Es geht bergab
by srimbachMontagmorgen. Das war heute keine Zeitangabe, sondern ein Zustand.
Jens hatte gestern Nachmittag angerufen. „Wenn ich sage, es ist Freitagabend und Zeit für Kölsch und Frikadellen, lautet die Antwort ‚Alles klar‘ und nicht ‚Aber Jens, es ist Sonntagmittag‘. Also schwing deinen Arsch von der Couch und komm endlich.“
UE4 fand es tatsächlich „sehr erhellend“, dass wir unsere, seiner Ansicht nach ohnehin unterentwickelten, Gehirne von Zeit zu Zeit in ihrer Funktionsfähigkeit noch weiter mit Drogen einschränken. Mir fiel es heute Morgen auch schwer, darin einen Sinn zu sehen. Es ging mir schlecht. Sehr schlecht. Ich bin kein echter Kölner, sondern zugezogen. Einheimische nennen uns „Immis“. Das, was hier anstatt Bier verkauft wird, schmeckt nicht nur nicht, es wird auch noch in so kleinen Gläsern serviert, dass man nach spätestens einer Stunde keinen Überblick mehr hat, wie viel man eigentlich getrunken hat. Was vermutlich der Sinn der kleinen Gläser ist.
So kam es, dass ich mich an diesem Montagmorgen ein ganz klein wenig so fühlte, als habe mir jemand mit einem Hochdruckreiniger die Ohren durchgespült.
Während ich so vor mich hin litt, stand ohne anzuklopfen plötzlich ein mir unbekannter Mensch in meinem Büro. Er trug einen dunkelblauen Anzug, der ihm ganz knapp nicht passte. Das war diese Sorte von Anzug, die junge BWLer tragen, die Karriere machen möchten, aber noch ganz, ganz weit unten in der Nahrungskette stehen. In seiner Hand hielt er ein Klemmbrett mit ein paar Blättern.
Er schaute mich lange schweigend an. Kein Problem, schweigen kann ich. Also starrte ich zurück. Mir fiel auf, dass er merklich unsicher wirkte. Also starrte ich noch ein wenig weiter. Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen, holte tief Luft und fing sehr langsam und extrem deutlich an zu sprechen: „Sprechen … Sie … meine … Sprache?“
Ich musste ein wenig lachen. „Keine Ahnung, vermutlich? Ich wusste aber nicht, dass Ihnen die deutsche Sprache gehört. Haben Sie sie im Lotto gewonnen?“
Er stutzte merklich. Aber offenkundig hatte er den nächsten Satz schon geprobt und musste ihn sagen. „Woher kommen Sie?“
„Sie meinen heute? Von zuhause. Ich wohne in Ehrenfeld. Warum?“
Seine Körperspannung fiel komplett in sich zusammen. Er merkte erst jetzt, dass er einen ziemlich dummen Fehler gemacht hatte. „Sie sind nicht das Alien, oder?“
„Nein, aber UE4 sitzt nebenan. Ich bringe Sie hin. Kommen Sie von der Regierung? Wird auch endlich mal Zeit, dass sich jemand kümmert.“
Wir gingen zu UE4, der, wie immer, an einem Bildschirm arbeitete, einen zweiten Bildschirm für Dallas-Folgen nutzte und auf einem dritten, kleineren Monitor YouTube-Videos laufen hatte. Multitasking mit vier Augen hat eben gewisse Vorteile.
„Hier sind wir. UE4, darf ich dir einen Besucher vorstellen?“
„Klar, herzlich willkommen. Möchten Sie etwas Studentenfutter?“
Der Besucher machte das, was die meisten Menschen machen würden, wenn sie einen einsfünfzig großen, chromgrünen Alien mit sechs Tentakeln sehen, der Dallas guckt und ihnen Studentenfutter anbietet: Ihm fiel die Kinnlade herunter. Nach überraschend kurzen ein bis zwei Minuten fing er sich aber.
„Ja, also. Dann … Außerirdische Lebensform, wollen Sie unseren Planeten erobern?“
UE4 schwieg ein wenig länger als notwendig. Aber er merkte schnell, dass unser unbekannter Besucher offenbar sehr viel Angst vor der Antwort auf diese, gelinde gesagt, selten dämliche Frage hatte.
„Neeein“, sagte er schließlich und klang dabei ein wenig wie Graf Dracula, der gefragt wurde, ob er die junge Frau beißen wolle.
„Okay, nächste Frage. Stellen Sie sonst eine Bedrohung für uns dar?“
„Auch nicht.“
„Werden Sie Ihre Technologie mit uns teilen?“
„Leider nein. Ihr Menschen seid noch nicht so weit.“
Der Anzugträger schrieb jede Antwort brav auf einen Zettel auf seinem Klemmbrett. Drei Fragen, drei Antworten, Kästchen angekreuzt. Die Bedrohungslage eines interstellaren Erstkontakts, abgearbeitet wie eine Checkliste für die Feuerlöscherprüfung.
„Gut, gut. Dann wäre ich auch schon fertig. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Und schon drehte er sich um und wollte gehen.
„Stopp!“, rief ich. „Das war alles? Was passiert denn jetzt?“
„Nichts.“
„Wie, nichts?“ Ich fragte mich langsam, ob ich einfach noch so viel Restalkohol hatte, dass ich den Bezug zur Realität verlor.
„Das Alien ist weder Gefahr noch Hilfe. Wir sind nicht zuständig.“
„Und wer ist ‚wir‘?“
„Das darf ich Ihnen nicht sagen.“
„Aber …“ Ich fühlte mich im falschen Film. Endlich kam jemand, von welcher Behörde auch immer, und dann war er nicht zuständig?
„An wen wenden wir uns denn jetzt wegen ihm?“
„Keine Ahnung. RTL-Mittagsmagazin?“
Und schon war er verschwunden. So schnell, als hätte er Angst, wir könnten ihm weitere Fragen stellen, für die es kein Kästchen auf seinem Klemmbrett gab.
UE4 suchte derweil auf einem seiner Browsertabs die Telefonnummer von RTL. „Marcel, lass uns das machen. Das wird lustig. Ich gehe in euer Fernsehprogramm.“
„Nein, das wird weder lustig, noch machen wir es.“
In dem Moment hörte ich, dass auf dem Flur irgendwas los war. Der Montag wollte es mir offenbar heute richtig geben. UE4 und ich gingen raus, um nachzuschauen.
Draußen auf dem Flur lag Schreiber. Ein Kollege aus dem Projektmanagement. Einfach so. Wie ein Baum, der sich entschieden hat, dass Stehen überbewertet ist. Nur weniger malerisch und mit deutlich mehr Kollateralschaden an der Flurgarderobe.
„Ist er tot?“, fragte UE4.
„Nein. Bewusstlos.“
„Sicher?“
„Ziemlich sicher. Er atmet. Siehst du? Die Brust hebt und senkt sich.“
„Das könnte auch eine postmortale Reflexbewegung sein.“
„Das ist keine postmortale Reflexbewegung. Das ist Atmung. Ganz normale, lebendige Atmung.“
„Woher weißt du das so genau?“
„Tote Menschen atmen nicht.“
„Auf meinem Planeten gibt es durchaus Organismen, die nach dem Tod noch weiteratmen.“
„Das sind allerdings auch keine Menschen.“
„Dein Punkt.“
Wir standen um Herrn Schreibers regungslosen Körper herum. Frau Kowalski hatte bereits den Notarzt gerufen. Zwei andere Kollegen hatten Herrn Schreiber in die stabile Seitenlage gebracht, was in der Praxis hauptsächlich bedeutete, dass er jetzt auf der Seite lag und dabei nicht besonders stabil aussah.
„Hat er noch etwas gesagt? Ging es ihm nicht gut?“, fragte ich.
„’Das muss ins Pflichtenheft'“, sagte Frau Kowalski. „Und dann ist er einfach umgekippt.“
„Interessant“, sagte UE4.
„Was ist daran interessant? Der Mann ist gerade kollabiert!“
„Genau. Und seine letzten Worte vor dem Kollaps waren eine Referenz auf administrative Dokumentation.“
Der Notarzt kam zwanzig Minuten später. Zwanzig Minuten, in denen Herr Schreiber bewusstlos blieb, während wir abwechselnd versuchten, professionell besorgt zu wirken und gleichzeitig nicht in Panik zu geraten.
„Was ist passiert?“, fragte die Notärztin. Eine Frau Mitte dreißig mit der gelassenen Effizienz von jemandem, der schon alles gesehen hat.
„Er ist einfach… zusammengebrochen“, erklärte Frau Kowalski. „Mitten im Gespräch.“
„Hat er etwas gesagt? Vorher?“
„’Das muss ins Pflichtenheft'“, sagte ich.
Die Ärztin sah mich an. „Bitte?“
„Das waren seine letzten Worte. Bevor er umkippte.“
„Das muss ins Pflichtenheft“, wiederholte sie langsam, als würde sie auf eine versteckte Bedeutung hoffen, die sich beim zweiten Hören offenbaren würde.
„Er ist Manager“, erklärte ich, als würde das irgendetwas erklären.
„Aha.“ Die Ärztin nickte mit dem Verständnis von jemandem, der zwar keine Ahnung hat, was vor sich geht, aber professionell genug ist, nicht danach zu fragen. „Wir bringen ihn ins Krankenhaus. Zur Beobachtung.“
Sie taten es. Herr Schreiber wurde auf eine Trage geladen, immer noch bewusstlos, immer noch atmend, und aus dem Gebäude getragen.
Wir blieben zurück. Sechs Menschen und ein Alien, die einander anstarrten mit dem kollektiven Gefühl, dass gerade etwas Bedeutsames passiert war, ohne genau zu wissen, was.
„Vielleicht“, sagte jemand schließlich, „sollten wir das Meeting vertagen?“
„Gute Idee“, sagte Frau Kowalski.
Herr Schreiber wurde untersucht und am nächsten Tag für gesund erklärt. Kein Schlaganfall, kein Herzinfarkt, keine neurologischen Auffälligkeiten. Die offizielle Diagnose: „Stressbedingte Synkope“, was medizinisch so viel bedeutet wie „Wir haben keine Ahnung, aber das klingt gut auf dem Formular.“ Man fand zumindest keine bekannten Viren oder Bakterien.
Das Problem war nur: Als Herr Schreiber am Mittwoch zurückkam, war er anders.
Nicht anders im Sinne von „erholt und dankbar, noch am Leben zu sein“. Sondern anders im Sinne von „hat über Nacht eine Persönlichkeitstransplantation erhalten“.
„Das Problem mit unserer Organisation“, sagte er in der Mittagspause, unprovoziert, an niemanden im Besonderen gerichtet, aber mit der missionarischen Energie eines Mannes, der die Wahrheit gefunden hatte, „ist, dass wir nicht genug dokumentieren. Jeder Prozess braucht ein Pflichtenheft. Jede Entscheidung eine schriftliche Freigabe. Jedes Meeting ein Protokoll, das von mindestens drei Hierarchieebenen abgezeichnet wird.“
„Er war schon immer ein Bürokratie-Fan“, flüsterte Frau Kowalski mir zu. „Aber so war er vorher nicht.“
Sie hatte recht. Herr Schreiber war immer schon ein Freund der Ordnung gewesen. Aber zwischen „mag Ordnung“ und „predigt Ordnung mit dem Eifer eines Kreuzritters“ liegt ein Unterschied, der ungefähr so groß ist wie der zwischen „trinkt gelegentlich ein Glas Wein“ und „braut im Keller Moonshine und plant eine religiöse Sekte“.
Dann kollabierte Frau Bergmann.
Donnerstagmorgen, beim Kaffee. Sie hatte gerade ihren Laptop aufgeklappt und gesagt: „Wir brauchen ein Gantt-Chart für das Quartalsmeeting!“
Dann: Augen zu, Kaffeetasse fallen lassen, Kopf auf Tisch.
Die Tasse überlebte nicht. Frau Bergmann schon.
Und als sie am nächsten Tag zurückkam? Selbe Sache. Ruhig. Überzeugt. Gantt-Charts seien die Lösung für alles, inklusive Weltfrieden und die Frage, ob man Ananas auf Pizza tun sollte. (Antwort laut ihrem Gantt-Chart: Ja, aber nur im Q3.)
Drei Tage später erwischte es Herrn Paulsen aus der 33. Mitten in einem Telefonat. „Das eskaliere ich nach oben!“ Und dann war Feierabend. Nicht metaphorisch. Wortwörtlich. Bewusstlosigkeit, Krankenhaus, Entwarnung, Rückkehr, Verwandlung.
Herr Paulsen war danach davon überzeugt, dass jede Entscheidung mindestens drei Hierarchieebenen durchlaufen müsse, bevor sie gültig sei. Ob er zum Mittagessen gehen durfte? Müsse erst vom Teamleiter genehmigt werden. Ob er den Mülleimer leeren sollte? Bitte schriftlich beantragen. Ob er auf die Toilette ging? „Idealerweise vorher ein Ticket eröffnen.“
Das war der Moment, in dem die Panik einsetzte.
Nicht Panik im Sinne von „Leute rennen schreiend durch die Gänge“. So funktioniert Panik in einer Firma nicht. In einer Firma sieht Panik so aus: Es werden Meetings anberaumt. Arbeitsgruppen gebildet. Zuständigkeiten geklärt. Und dann wird diskutiert, bis entweder eine Lösung gefunden ist oder alle Beteiligten in Rente gehen, je nachdem, was zuerst eintritt.
Dr. Brandt berief eine Krisensitzung ein. Sie war Abteilungsleiterin, Erfinderin des Begriffs „Work-Buddy“ und die einzige Person im EAC, die möglicherweise noch strukturierter dachte als die Infizierten. Was ein beunruhigender Gedanke war.
„Wir haben ein Problem“, sagte sie und blickte in die Runde. In der Runde saßen: ich, UE4, Frau Kowalski, Herr Dr. Teichmann aus der Personalentwicklung, Frau Niemeyer aus der Betriebsmedizin, die allerdings keine Ärztin war, sondern Arbeitsschutzbeauftragte und hauptsächlich dafür zuständig, dass die Bildschirme im richtigen Abstand zu den Stühlen standen, und Jens, der eingeladen worden war, weil er als Einziger ein funktionierendes Telefon hatte.
„Was für ein Problem?“, fragte Herr Dr. Teichmann, obwohl die Antwort offensichtlich war. Aber natürlich muss jedes Problem offiziell als solches benannt werden, bevor man es behandeln darf, so wie ein Arzt eine Krankheit erst diagnostizieren muss, bevor er sie behandelt, nur dass der Arzt anschließend auch tatsächlich etwas tut.
„Drei Mitarbeiter sind innerhalb von zehn Tagen kollabiert“, sagte Dr. Brandt. „Ohne erkennbare medizinische Ursache. Und danach zeigen alle drei… auffällige Verhaltensänderungen.“
„Auffällig wie?“, fragte Frau Niemeyer.
„Herr Schreiber hat gestern einen Antrag eingereicht, dass künftig jeder Toilettenbesuch in SAP erfasst werden soll. Mit Zeitstempel und Begründung.“
Stille.
„Das ist… ungewöhnlich“, sagte Frau Niemeyer.
„Es ist völlig verrückt“, sagte Jens.
„Es ist ein Symptom“, sagte Dr. Brandt. An der Art, wie sie das Wort betonte, klinisch, distanziert, als spräche sie über den Ausbruch einer Seuche und nicht über Toilettenbesuche, erkannte ich, dass sie das Ganze deutlich ernster nahm, als ihre Frisur vermuten ließ.
Die Lösung, auf die sich die Krisensitzung einigte, war so typisch deutsch, dass sie verdient hätte, in einem Museum für bürokratische Absurdität ausgestellt zu werden: Es wurden Arbeitsgruppen gebildet.
Drei Stück.
Arbeitsgruppe A: „Ursachenforschung“. Besetzt mit Herrn Dr. Teichmann (Personalentwickler, keine medizinische Ausbildung), Frau Niemeyer (Arbeitsschutz, Spezialisierung: Bildschirmabstände) und einem Praktikanten namens Tim, der erst seit zwei Wochen da war und gerade überlegte, ob er noch rechtzeitig seine Bewerbung zurückziehen konnte.
Arbeitsgruppe B: „Prävention und Eindämmung“. Besetzt mit Frau Kowalski, einem Ingenieur namens Herr Witt, der eigentlich Thermodynamik machte und mit biologischen Systemen ungefähr so viel anfangen konnte wie ein U-Boot mit einem Fahrradständer, und jemandem aus der Rechtsabteilung, der hauptsächlich mitschrieb und gelegentlich „das könnte haftungsrechtlich problematisch sein“ murmelte.
Arbeitsgruppe C: „Kommunikation und Krisenbewältigung“. Besetzt mit Jens (der zumindest ein Telefon hatte), mir (weil ich noch keiner Arbeitsgruppe zugeteilt war und Dr. Brandt Leerlauf für eine Todsünde hielt) und UE4, der eine „frische Perspektive“ einbringen sollte. Was, wenn man bedachte, dass seine Perspektive von einem Planeten stammte, der 23 Lichtjahre entfernt war, eine bemerkenswerte Untertreibung darstellte.
„Wunderbar“, sagte Dr. Brandt, machte drei Häkchen auf ihrer Liste, wieder mit einem physischen Kugelschreiber, wieder auf gedrucktem Papier, und verließ den Raum.
Wir blieben zurück. Drei Arbeitsgruppen, null Ahnung, eine Handvoll guter Absichten und die kollektive medizinische Expertise einer durchschnittlichen Kindergeburtstagsfete.
Die nächsten vier Tage verliefen nach einem Muster, das ich im Nachhinein als „das Scheitern in Zeitlupe“ bezeichnen würde.
Arbeitsgruppe A traf sich dreimal. Beim ersten Treffen stritten sie darüber, ob das Problem überhaupt existierte. Herr Dr. Teichmann vertrat die Ansicht, die Kollapsfälle seien stressbedingt und erforderten lediglich ein verbessertes betriebliches Gesundheitsmanagement. Frau Niemeyer war überzeugt, es liege an den neuen LED-Röhren in Gebäude C, die eine „bioelektrische Störfrequenz“ aussendeten. Tim der Praktikant schlug vor, Google zu fragen, wurde ignoriert und machte sich Notizen, die er später in einer WhatsApp-Gruppe mit dem Titel „Mein Praktikum ist cursed“ teilte.
Beim zweiten Treffen hatten sie eine vierseitige PowerPoint-Präsentation erstellt, die das Problem grafisch darstellte, ohne es zu lösen. Die Grafiken waren allerdings sehr hübsch. Herr Dr. Teichmann hatte einen Farbverlauf von Rot nach Grün eingebaut, der die „Eskalationsdynamik“ darstellen sollte und der aussah wie die italienische Flagge nach einem Erdbeben.
Beim dritten Treffen sprachen sie nicht mehr miteinander. Herr Dr. Teichmann und Frau Niemeyer hatten festgestellt, dass ihre Theorien nicht nur unterschiedlich waren, sondern einander ausschlossen, und reagierten darauf so, wie erwachsene Fachkräfte in einem professionellen Umfeld nun mal reagieren: mit beleidigtem Schweigen und passiv-aggressiven E-Mails in CC an Dr. Brandt.
Arbeitsgruppe B war nicht weniger produktiv. Herr Witt, der Thermodynamiker, hatte versucht, das Problem mit einer Gleichung zu lösen. Die Gleichung war mathematisch einwandfrei, hatte nur leider nichts mit dem Problem zu tun. Er hatte die Kollapse als thermodynamische Zustandsänderungen modelliert, was zwar kreativ war, aber in etwa so hilfreich wie der Versuch, einen Rohrbruch mit einer Wettervorhersage zu reparieren.
Frau Kowalski hatte sich derweil mit dem Juristen gestritten, weil dieser meinte, man solle die Betroffenen erst mal schriftlich befragen, bevor man irgendetwas unternehme, und Frau Kowalski der Ansicht war, dass man Leuten, die gerade das Bewusstsein verloren hatten, nicht als Erstes ein Formular vorlegen sollte. Der Jurist hatte daraufhin ein dreiseitiges Memorandum verfasst, in dem er erklärte, warum ein Formular in diesem Fall nicht nur angemessen, sondern „verfahrensrechtlich zwingend erforderlich“ sei, und Frau Kowalski hatte das Memorandum gelesen, tief durchgeatmet und gesagt: „Ich gehe jetzt Mittagessen.“
Unsere Arbeitsgruppe C, die Kommunikationsgruppe, war unterdessen damit beschäftigt, zu kommunizieren, dass es nichts zu kommunizieren gab, was eine Aufgabe war, die mehr Kreativität erforderte, als man vermuten würde.
UE4 sagte in den ersten drei Tagen fast nichts. Er saß in seinen Meetings, machte Notizen mit einem Tentakel und beobachtete. Was bei jemandem mit vier Augen, die gleichzeitig in alle Richtungen schauen, bedeutete, dass er wirklich alles beobachtete: die Körpersprache, die Blicke, die Art, wie Menschen sich räuspern, bevor sie jemanden unterbrechen, und die fast unmerkliche Veränderung im Tonfall, wenn jemand sagt „Das ist ein interessanter Punkt“, aber eigentlich meint „Das ist der dümmste Satz, den ich diese Woche gehört habe, und es ist erst Dienstag.“
Am vierten Tag, einem Donnerstagnachmittag, an dem die kollektive Frustration einen Wert erreicht hatte, der auf einer Richterskala für organisatorische Dysfunktion mindestens eine 7,5 gewesen wäre, lud Dr. Brandt alle drei Arbeitsgruppen zu einer gemeinsamen Sitzung ein. Thema: „Synergien und Lösungsansätze.“
Es war ein Blutbad. Metaphorisch gesprochen. Obwohl mir nicht klar ist, ob Metaphern nicht manchmal treffender sind als die Realität.
Herr Dr. Teichmann eröffnete mit seiner PowerPoint. Frau Niemeyer unterbrach nach Folie zwei, um auf die LED-Theorie hinzuweisen. Herr Witt präsentierte seine Gleichung, die niemand verstand, was Herr Witt als Beweis dafür wertete, dass sie besonders gut sein müsse. Der Jurist verlas sein Memorandum. Frau Kowalski verdrehte die Augen so stark, dass ich kurz befürchtete, sie könne sich selbst verletzen.
Jens sagte: „Leute, wir drehen uns im Kreis.“
Woraufhin Herr Dr. Teichmann sagte: „Das stimmt nicht. Wir haben einen strukturierten Prozess.“
Woraufhin Frau Niemeyer sagte: „Ihr Prozess ist das Problem!“
Woraufhin Herr Dr. Teichmann sagte: „Und Ihre LED-Theorie ist absurd!“
Woraufhin Frau Niemeyer sagte: „Sagt der Mann, der Burnout für die Lösung hält!“
Woraufhin der Jurist sagte: „Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Diskussion haftungsrechtlich …“
Woraufhin alle gleichzeitig redeten und niemand mehr zuhörte, was im Grunde der Normalzustand jedes Meetings war, nur lauter.
UE4 hob einen Tentakel.
Es war eine langsame, ruhige Bewegung. Kein Wedeln, kein Fuchteln. Einfach nur ein Tentakel, der sich hob wie ein Periskop aus ruhigem Wasser. Und irgendwie, ich weiß bis heute nicht, wie er das machte, wurde es still.
Vielleicht lag es daran, dass ein sich langsam hebender Tentakel so ungewöhnlich ist, dass das menschliche Gehirn kurz alles andere abstellt, um diese Information zu verarbeiten. Oder vielleicht lag es daran, dass UE4 in den letzten Tagen so still gewesen war, dass seine erste Wortmeldung die Wirkung einer Detonation hatte. Eine leise, höfliche Detonation.
„Wenn ich etwas anmerken dürfte“, sagte er.
Acht Augenpaare, also sechzehn menschliche Augen, plus seine vier, was insgesamt zwanzig ergab, aber wer zählt schon, richteten sich auf ihn.
„Auf meinem… in meiner früheren Beratungstätigkeit“, er hatte gelernt, seine Herkunft elegant zu umschreiben, was bei einem chromgrünen Wesen in einem Rollstuhl-Aquarium eine bemerkenswerte diplomatische Leistung war, „bin ich einem ähnlichen Phänomen begegnet. Verschiedene Teams, verschiedene Perspektiven, die sich gegenseitig blockieren, weil jedes Team davon überzeugt ist, dass seine Analyse die einzig richtige ist.“
Stille. Aber eine aufmerksame Stille, nicht die vorherige genervte.
„Und was haben Sie gemacht?“, fragte Dr. Brandt, die als Einzige professionell genug war, nicht beleidigt zu wirken.
„Ich habe aufgehört, nach der richtigen Antwort zu suchen. Und stattdessen angefangen, alle Antworten gleichzeitig ernst zu nehmen.“
Herr Dr. Teichmann runzelte die Stirn. „Das ergibt keinen Sinn. Wenn die LED-Theorie richtig ist, kann meine Stress-Theorie nicht …“
„Doch“, sagte UE4. „Genau das kann sie. Beide können richtig sein. Und beide können falsch sein. Das ist kein Widerspruch, das ist eine Methode.“
Er stand auf, oder machte seine Version davon, und rollte zur Whiteboard-Wand. Griff mit einem Tentakel nach einem Marker, was ein Bild ergab, das aussah, als würde ein besonders begabter Tintenfisch einen Kunstkurs belegen.
„In meiner Kultur“, sagte er, während er schrieb, „gibt es eine Maxime, die wir in Situationen wie dieser anwenden.“ Er schrieb in einer Handschrift, die erstaunlich leserlich war für jemanden ohne Finger:
Jeder hat recht, bis das Gegenteil funktioniert.
„Das klingt wie ein Widerspruch“, sagte Frau Kowalski.
„Es ist einer. Absichtlich.“ UE4 drehte sich zur Gruppe um, mit drei seiner vier Augen, was ihm den ungeteilten Blick verlieh, den er für pädagogische Momente reservierte. „Es bedeutet: Jede Hypothese ist willkommen. Jede Meinung hat eine Berechtigung. Solange, bis jemand eine Lösung findet, die tatsächlich funktioniert. Dann wird die funktionierende Lösung zum neuen Standard, egal wessen Theorie sie bestätigt und wessen sie widerlegt.“
„Das klingt anarchisch“, sagte der Jurist.
„Das klingt pragmatisch“, sagte Frau Kowalski.
„Es klingt“, sagte UE4, „nach etwas, das ihr noch nie ausprobiert habt. Darf ich einen Vorschlag machen?“
Dr. Brandt nickte. Was bei ihr ein Zeichen enormen Vertrauens war, denn Dr. Brandt nickte normalerweise nicht. Sie genehmigte.
Was folgte, war etwas, das UE4 als „strukturiertes Ideensammeln“ bezeichnete und das ich als „Brainstorming mit einem Alien“ beschreiben würde, was allerdings auf keinem offiziellen Formular gut aussehen würde.
Die Regeln waren einfach. So einfach, dass sie fast beleidigend waren:
Regel eins: Jeder schreibt seine Ideen auf Zettel. Eine Idee pro Zettel. Keine Diskussion, kein Kommentar, kein „Das ist doch Blödsinn“-Blick. Nur schreiben.
Regel zwei: Alle Zettel werden an die Wand gehängt. Anonym. Niemand weiß, welche Idee von wem kommt.
Regel drei: Erst wenn alle Zettel hängen, wird sortiert. Nicht bewertet, sortiert. Was gehört zusammen? Was ergänzt sich? Was widerspricht sich, und warum?
„Das ist ja einfach“, sagte Tim der Praktikant, und klang dabei fast enttäuscht.
„Die besten Methoden sind einfach“, sagte UE4. „Komplexe Methoden lösen komplexe Probleme nicht. Sie werden zum komplexen Problem.“
Fünfzehn Minuten später hing die Wand voll. Dreiunddreißig Zettel, von denen einige brillant waren, einige absurd und einige so kryptisch, dass sie vermutlich auch als postmoderne Lyrik durchgegangen wären. Frau Niemeyers LED-Theorie war dabei. Herrn Dr. Teichmanns Stress-Hypothese. Herrn Witts thermodynamische Gleichung (auf drei Zetteln, weil sie nicht auf einen passte). Aber auch Ideen, die vorher nie jemand ausgesprochen hatte:
Schimmel in der Lüftung?
Könnte es psychisch ansteckend sein?
Haben die Betroffenen alle dasselbe gegessen?
Was, wenn es nicht aufhört?
Und ein Zettel, ich vermute stark, dass er von Tim kam, auf dem stand: Aliens?
UE4 klebte diesen Zettel an die Wand, ohne mit der Wimper zu zucken. Was zugegebenermaßen einfach ist, wenn man keine Wimpern hat.
Das Sortieren dauerte eine weitere halbe Stunde, und am Ende hatte die Wand eine Struktur, die, und das überraschte mich ehrlich, tatsächlich sinnvoll aussah. Cluster von verwandten Ideen. Verbindungslinien zwischen Theorien, die zunächst nichts miteinander zu tun gehabt hatten. Und eine Handvoll Fragen, die vorher niemand gestellt hatte, weil alle zu beschäftigt damit gewesen waren, ihre eigenen Antworten zu verteidigen.
„Wir haben noch keine Lösung“, stellte Dr. Brandt fest, die während der gesamten Übung so aufmerksam zugeschaut hatte, wie sie sonst nur Budgettabellen beäugte.
„Nein“, sagte UE4. „Aber wir haben jetzt eine Landkarte des Problems. Vorher hatten wir nur eine Sammlung von Inseln, die sich für Kontinente hielten. Jetzt können wir anfangen, die Thesen zu überprüfen.“
Frau Kowalski lachte leise. Herr Dr. Teichmann sah aus, als hätte er etwas Saures gegessen, was möglicherweise daran lag, dass seine PowerPoint-Präsentation gerade von dreiunddreißig Post-Its in den Schatten gestellt worden war. Aber selbst er sagte: „Das war… nicht schlecht.“
Für einen deutschen Akademiker war das ungefähr das höchste Lob, das man erwarten konnte, vergleichbar mit einer stehenden Ovation in anderen Kulturen.
Am Freitagabend saßen UE4 und ich in meinem Wohnzimmer. Die Woche hatte mehr Fragen hinterlassen als Antworten, was eigentlich der Normalzustand war, seit ein Außerirdischer in meiner Badewanne lebte, aber diesmal nagte etwas stärker als sonst.
„Die Zettel an der Wand“, sagte ich. „Die Brainstorming-Sache. Das hat funktioniert.“
„Es hat angefangen zu funktionieren“, korrigierte UE4. „Der Unterschied ist wichtig.“
„Und die Maxime? Jeder hat recht, bis das Gegenteil funktioniert?“
„Was ist damit?“
„Ich versuche zu verstehen, was sie wirklich bedeutet.“
UE4 schaltete den Fernseher stumm. Dallas, natürlich, eine Folge, in der J.R. gerade jemanden hinterging, was die Auswahl nicht wirklich einschränkte. Er sah mich an. Mit drei Augen. Das vierte behielt den Bildschirm im Blick.
„Es bedeutet“, sagte er, „dass Meinungen keine Trophäen sind. Man muss sie nicht verteidigen, als wären sie ein Teil der eigenen Identität. Herr Dr. Teichmann hat nicht unrecht mit seiner Stress-Hypothese. Frau Niemeyer hat nicht unrecht mit ihren LEDs. Sie haben beide vielleicht teilweise recht. Und sie wären beide bereit, den jeweils anderen zu vernichten, um die Vollständigkeit ihrer eigenen Perspektive zu behaupten.“
„Das klingt nach Politik.“
„Es klingt nach Angst. Die Angst, dass man selbst falsch liegt, wenn jemand anderes auch recht hat. Auf Ssalgh haben wir das vor langer Zeit überwunden. Dort sagt man: Fünf Meinungen sind mehr wert als eine Wahrheit. Denn die Wahrheit ist nur eine Momentaufnahme, aber fünf Meinungen zeigen dir die Richtung, in die sich die Wahrheit bewegt.“
Ich dachte darüber nach. Draußen regnete es. Das Licht der Straßenlaternen brach sich in den Tropfen auf der Fensterscheibe und zeichnete Muster an die Wand, die aussahen wie eine Landkarte ohne Ländergrenzen. Oder wie dreiunddreißig Post-Its, die darauf warteten, sortiert zu werden.
„Und die Kollapse?“, fragte ich. „Du hast Schreiber auf dem Flur gesehen. Du hast irgendwas bemerkt, oder? Ich kenne diesen Blick.“
UE4 schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Etwas, das ich noch nicht einordnen kann. Und bis ich es einordnen kann, wäre es unverantwortlich, darüber zu spekulieren.“
„Das ist frustrierend.“
„Das ist wissenschaftlich.“
„Manchmal ist das dasselbe.“
UE4 machte das Augen-Schimmern, sein Lächeln. Dann schaltete er den Ton wieder an. Sue Ellen warf ein Glas. Es war eine andere Folge, aber Sue Ellen warf immer ein Glas. Manche Dinge sind universelle Konstanten, über alle Galaxien hinweg.
Draußen regnete es weiter. Irgendwo im EAC schrieb Herr Schreiber vermutlich gerade ein Pflichtenheft für die optimale Reihenfolge beim Zähneputzen. Und ich saß auf meinem Sofa und fragte mich, ob das, was mit unseren Kollegen passierte, wirklich nur Stress war.
Oder ob es etwas anderes war. Etwas, das UE4 bereits gesehen hatte. Und über das er noch nicht sprechen wollte.
„Hey, UE4?“
„Ja?“
„Die Sache geht bergab, oder? Es wird noch schlimmer werden.“
Er sagte nichts. Was bei ihm mehr sagte als tausend Worte.
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