen?“

    Neun Videorechtecke richteten sich auf sein Videobild. Das digitale Äquivalent von „Alle schauen den Alien an“, nur weniger cinematisch und mit mehr Pixelartefakten.

    „Ihr habt siebenunddreißig Aufgaben. Alle sind in Bearbeitung. Keine ist fertig. Gleichzeitig gibt es sechs Aufgaben, die niemand angefasst hat. Und mindestens drei davon blockieren den Fortschritt der anderen.“ Er machte eine seiner Pausen. „Wisst ihr, was das auf Ssalgh bedeuten würde?“

    „Dass wir gefeuert werden?“, schlug Tim vor.

    „Dass ihr so beschäftigt damit seid, beschäftigt zu sein, dass ihr vergessen habt, warum ihr beschäftigt seid.“

    Stille.

    „Wir haben kein Ziel“, sagte Frau Kowalski. Es war keine Frage. Es war eine Erkenntnis, die in Echtzeit auf ihrem Gesicht stattfand, wie ein Sonnenaufgang in Zeitraffer, nur mit mehr Stirnrunzeln. „Wir haben Aufgaben. Dutzende von Aufgaben. Aber wir haben kein Ziel, auf das sie alle einzahlen. Wir arbeiten in alle Richtungen gleichzeitig.“

    „Wie eine Amöbe“, sagte Herr Witt. „Die bewegt sich auch in alle Richtungen. Deshalb kommt sie nie irgendwo an.“

    „Technisch bewegen sich Amöben schon voran“, sagte Dr. Chen. „Aber ich verstehe die Metapher. Und sie stimmt.“

    UE4 sagte: „Maxime Nr. 7.“

    Tim zitierte, ohne auf sein Handy schauen zu müssen: „‚Wenn es sich nicht ändert, lebt es vielleicht nicht mehr.'“

    „Ihr arbeitet seit zwei Wochen an allem gleichzeitig. Hat sich in diesen zwei Wochen etwas Wesentliches verändert?“

    Stille. Die ehrliche, unangenehme Art.

    „Nein“, sagte Frau Kowalski.

    Was folgte, war eine der kürzesten und produktivsten Diskussionen, die ich je in einer Videokonferenz erlebt hatte, was zugegebenermaßen eine niedrige Messlatte war, aber trotzdem.

    „Wir brauchen ein Wochenziel“, sagte Frau Kowalski. „Ein einziges, klares Ziel. Und dann schauen wir: Welche Aufgaben zahlen auf dieses Ziel ein? Nur die werden bearbeitet. Alles andere wartet.“

    „Aber die anderen Aufgaben verschwinden ja nicht“, sagte Herr Dr. Teichmann, und es klang fast wie ein Einwand, aber nur fast, denn selbst er hatte inzwischen gelernt, dass Einwände ohne Alternative ungefähr so nützlich sind wie ein Regenschirm mit Löchern.

    „Nein, sie verschwinden nicht. Aber sie dürfen warten, bis die wichtigeren erledigt sind. Komplett erledigt. Nicht angefangen, nicht halb fertig, nicht ‚ich-arbeite-dran‘. Fertig.“

    „Auch die langweiligen?“, fragte Tim, und in seiner Stimme schwang die leise Hoffnung mit, dass die Antwort „Nein“ lauten würde.

    „Besonders die langweiligen“, sagte Dr. Chen. „Die Datenschutzerklärung ist langweilig. Aber ohne sie stehe ich eine Woche still. Langweilig ist nicht dasselbe wie unwichtig.“

    Frau Kowalski nickte. „Also: Wochenziel. Wir konzentrieren uns auf das, was am meisten blockiert. Und erst wenn die Aufgaben abgeschlossen sind, alle, auch die öden, ziehen wir neue.“

    „Das bedeutet“, sagte Herr Witt langsam, als müsse er den Gedanken erst physisch in seinem Kopf sortieren, „dass ich meine Datenmodellierung pausiere?“

    „Ja.“

    „Und stattdessen die Datenschutzerklärung mache?“

    „Wenn das die Aufgabe ist, die am meisten blockiert, ja.“

    Herr Witt sah aus, als hätte ihm jemand gesagt, er solle sein Rennrad stehen lassen und stattdessen den Müll rausbringen. Was metaphorisch gesehen auch exakt das war, was gerade passierte.

    „Gut“, sagte er. „Dann mache ich das.“

    Und damit war etwas passiert, das wieder so simpel war, dass es fast wehtat: Das Team hatte beschlossen, weniger zu tun. Nicht weniger zu arbeiten. Aber weniger gleichzeitig. Sich auf wenige Aufgaben zu konzentrieren, die auf ein gemeinsames Ziel einzahlten, und den Rest warten zu lassen. Auch wenn der Rest interessanter war. Auch wenn der Rest spannender war. Auch wenn der Rest einem das Gefühl gab, etwas zu bewegen, während die langweilige Datenschutzerklärung einem nur das Gefühl gab, langsam innerlich zu vertrocknen.

    UE4 sagte nichts. Er musste nichts sagen. Die Erkenntnis war wieder aus dem Team gekommen. Und seine Haut (das konnte ich durch die offene Badezimmertür sehen) schimmerte in warmem Grün.

    Frau Kowalski richtete sich auf, und in ihren Augen war ein Funkeln, das ich bisher nur bei taktischen Durchbrüchen gesehen hatte. „Das hat uns dieser Agile Coach damals auch immer erzählt! Maximize the amount of work not done. Ich dachte, das wäre nur so ein Spruch.“

    „Offensichtlich nicht nur ein Spruch“, sagte Dr. Chen. „Vielleicht war der Mann doch nicht so nutzlos, wie alle dachten.“

    Die Sache mit den Timeboxen eskalierte am nächsten Morgen.

    Nicht im negativen Sinne. Eher im Sinne von „es wurde interessant auf eine Weise, die nur möglich ist, wenn ein Alien Demokratie erklärt“.

    Das Problem war, dass Timeboxen, die dreißig-Minuten-Blöcke, die Frau Kowalski nach Dr. Chens Redemarathon eingeführt hatte, zwar wunderbar funktionierten, um Meetings zu kürzen, aber keine Regelung dafür hatten, was passierte, wenn ein Thema mehr Zeit brauchte. Oder weniger.

    Am Montag hatte Dr. Chen ihren Bericht über die vorläufige Erreger-Analyse präsentiert. Die Timebox lief ab. Dr. Chen war mitten in einem Satz, der (und das war selbst mir als medizinischem Laien klar) der wichtigste Satz der gesamten Präsentation war. Aber die Uhr war die Uhr, und Frau Kowalski war Frau Kowalski, und sie sagte: „Zeit ist um.“

    Dr. Chen sah aus, als hätte man ihr den Strom abgestellt. „Aber ich bin gerade am…“

    „Ich weiß. Die Timebox ist um.“

    „Das ist der entscheidende Punkt meiner Analyse!“

    „Dann brauchen wir eine Verlängerung. Aber nicht einfach so.“

    Sie drehte sich zum Team um. „Wer ist dafür, dass wir Dr. Chen noch zehn Minuten geben?“

    Hände gingen hoch. Zögerlich, unsicher, als hätte man sie gefragt, ob sie für oder gegen Sonnenschein stimmen wollten. Offensichtlich dafür, aber irgendwie seltsam, dass man überhaupt abstimmen musste.

    „Okay“, sagte Frau Kowalski. „Zehn Minuten. Aber das können wir nicht jedes Mal so machen. Wir brauchen eine Regel.“

    UE4 sagte: „Auf Ssalgh haben wir dafür ein System.“

    Neun Videorechtecke wandten sich seinem Video zu. Pavlov hätte seine helle Freude an uns gehabt. UE4 schaltete sein Video ein.

    „Wenn eine Timebox abläuft“, erklärte UE4, „signalisiert jeder gleichzeitig, ob er verlängern möchte oder nicht. Gleichzeitig. Nicht nacheinander, denn nacheinander bedeutet, dass der Erste die anderen beeinflusst.“

    „Wie macht ihr das?“, fragte Tim.

    „Wir machen eine Bewegung mit unseren Tentakeln. Wer verlängern möchte, macht eine schwebende, wellenförmige Bewegung. So.“

    „Und wer stoppen möchte“, fuhr UE4 fort, „macht einen Knoten in seine Tentakel.“

    „Einen Knoten?“, fragte Frau Niemeyer.

    „Einen einfachen Überhandknoten. Zwei Tentakel ineinander verschlungen. Es ist eine sehr deutliche Geste.“

    Herr Witt betrachtete seine Arme. Dann versuchte er, seinen rechten Arm um seinen linken zu wickeln. Das Ergebnis sah aus wie ein Brezelverkäufer mit Muskelkrampf.

    „Ich glaube nicht“, sagte er langsam, „dass wir unsere Arme verknoten können.“

    „Das wäre auch ein merkwürdiger Anblick“, sagte Frau Kowalski. „Stellt euch vor, zehn ESA-Mitarbeiter in einer Videokonferenz verknoten ihre Arme. Das landet auf YouTube, bevor die Timebox um ist.“

    „Dann braucht ihr ein menschenkompatibles Äquivalent“, sagte UE4. „Etwas, das jeder gleichzeitig zeigen kann. Eindeutig. Ohne Verwechslungsgefahr.“

    Tim sagte: „Daumen hoch, Daumen runter.“

    Alle sahen Tim an. Tim wurde, ausnahmsweise, nicht rot. Stattdessen hielt er seinen Daumen in die Kamera. Hoch.

    „Verlängern: Daumen hoch. Stoppen: Daumen runter. Alle gleichzeitig. Wie beim römischen Kolosseum, nur ohne den Teil, wo jemand stirbt.“

    „Das ist“, sagte Herr Dr. Teichmann, und man konnte sehen, wie er innerlich gegen den Impuls kämpfte, etwas Komplexeres vorzuschlagen, „…tatsächlich völlig ausreichend.“

    „Die besten Lösungen sind die einfachsten“, sagte UE4.

    Und so wurde die Daumenregel geboren. Die erste Regel, die ich je in einem Büroumfeld als angemessen empfunden habe, weil sie so simpel war, dass selbst ein verkateter IT-Administrator am Montagmorgen sie verstanden hätte.

    Aber Frau Kowalski war noch nicht fertig.

    „Es gibt noch ein zweites Problem“, sagte sie. „Was, wenn ein Thema für die Mehrheit langweilig ist? Wenn Dr. Chen und Herr Witt in einen technischen Tiefgang abtauchen, der für den Rest des Teams so relevant ist wie eine Dissertation über die Thermodynamik von Nudelwasser?“

    „Ich fühle mich angesprochen“, sagte Herr Witt. „Und die Thermodynamik von Nudelwasser ist durchaus relevant, wenn man perfekte Pasta möchte.“

    „Dann stimmen wir auch ab“, sagte Frau Kowalski. „Wenn die Mehrheit Daumen runter zeigt, wird das Thema für den Moment beendet. Nicht gelöscht, beendet. Die Betroffenen können es bilateral weiterbesprechen. Aber die gesamte Gruppe muss nicht dabei sitzen und so tun, als wäre es spannend.“

    „Das ist demokratisch“, sagte Herr Lehmann, und er klang unsicher, ob er das als Lob oder Warnung meinte.

    „Das ist effizient“, sagte Frau Kowalski.

    „Es ist beides“, sagte UE4. „Und es ist das, was eure Meetings von Zeitfressern in Werkzeuge verwandelt. Ein Meeting, das länger dauert als nötig, ist kein gutes Meeting. Es ist ein schlechtes Gewissen in Konferenzform.“

    Herr Dr. Teichmann notierte etwas. Vermutlich „Meetings = schlechtes Gewissen in Konferenzform“. Ich hoffte, er würde daraus keine PowerPoint machen.

    Das Wochenziel war klar: den Erreger identifizieren. Alles andere war zweitrangig.

    Das bedeutete: Datenschutzerklärung fertig machen (Herr Witt, unter leisem Stöhnen). Blutproben des gesamten Teams sammeln und an Dr. Chens Labor schicken (Frau Niemeyer, mit professioneller Effizienz und nur minimaler Nadelphobie bei Tim). UE4s Proben aufbereiten, was schwieriger war, als es klang, weil außerirdische Biologie nicht in irdische Reagenzgläser passte und Herr Lehmann drei Sondergenehmigungen brauchte, um extraterrestrisches biologisches Material überhaupt transportieren zu dürfen, wobei der zuständige Beamte am Telefon zwanzig Sekunden lang geschwiegen hatte, bevor er sagte: „Für so etwas gibt es kein Formular“, was in der deutschen Bürokratie die höchste Form existentieller Krise darstellt.

    Am Donnerstag, dem vierten Tag der neuen „Ein Ziel pro Woche“-Disziplin, rief Dr. Chen an.

    Nicht ins Team-Meeting. Direkt bei mir. Auf meinem Handy. Um 22:14 Uhr. Was bei einer Virologin entweder bedeutete, dass jemand gestorben war oder dass sie etwas gefunden hatte, und ich hoffte inständig auf Letzteres.

    „Marcel.“ Ihre Stimme hatte den Tonfall von jemandem, der seit Stunden auf einen Bildschirm gestarrt hatte und gerade etwas gesehen hatte, das den Bildschirm zurückstarren ließ. „Ich brauche UE4. Jetzt. Video.“

    Ich ging ins Badezimmer. UE4 schaute, natürlich, Bollywood. Etwas mit Shah Rukh Khan, einer Lokomotive und einem Sari, der physikalisch unmöglich im Wind wehte. Zwei Augen auf den Film, zwei auf sein Tablet, wo er gleichzeitig die Wikipedia-Seite über indische Eisenbahngeschichte las, weil UE4 nicht einfach einen Film schauen konnte, ohne nebenbei alles zu recherchieren, was darin vorkam, was bedeutete, dass er nach jedem Film nicht nur den Film kannte, sondern auch die gesamte sozioökonomische Infrastruktur des Landes, in dem er spielte.

    „UE4. Dr. Chen. Dringend.“

    Er stoppte den Film. Bei UE4 war das ein Zeichen höchster Priorität, denn er stoppte Bollywood-Filme ungefähr so bereitwillig, wie ich Drucker reparierte: nur im absoluten Notfall und unter hörbarem Protest.

    Ich stellte den Laptop auf den Badewannenrand. Dr. Chen erschien auf dem Bildschirm. Ihr Googly-Eye-Bakterium auf der Kaffeetasse war durch eine neue Tasse ersetzt worden, auf der stand: „Keep Calm and Culture On.“ Ihr Haar stand in mindestens drei Richtungen gleichzeitig ab, was bei einer Virologin nach Mitternacht weniger ein modisches Statement als ein Indikator für die Länge der Arbeitsschicht war.

    „Ich habe ihn“, sagte sie.

    „Wen?“, fragte ich.

    „Den Erreger.“ Sie drehte ihren Bildschirm. Ein Mikroskopbild erschien. Etwas Rundes, fast Perfektes, mit einer Oberflächenstruktur, die aussah wie die Textur einer Golfball-Oberfläche, wenn der Golfball von einem impressionistischen Maler entworfen und von der Evolution als schlechter Witz gemeint worden wäre.

    „Ein Einzeller“, sagte Dr. Chen. „Keiner, den ich jemals gesehen habe. Keiner, der in irgendeiner Datenbank existiert. Nicht irdisch. Zumindest nicht, soweit wir wissen.“

    UE4 beugte sich vor. Drei Augen auf das Bild, das vierte auf Dr. Chen. Seine Haut wurde blasser, nicht kränklich, sondern konzentriert, wie ein Mensch, der die Stirn runzelt, nur ganzkörperlich.

    „Er war in allen Proben?“, fragte er.

    „In allen. Jedem einzelnen Teammitglied. In UE4s Proben in extrem hoher Konzentration. Bei allen neun Kollapsfällen ebenfalls hohe Konzentration. Beim Rest des Teams in niedrigerer, aber nachweisbarer Menge.“

    „Und bei den Nicht-Kollapsfällen?“, fragte UE4. „Bei den Teammitgliedern, die den Erreger tragen, aber nicht kollabiert sind?“

    „Auch vorhanden. Aber in deutlich geringerer Konzentration. Und, das ist der interessante Teil, in Kombination mit etwas anderem.“ Sie machte eine Pause, die in ihrer Dramatik an die besten Momente von UE4s Bollywood-Filmen heranreichte. „Einem unbekannten Antikörper. Oder etwas, das sich wie ein Antikörper verhält. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen.“

    „Das heißt“, sagte ich, und mein Gehirn versuchte, die Implikationen in eine Reihenfolge zu bringen, die nicht sofort Panik auslöste, „dass wir alle infiziert sind, aber dass etwas in manchen von uns die Infektion in Schach hält?“

    „Genau das“, sagte Dr. Chen. „Die Frage ist nur: Was?“

    UE4 schwieg. Seine Haut hatte den matten, nachdenklichen Graugrünton, den ich inzwischen als sein „Ich denke nach und es gefällt mir nicht, was ich denke“-Gesicht kannte. Er starrte auf das Mikroskopbild, als wolle er den Einzeller durch reine Willenskraft zum Reden bringen.

    „Wir haben ihn“, sagte er schließlich, leise. „Wir haben den Erreger.“

    „Noch nicht verstanden“, korrigierte Dr. Chen. „Aber identifiziert. Und das ist der erste Schritt.“

    „Got you“, flüsterte Tim, der offenbar um diese Uhrzeit noch im Team-Chat online war, weil Praktikanten entweder nie schlafen oder nie offline gehen, und beides gleich wahrscheinlich war.

    Got you. Wir hatten ihn.

    Jetzt mussten wir nur noch herausfinden, was wir mit ihm anfangen sollten.

    Die nächste Teamdiskussion, am Freitag, neun Uhr, pünktlich, im Stehen, digital, war die aufregendste und frustrierendste gleichzeitig.

    „Wir kennen den Erreger“, fasste Dr. Chen zusammen. Timer: dreißig Minuten. „Er ist real, er ist nachweisbar, er ist in uns allen. Die gute Nachricht: Wir wissen jetzt, wonach wir suchen. Die schlechte Nachricht: Wir haben keine Ahnung, wie wir ihn loswerden.“

    „Impfstoff?“, fragte Frau Niemeyer.

    Dr. Chen lachte. Es war kein fröhliches Lachen. Es war das Lachen einer Wissenschaftlerin, die gerade die Kluft zwischen „einfacher Frage“ und „unmöglicher Antwort“ wie einen Abgrund vor sich sah.

    „Ein Impfstoff“, sagte sie, „dauert im besten Fall Jahre. Im normalen Fall ein Jahrzehnt. Und er kostet, konservativ geschätzt, zwischen fünfhundert Millionen und zwei Milliarden Euro. Für einen bekannten Erreger. Für einen unbekannten, nicht irdischen Einzeller, den wir erst seit einer Woche kennen?“ Sie nahm einen Schluck Kaffee. „Rechnen Sie mal hoch.“

    Stille. Die Art von Stille, die entsteht, wenn eine Gruppe von Menschen gleichzeitig realisiert, dass die Lösung ihres Problems so teuer ist, dass sie das Problem eines anderen wird.

    „Brainstorming“, sagte Frau Kowalski. „Dreißig Minuten. Alle Ideen. Keine Bewertung. Wie kommen wir an die Finanzierung?“

    Es war ein Zeichen dafür, wie weit das Team gekommen war, dass niemand hinterfragte, ob Brainstorming die richtige Methode war. Niemand schlug eine PowerPoint vor. Niemand verlangte eine Zuweisungsmatrix. Sie griffen einfach zu, oder, in der digitalen Version, tippten los.

    Die Ideen kamen schnell. Manche waren brillant. Manche waren verzweifelt. Manche waren beides.

    „Wir gehen an die Öffentlichkeit und bitten um Forschungsgelder.“ Herr Dr. Teichmann.

    „Wir verkaufen die Entdeckung an die Pharmaindustrie.“ Herr Lehmann.

    „Wir verkaufen UE4 an die Pharmaindustrie.“ Tim. (Es gab eine kurze Pause, in der alle gleichzeitig realisierten, dass dies sowohl der absurdeste als auch der finanziell tragfähigste Vorschlag war.)

    „Wir verkaufen heimlich eine ESA-Rakete.“ Jens.

    „Wir setzen UE4 als Führer im Weltraummuseum in Noordwijk ein. Eintritt: fünfzig Euro.“ Herr Witt, der sich offenbar nicht entscheiden konnte, ob er Wissenschaftler oder Eventmanager sein wollte.

    UE4 sagte: „Ich wäre ein exzellenter Museumsführer. Mein Wissen über euer Raumfahrtprogramm ist allerdings nicht schmeichelhaft.“

    Die Liste wuchs. Und mit ihr die Erkenntnis, dass jede sinnvolle Lösung entweder Geld erforderte, das sie nicht hatten, Zeit, die sie nicht hatten, oder Öffentlichkeit, die sie nicht riskieren konnten. Die ESA-Rakete-Idee wurde verworfen, weil, wie Herr Lehmann trocken anmerkte, „der Verkauf von Staatseinrichtungen in der Regel strafbar ist, selbst wenn das Motiv die Rettung der Menschheit ist, was juristisch kein anerkannter Rechtfertigungsgrund darstellt.“

    Die Pharmaindustrie-Idee überlebte am längsten. Herr Lehmann skizzierte ein Szenario: Die Entdeckung eines neuen, nicht irdischen Erregers wäre für jedes Pharmaunternehmen eine Goldgrube. Man könnte Forschungskooperationen aufsetzen, Lizenzen vergeben, Exklusivrechte verkaufen.

    „Und dann kontrolliert ein Pharmakonzern die einzige Behandlung für ein Alien-Virus“, sagte Frau Kowalski. „Und legt den Preis fest. Und entscheidet, wer behandelt wird und wer nicht.“

    „Das ist…“ Herr Lehmann zögerte. „…der freie Markt.“

    „Das ist eine Katastrophe“, sagte Dr. Chen. „Wenn dieser Erreger sich weiter ausbreitet, können wir es uns nicht leisten, die Lösung hinter einer Paywall zu verstecken.“

    Die Daumen gingen runter. Einer nach dem anderen. Sogar Herr Lehmanns eigener, was zeigte, dass selbst Juristen gelegentlich Prinzipien über Praktikabilität stellen.

    Dreißig Minuten. Timer ab.

    „Ergebnis?“, fragte Frau Kowalski.

    „Wir haben keine Lösung“, sagte ich. „Aber wir haben eine sehr detaillierte Liste von Lösungen, die nicht funktionieren.“

    „Tröstlich“, sagte Tim.

    „Ehrlich“, korrigierte UE4.

    Am Abend saß ich auf meinem Sofa und starrte an die Decke. Aus dem Badezimmer drang Bollywood, natürlich, und das leise Blubbern von UE4s Befeuchtungssystem, das inzwischen zum Grundgeräusch meiner Wohnung geworden war wie das Ticken einer Uhr oder das entfernte Rauschen der Autobahn, nur feuchter und mit gelegentlichen Tentakelgeräuschen.

    Wir hatten den Erreger gefunden. Wir hatten ihn identifiziert. Wir hatten ihn unter dem Mikroskop liegen, diesen kleinen, nicht irdischen Einzeller, der es sich in unseren Blutbahnen gemütlich gemacht hatte wie ein ungebetener Gast, der sich auf dem Sofa breit macht und keine Anstalten zeigt zu gehen.

    Und wir hatten keine Ahnung, was wir mit ihm anfangen sollten. Die Menschheit retten, mit einem Budget, das nicht einmal für eine anständige Weihnachtsfeier gereicht hätte.

    „UE4?“

    „Ja?“ Der Bollywood-Soundtrack wurde einen Hauch leiser. Für UE4-Verhältnisse war das das Äquivalent davon, den Fernseher auszuschalten.

    „Wir stecken fest, oder?“

    „Wir stecken nicht fest. Wir haben einen Erreger identifiziert, den vor einer Woche niemand kannte. Wir haben ein Team, das gelernt hat, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir haben eine Virologin, die brillant genug ist, um mich zu beeindrucken, was bei einer Lebenserwartung von dreitausend Jahren eine bemerkenswerte Leistung ist.“

    „Aber wir haben keine Lösung.“

    „Noch nicht. Und ’noch nicht‘ ist kein Scheitern. Es ist ein Zustand. Wie der Moment zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen.“

    „Das klingt nach einer Bollywood-Weisheit.“

    „Das klingt nach Geduld. Etwas, das deine Spezies bekanntermaßen schlecht kann.“

    „Ja, ich weiß.“

    UE4 machte das Augen-Schimmern, sein Schmunzeln. Dann wurde er ernster. „Marcel, wir haben heute etwas Wichtiges gelernt. Nicht nur über den Erreger. Über die Art, wie dieses Team arbeitet. Vor drei Wochen hätten sie in vier Arbeitsgruppen gestritten, wer den hübscheren Farbverlauf in seiner PowerPoint hat. Heute haben sie gemeinsam festgestellt, dass keine ihrer Ideen funktioniert, und niemand hat angefangen, jemand anderem die Schuld zu geben. Das ist Fortschritt. Echter Fortschritt. Der stille, unglamouröse Fortschritt, der keine Schlagzeilen macht, aber die Welt verändert.“

    Draußen war Köln still. Irgendwo in der Uniklinik analysierte Dr. Chen vermutlich immer noch Daten, mit ihrer Googly-Eye-Tasse und ihrer unerschütterlichen Neugier. Herr Witt modellierte Muster. Tim googelte. Frau Kowalski plante die nächste Woche, mit einem Ziel, das sie noch nicht kannte, aber von dem sie wusste, dass es existierte.

    Und in meinem Badezimmer saß ein Alien, der an die Menschheit glaubte, obwohl die Menschheit ihm bisher hauptsächlich Fleischessen, Bürokratie und das RTL-Mittagsmagazin zu bieten gehabt hatte.

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