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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Am Montagmorgen betrat ich den Flur von Gebäude C mit der vorsichtigen Zuversicht eines Menschen, der gelernt hat, dass in diesem Gebäude jederzeit jemand bewusstlos umkippen kann, und der deshalb sicherheitshalber immer eine freie Hand zum Auffangen bereithält. Was bei einem Kaffeebecher in der einen und einer Tüte Studentenfutter in der anderen Hand zugegebenermaßen eine logistische Herausforderung darstellte.

    Aber heute war etwas anders.

    Die Tür zu Konferenzraum 3.07, bislang ein Raum, der hauptsächlich dafür bekannt war, dass er zu kalt war, zu dunkel, und dass der Beamer ein Bild projizierte, das aussah, als hätte jemand eine Wassermelone in einen Overhead-Projektor gesteckt, stand offen. Und aus dem Inneren drang etwas, das in einem ESA-Gebäude so selten war wie ein funktionierender Drucker an einem Montagmorgen: das Geräusch von Aktivität.

    Ich trat ein und blieb stehen.

    Der Raum war nicht wiederzuerkennen. Die alten Tische waren an die Wände geschoben worden, sodass in der Mitte eine offene Fläche entstanden war. Jemand hatte ein Whiteboard organisiert, ein großes, ein richtiges, nicht das erbärmliche Ding aus dem Besprechungszimmer, das so klein war, dass man darauf bestenfalls einen Einkaufszettel schreiben konnte. An einer Wand hing eine Korkpinnwand, an der bereits neue Post-Its in verschiedenen Farben klebten. In der Ecke stand ein Stehtisch mit einer Kaffeemaschine, die definitiv nicht aus dem offiziellen Inventar stammte, denn sie funktionierte.

    Und an der gegenüberliegenden Wand, direkt über der Heizung, hing ein Plakat.

    Es war kein professionelles Plakat. Jemand, und ich hatte einen starken Verdacht, wer, hatte mit einem dicken Marker auf ein großes Stück Flipchart-Papier geschrieben. Die Handschrift war die charakteristische Tentakel-Kalligrafie, die ich mittlerweile aus UE4s Büro kannte: überraschend leserlich, leicht geschwungen, mit einem Hang zu Serifen, der bei einem Wesen ohne Finger bemerkenswert war.

    Auf dem Plakat standen vier Sätze:

    „Wer etwas sieht, tut etwas. Wer nichts tut, hat vielleicht nicht hingeschaut.“

    „Jeder hat recht, bis das Gegenteil funktioniert.“

    „Zusammenarbeit beginnt da, wo du bereit bist, deine Idee zu verlieren.“

    „Niemand ist Chef. Aber manchmal weiß jemand, wie’s geht.“

    Ich starrte auf das Plakat. Dann auf den Raum. Dann auf Frau Kowalski, die gerade eine Packung Kekse auf den Stehtisch stellte und mich anlächelte, als wäre das alles völlig normal.

    „Morgen, Marcel. Wir haben uns einen Projektraum eingerichtet.“

    „Ich sehe das.“

    „War eine gemeinsame Entscheidung. Gestern Nachmittag. Herr Witt hat die Tische geschoben, Frau Niemeyer hat die Kaffeemaschine von zuhause mitgebracht, und Tim hat das WLAN konfiguriert.“

    UE4 rollte zehn Minuten später herein. Er hatte offenbar schon von der Verwandlung des Raums gewusst, oder, wahrscheinlicher, sie initiiert, denn er reagierte mit der gelassenen Zufriedenheit eines Gärtners, der sein Beet zum Blühen gebracht hat und jetzt so tut, als wäre das ganz von allein passiert.

    „Guten Morgen allerseits.“ Er parkte seinen Rollstuhl neben dem Whiteboard und ließ seinen Blick, alle vier Augen nacheinander, als würde er den Raum einmal komplett scannen, über die Anwesenden gleiten. Frau Kowalski, Herr Witt, Frau Niemeyer, der Jurist, dessen Namen ich mittlerweile kannte, Herr Lehmann, aber der in meinem Kopf für immer „der Jurist“ bleiben würde. Tim der Praktikant und sogar Herr Dr. Teichmann, der seine Aktentasche abgestellt hatte und vor dem Plakat stand wie ein Kunstkritiker vor einem Gemälde, das er nicht ganz verstand, aber irgendwie respektierte.

    Das tägliche Stand-up begann. Fünfzehn Minuten, im Stehen, ohne Chef. Es lief mittlerweile wie von selbst. Herr Witt hatte sein Modell verfeinert. Tim hatte etwas gegoogelt, das tatsächlich relevant war, was alle mit der milden Überraschung quittierten, die man empfindet, wenn der Hund plötzlich Zeitung holt.

    Am Ende des Stand-ups trat UE4 an das Plakat. Er betrachtete die vier Sätze, die dort standen, mit einem Ausdruck, den ich bei ihm noch nicht gesehen hatte. Nachdenklich, aber auch, und das war neu, ein wenig feierlich. Als stünde er vor etwas, das größer war als der Raum, in dem es hing.

    „Darf ich euch etwas erzählen?“, sagte er.

    Es war keine rhetorische Frage. Er wartete tatsächlich auf eine Antwort. Neun Köpfe nickten.

    „Diese vier Sätze an der Wand, ihr habt sie in den letzten Wochen kennengelernt. Einzeln. In Situationen, die sie notwendig gemacht haben.“ Er deutete auf jeden Satz nacheinander. „Aber sie sind nicht zufällig. Sie sind Teil eines Systems. Eines Systems, das auf meinem Planeten die Grundlage allen Zusammenlebens bildet.“

    Er machte eine seiner Pausen. Die langen, bedeutungsvollen Pausen, die bei ihm nicht Unsicherheit signalisierten, sondern dem Zuhörer Zeit gaben, sich auf etwas vorzubereiten, das seine Aufmerksamkeit verdiente.

    „Wir nennen sie die Zehn Interplanetarischen Maximen.“

    „Zehn?“, fragte Herr Dr. Teichmann. „Wie die Zehn Gebote?“

    „Ähnlich. Aber ohne den Teil, in dem jemand einen Berg hochsteigt und steinerne Tafeln zurückbringt. Und ohne die Drohung, dass ein zorniger Gott euch bestraft, wenn ihr sie ignoriert.“

    „Was passiert denn, wenn man sie ignoriert?“, fragte Tim.

    „Dann funktioniert das Zusammenleben nicht. Was Strafe genug ist.“

    UE4 rollte zum Whiteboard und nahm einen Marker. Die Gruppe rückte näher zusammen. Wie Kinder, denen jemand eine Geschichte erzählen will.

    „Die Maximen sind keine Gesetze“, begann er. „Gesetze sagen euch, was ihr nicht tun sollt. Maximen sagen euch, wie Zusammenleben funktionieren kann. Der Unterschied ist erheblich. Ein Gesetz bestraft Verhalten. Eine Maxime beschreibt ein Prinzip, das so offensichtlich sinnvoll ist, dass man sich freiwillig daran hält.“

    „Wie Verkehrsregeln?“, fragte Frau Kowalski.

    „Nein. Verkehrsregeln sind Regeln, die ihr braucht, weil ihr nicht in der Lage seid, ohne sie aneinander vorbeizufahren. Maximen sind eher wie… die Erkenntnis, dass man besser vorbeikommt, wenn man aufeinander achtet. Der Unterschied ist: Die Regel sagt, du musst bei Rot stehen bleiben. Die Maxime sagt, du solltest bei Rot stehen bleiben wollen, weil du verstanden hast, warum das sinnvoll ist. Und vielleicht ist es mitten in der Nacht bei Regen um 02:00 Uhr in Pullheim nicht sinnvoll und die Maxime wird ignoriert.“

    „Und das funktioniert?“, fragte Herr Lehmann, der Jurist, mit der professionellen Skepsis eines Menschen, dessen gesamte Existenzberechtigung auf der Annahme fußte, dass Menschen ohne Regelwerk sofort damit anfangen, einander die Köpfe einzuschlagen.

    „Seit ungefähr fünfzehntausend eurer Jahre. Ja. Wir hatten davor auch Gesetze und so ein Zeug. Aber die hat eh niemand gelesen. Das ist wie mit euren dreihundert Seiten dicken Anleitungen für Fernseher.“

    Herr Lehmann schluckte hörbar.

    UE4 schrieb. Mit einem Tentakel, in seiner geschwungenen Handschrift, langsam und mit der Sorgfalt eines Wesens, das wusste, dass diese Worte seit Jahrtausenden Bestand hatten und auf einem Whiteboard in Köln-Porz mindestens dasselbe Gewicht verdient hatten.

    Maxime Nr. 1: „Wer etwas sieht, tut etwas. Wer nichts tut, hat vielleicht nicht hingeschaut.“

    „Die kennen wir“, sagte ich.

    „Richtig. Die Maxime der kollektiven Verantwortung. Entscheidungen sind nicht an Zuständigkeiten gebunden, sondern an Beobachtung und Handlung. Wenn du etwas bemerkst, bist du verantwortlich. Nicht weil du schuld bist, sondern weil du da bist. Du musst es nicht selber erledigen, aber du kümmerst dich.“

    Er schrieb weiter.

    Maxime Nr. 2: „Wenn du wissen willst, ob etwas funktioniert, probiere es aus. Wenn es nicht funktioniert, ändere es. Wenn du es nicht änderst, willst du es vielleicht behalten.“

    „Lernen erfolgt durch kontrolliertes Scheitern“, erklärte er. „Wer Perfektion plant, plant vor allem seine eigene Irrelevanz. In eurer Sprache würde man sagen: Inspect and Adapt. Ein Plan, der mehr als drei Tage in die Zukunft reicht, gilt bei uns als Science-Fiction. Wir alle befinden uns immer auf dem letzten Stand des Irrtums.“

    Herr Dr. Teichmann öffnete den Mund, um etwas zu sagen, das vermutlich mit „Aber unsere Quartalsplanung“ angefangen hätte, besann sich dann aber eines Besseren und schloss ihn wieder. Lernfähig. Beeindruckend.

    Maxime Nr. 3: „Jeder hat recht, bis das Gegenteil funktioniert.“

    „Die Maxime der fluiden Wahrheit“, sagte UE4. „Autorität entsteht aus Erfahrung, nicht aus Hierarchie. Meinung zählt, aber Beweis schlägt Behauptung. Und Meinungen altern. Manchmal schneller als Bananen.“

    Frau Niemeyer lachte leise. Ihr LED-Theorie-Kapitel war offensichtlich noch nicht ganz verheilt.

    Maxime Nr. 4: „Strukturen sind wie Kleidung. Nützlich, wenn sie passen, albern, wenn man herausgewachsen ist.“

    „Das ist neu“, sagte Frau Kowalski.

    „Die Maxime der Anpassung statt Anhaftung. Prozesse sind Werkzeuge, keine Dogmen. Wenn ein Ritual keinen Sinn mehr ergibt, wird es geändert, nicht verordnet.“ Er sah kurz zu mir. „Auf der Erde würde man sagen: Don’t follow the process. Follow the value.“

    Herr Lehmann machte sich Notizen. Fieberhaft. Ich konnte sehen, wie in seinem juristisch geschulten Gehirn gerade sämtliche Compliance-Richtlinien gleichzeitig Alarm schlugen und er trotzdem nicht aufhören konnte zuzuhören.

    Maxime Nr. 5: „Zusammenarbeit beginnt da, wo du bereit bist, deine Idee zu verlieren.“

    „Kennen wir auch“, sagte Herr Witt, und es klang fast stolz, als hätte er ein Examen bestanden, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es ablegte.

    „Die Maxime der kooperativen Egoschrumpfung. Wirklich gemeinsames Arbeiten bedeutet, dass niemand genau seine Lösung durchbekommt, aber alle ein besseres Ergebnis. Das ist keine Niederlage. Das ist interplanetarisches Win-Win.“

    Maxime Nr. 6: „Kommunikation ist, was verstanden wird. Nicht was gesagt wurde.“

    Ein neuer. UE4 ließ den Satz einen Moment wirken. „Die Maxime der aktiven Verständlichkeit. Der Sender ist nicht König, sondern der Gärtner des Verstehens. Wer nicht verstanden wird, muss sich anders ausdrücken.“ Er machte eine Pause. „Oder mit Händen und Füßen winken. Was in meinem Fall eher Tentakel wären, aber das Prinzip bleibt.“

    Tim schrieb mit. Auf seinem Handy. In einer Notiz-App. Die Generation, die UE4s Maximen als Erste in die Cloud brachte.

    Maxime Nr. 7: „Wenn es sich nicht ändert, lebt es vielleicht nicht mehr.“

    „Alles, was lebt, verändert sich“, sagte UE4. „Alles, was sich nicht verändert, ist entweder tot oder konservative Projektplanung.“

    Ich schnaubte. Herr Dr. Teichmann auch, was mich überraschte. Wir tauschten einen kurzen Blick. Es war der erste Moment, in dem ich das Gefühl hatte, dass wir auf derselben Seite standen.

    Maxime Nr. 8: „Niemand ist Chef. Aber manchmal weiß jemand, wie’s geht.“

    „Die Maxime der situativen Führung“, sagte UE4. „Führung ergibt sich aus Kontext, Erfahrung und Bereitschaft, nicht aus Jobtiteln. Wer entscheidet, übernimmt. Wer übernimmt, reflektiert.“

    Maxime Nr. 9: „Wer Sachliches persönlich nimmt, hat gerade aufgehört zuzuhören, und angefangen, sich zu verteidigen.“

    Die Stille nach diesem Satz war anders als die vorherigen. Dichter. Unbequemer. Jeder im Raum, und ich schließe mich ausdrücklich ein, dachte an mindestens drei Situationen in der letzten Woche, in denen er genau das getan hatte. Feedback als Angriff interpretiert. Kritik als Kränkung empfunden. Aufgehört zuzuhören und angefangen, sich zu verteidigen.

    „Feedback ist kein Angriff“, sagte UE4 leise. „Es ist Information. Wer es als Bedrohung erlebt, schützt gerade keine Idee, sondern sein Bild von sich selbst. Das ist menschlich. Aber es ist auch der Moment, in dem Zusammenarbeit aufhört und Theater beginnt.“

    Frau Kowalski nickte langsam. Herr Dr. Teichmann starrte auf den Boden. Tim hatte aufgehört zu tippen.

    Maxime Nr. 10: „Wenn du erklären musst, warum du Recht hast, hast du vielleicht schon verloren.“

    UE4 legte den Marker hin. Drehte sich zur Gruppe um. Alle vier Augen. Das volle Programm.

    „Die Maxime der Bescheidenheit im Denken. Gute Ideen brauchen keine Machtdemonstration, sondern Raum. Wenn du Druck brauchst, war es vielleicht keine Idee, sondern ein Reflex.“

    Stille. Aber keine leere Stille. Eine volle Stille. Die Art von Stille, die entsteht, wenn eine Gruppe von Menschen und einem Alien gleichzeitig über etwas nachdenkt, das größer ist als die Summe seiner Teile.

    Zehn Sätze. Nicht mehr. Keine Paragraphen, keine dreihundertseitigen Compliance-Handbücher. Zehn Sätze, auf ein Whiteboard geschrieben, in einem umgebauten Konferenzraum in Köln-Porz. Und irgendwie, das spürte man, auch wenn man es nicht hätte beweisen können, reichten sie. Nicht weil sie alles abdeckten. Sondern weil sie die richtigen Fragen stellten, statt die falschen Antworten zu geben.

    „Auf Ssalgh“, sagte UE4, „lernen Kinder die Maximen, bevor sie sprechen lernen. Die Eltern leben sie vor, und die Kinder begreifen die Prinzipien, lange bevor sie die Worte dafür haben. Es ist das Erste, was man versteht, noch vor Grammatik, Mathematik oder der Frage, warum Onkel Grblx immer so komisch riecht.“

    Frau Kowalski war die Erste, die sprach. „Ich möchte vorschlagen“, sagte sie, und ihre Stimme hatte den Klang von jemandem, der gerade eine Entscheidung trifft, von der sie weiß, dass sie sie nicht bereuen wird, „dass wir ab jetzt unsere Arbeit durch den Filter dieser Maximen betrachten. Nicht als Vorschrift. Sondern als…“ Sie suchte nach dem richtigen Wort.

    „Kompass“, sagte Tim.

    Alle sahen Tim an. Tim wurde rot. Aber er hatte recht, und alle wussten es.

    „Kompass“, wiederholte Frau Kowalski. „Genau.“

    Herr Dr. Teichmann räusperte sich. „Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere bestehenden Prozesse einfach über Bord werfen. Wir müssen das in die existierenden Strukturen integrieren und…“

    „Maxime Nr. 4″, sagte Frau Niemeyer trocken. „Strukturen sind wie Kleidung.“

    Herr Dr. Teichmann öffnete den Mund. Schloss ihn. Sah auf das Whiteboard. Sah auf Frau Niemeyer. Und dann tat er etwas, das in der Geschichte des EAC noch nie vorgekommen war: Er lachte. Aufrichtig. Laut. Über sich selbst.

    „Touche“, sagte er.

    UE4 schimmerte mit allen vier Augen. Und ich dachte: Wenn ein deutscher Akademiker über sich selbst lacht, dann ist entweder die Welt am Ende oder etwas Wunderbares am Anfang. Angesichts der Umstände war beides möglich.

    Was dann geschah, erfuhr ich erst zwei Tage später, und zwar von UE4 selbst, der es mir mit der unschuldigen Beiläufigkeit erzählte, mit der man gesteht, dass man versehentlich das letzte Stück Kuchen gegessen hat. Nur dass es in diesem Fall kein Kuchen war, sondern ein Anruf beim deutschen Privatfernsehen.

    Es war Mittwochnachmittag. Ich saß in meinem Büro, reparierte gerade tatsächlich einen Drucker, es war Druckerkopf Nummer 7 in Gebäude B, ein Gerät, das so alt war, dass es vermutlich noch Erinnerungen an die Wiedervereinigung hatte, als UE4 hereinrollte.

    „Marcel, ich muss dir etwas erzählen.“

    „Das klingt nach Ärger.“

    „Es klingt nach einer wertvollen Lernerfahrung.“

    „Definitiv Ärger.“

    Er parkte seinen Rollstuhl neben meinem Schreibtisch, und seine Haut hatte diesen leicht dunkleren Grünton, der bei ihm Verlegenheit signalisierte. Oder Verdauungsprobleme. Beides war möglich, aber der Kontext sprach für Ersteres.

    „Ich habe“, sagte er, „beim RTL-Mittagsmagazin angerufen.“

    Ich ließ den Schraubenzieher fallen. Er landete auf meinem Fuß, was wehttat, aber weniger als das, was UE4 gerade gesagt hatte.

    „Du hast was?“

    „Ich habe beim RTL-Mittagsmagazin angerufen. Wegen eines Interviews.“

    „Du. Ein Alien. Hast beim RTL-Mittagsmagazin angerufen.“

    „Exakt.“

    „Warum?!“ Meine Stimme erreichte eine Tonlage, die vermutlich nur noch von Fledermäusen und UE4s natürlicher Kommunikationsfrequenz übertroffen wurde.

    „Das hat der Mensch im Anzug doch empfohlen. Es war ein wissenschaftliches Experiment.“

    „Ein wissenschaftliches… UE4, du hättest eine internationale Krise auslösen können!“

    „Habe ich aber nicht.“ Er klang fast enttäuscht.

    Die Geschichte, so wie UE4 sie mir erzählte, war folgende:

    Er hatte am Dienstagnachmittag, während ich im Projektraum mit Frau Kowalski an der räumlichen Analyse der Kollapsfälle gearbeitet hatte, die Redaktionsnummer des RTL-Mittagsmagazins herausgesucht.

    Eine Redaktionsassistentin hatte abgenommen. UE4 hatte sich als „Jürgen Fink, Diversity-Berater bei der ESA“ vorgestellt, was ja technisch nicht gelogen war, und hinzugefügt: „Ich bin außerdem ein außerirdischer Organismus vom Planeten Ssalgh und würde gerne ein Interview über meine Erfahrungen mit der menschlichen Zivilisation geben.“

    Die Redaktionsassistentin hatte gelacht. Dann hatte sie gemerkt, dass er nicht lachte. Dann hatte sie ihn in die Warteschleife gestellt, was auf Ssalgh vermutlich als eine der unmenschlichsten Erfindungen der Erdlinge verbucht werden würde. Nach sieben Minuten Fahrstuhlmusik war ein Redakteur drangegangen. „UE4, was haben sie gespielt?“ „Irgendetwas, das klang wie eine Gummiente, die auf einer Synthesizer-Tastatur stirbt.“

    Der Redakteur, ein Mann namens Krause, hatte sich UE4s Geschichte angehört. Mit wachsendem Interesse. Dann mit abflachendem Interesse. Dann mit einem Interesse, das negative Werte erreichte.

    „Also… Sie sind ein Alien.“

    „Korrekt.“

    „Vom Planeten… wie hieß der nochmal?“

    UE4 produzierte den Originalnamen von Ssalgh, was am Telefon vermutlich klang wie eine defekte Espressomaschine.

    „Ja, okay. Und Sie leben jetzt in Köln.“

    „In einer Badewanne, ja. Beziehungsweise in einem speziell angefertigten…“

    „Und was können Sie so?“

    „Wie meinen Sie das?“

    „Na ja, Kunststücke. Tricks. Können Sie irgendwas Beeindruckendes? Schweben? Gedanken lesen? Löffel verbiegen?“

    „Ich kann die Zeitdilatation bei annähernder Lichtgeschwindigkeit berechnen und habe ein tiefes Verständnis für die systemischen Dysfunktionen eurer Arbeitsorganisation.“

    Pause.

    „Können Sie kochen?“

    „Ich bin Veganer.“

    „Veganer… Kennen Sie ein gutes Käsekuchenrezept?“

    „Käsekuchen enthält tierische Produkte, daher…“

    „Herr Fink, ich sage Ihnen jetzt mal was ganz ehrlich.“

    UE4 berichtete mir, dass Herr Krauses Stimme an diesem Punkt den Tonfall annahm, den Menschen verwenden, wenn sie jemandem eine unangenehme Wahrheit mitteilen, die sie selbst für eine Gefälligkeit halten. Ungefähr so, wie wenn ein Freund einem sagt „Das Hemd steht dir nicht“, und dabei meint „Du siehst aus wie ein Sofa aus den Siebzigern“.

    „Sie sind zu langweilig.“

    „Bitte?“

    „Für das RTL-Mittagsmagazin. Sie sind zu langweilig. Kein Trick, keine Show, kein Rezept. Kein Conflict, kein Drama, kein Entertainment Value. Sie können Zeitdilo… Zeitdeli…“

    „Zeitdilatation.“

    „Genau. Das kann hier keiner aussprechen, und die Quote ist am Mittag eh schon im Keller. Unsere Zuschauer wollen Leute, die mit Hunden reden können, oder Kinder, die Opern singen, oder meinetwegen jemanden, der den größten Kartoffelsalat der Welt gemacht hat. Aber ein Alien, das in einer Badewanne sitzt und über Arbeitsorganisation redet? Das ist…“ Er suchte nach dem Wort. „Das ist WDR2.“

    „Was ist WDR2?“

    „Radio. Öffentlich-rechtlich. Die machen sowas.“ Es klang, als hätte er „Lepra“ gesagt. „Versuchen Sie’s da mal. Die haben samstags eine Sendung, in der reden Leute über Dinge, die niemanden interessieren. Das wäre was für Sie.“

    Klick. Aufgelegt.

    UE4 hatte die Geschichte mit der stoischen Würde eines Wissenschaftlers erzählt, dessen Experiment unerwartete Ergebnisse geliefert hat. Wobei „unerwartet“ in diesem Fall bedeutete, dass ein außerirdischer Besucher von einem Fernsehredakteur als zu langweilig befunden worden war, was auf einer kosmischen Skala der Demütigung vermutlich einen neuen Höchststand darstellte.

    „Und was hast du daraus gelernt?“, fragte ich, nachdem ich aufgehört hatte zu lachen. Was eine Weile dauerte. Eine ganze Weile. UE4 wartete geduldig, während ich Tränen der Heiterkeit von meinen Wangen wischte, was ihn vermutlich an seinen eigenen Bollywood-Filmabend erinnerte, nur mit weniger Choreografie und mehr Schadenfreude.

    „Mehrere Dinge“, sagte UE4, und sein Ton war der eines Lehrenden, der aus einer persönlichen Niederlage eine universelle Lektion destilliert. „Erstens: Eure Medien sind kein Kommunikationskanal. Sie sind ein Unterhaltungsapparat, der sich als Kommunikationskanal verkleidet. Das ist ein wesentlicher Unterschied.“

    „Und zweitens?“

    „Zweitens: Die Tatsache, dass ein Außerirdischer, ein echter, lebender Außerirdischer, der erste Beweis für extraterrestrisches Leben in der Geschichte eurer Spezies, von einem Fernsehsender als ‚zu langweilig‘ abgelehnt wird, sagt mehr über eure Zivilisation aus als jede soziologische Studie, die ich je lesen könnte.“

    Er hatte nicht unrecht. Die Vorstellung, dass die größte Nachricht in der Geschichte der Menschheit, wir sind nicht allein im Universum, an der Tatsache scheiterte, dass das betreffende Alien kein gutes Käsekuchenrezept kannte, war so absurd, dass sie vermutlich wahr sein musste. Die Realität hat diesen perversen Hang zur Unwahrscheinlichkeit, den sich kein Drehbuchautor je erlauben würde, weil ihn das Publikum für unrealistisch halten würde.

    „Und drittens?“, fragte ich.

    UE4 machte das Augen-Schimmern. „Drittens: Ich werde nie wieder bei einem Fernsehsender anrufen.“

    „Das ist vermutlich das Klügste, was du seit deiner Ankunft auf diesem Planeten gesagt hast.“

    „Maxime Nr. 2″, sagte er. „Wenn es nicht funktioniert, ändere es.“

    „Und wenn die Änderung darin besteht, es nie wieder zu tun?“

    „Dann ist das auch eine Form von Fortschritt.“

    Draußen auf dem Parkplatz saß eine Taube auf einem Dienstwagen und beobachtete, wie die Sonne langsam hinter Gebäude B verschwand. In Konferenzraum 3.07 hingen zehn Maximen an einem Whiteboard, die seit fünfzehntausend Jahren funktioniert hatten. Und irgendwo in Köln saß ein RTL-Redakteur an seinem Schreibtisch, der gerade die vermutlich größte Exklusivstory der Menschheitsgeschichte abgelehnt hatte, weil sie nicht unterhaltsam genug war.

    Ich beschloss, dass ich das niemals vergessen würde.

    Und dass ich UE4 unter keinen Umständen in die Nähe eines Telefons lassen sollte.

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