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    Agilität in einer verwirrenden Welt

    Sechs Monate später.

    Ich saß an meinem Schreibtisch. Meinem neuen Schreibtisch, in meinem neuen Büro, das kein Druckerkämmerchen mehr war, sondern ein Raum mit Fenster und Tageslicht und einer Pflanze, die ich regelmäßig vergaß zu gießen, was laut UE4 „ein Verbrechen an einem empfindungsfähigen Organismus“ war und laut mir „eine Sukkulente, die genau dafür gemacht ist, mit wenig Wasser auszukommen“. Ich betrachtete das Kanban-Board an meiner Wand.

    Die „Erledigt“-Spalte war voll. Die „In Arbeit“-Spalte hatte drei Karten. Die „Zu tun“-Spalte hatte fünf. Es war das Board eines Menschen, der gelernt hatte, dass man nicht alles gleichzeitig machen muss, und der das meistens auch einhielt.

    Neben dem Board hing ein Flipchart. Darauf stand, in meiner Handschrift, die im Vergleich zu UE4s Tentakel-Kalligrafie aussah wie die Randale eines betrunkenen Huhns auf Linoleum:

    BIG-A: Adaptive Prinzipien und Tools statt starrer Frameworks.

    Darunter, kleiner, in Klammern: (Breaking Organizational Silos. Iterative Alignment. Growth through Agility. Adapting to Change.)

    Unter meinem Schreibtisch lag Bowie. Bowie war ein Mischling aus etwas, das aussah wie ein Dackel, und etwas, das aussah, als hätte der Dackel eine sehr fragwürdige Entscheidung mit einem Wischmopp getroffen. Er hatte bernsteinfarbene Augen, drei funktionale Beine (das vierte war da, tat aber nichts, wie ein Mitarbeiter in einer Großorganisation vor der Transformation) und ein Temperament, das ich als „selektiv enthusiastisch“ beschreiben würde: Für Leckerlis und Jens‘ Hosenbeine begeisterte er sich grenzenlos, für alles andere zeigte er die majestätische Gleichgültigkeit eines Wesens, das erkannt hat, dass die meisten Dinge im Leben seine Aufmerksamkeit nicht verdienen. Eigentlich hatte ich keinen Hund, ich hatte einen Zen-Meister in Form eines Hundes unter meinem Schreibtisch.

    Ich hatte Bowie vor drei Monaten aus dem Tierheim geholt. Nicht weil ich einen Hund gesucht hatte, ich hatte nie einen Hund gesucht, sondern weil Frau Petersen mich „nur mal so zum Gucken“ dorthin mitgenommen hatte, was bei Frau Petersen ungefähr so harmlos war wie „nur mal kurz bei IKEA reinschauen“: Man geht rein ohne Plan und kommt raus mit einem Lebewesen und dem diffusen Gefühl, dass man gerade eine Entscheidung getroffen hat, die man nicht bereut, aber auch nicht erklären kann.

    Bowie lag unter meinem Schreibtisch und schlief. Er schnarchte leise, mit einem Geräusch, das klang wie ein winziger Außenbordmotor in der niedrigsten Drehzahl. Es war der friedlichste Laut in meinem Leben.

    Mein Telefon summte.

    „Marcel!“ Jens‘ Stimme hatte diese spezifische Frequenz, die sie nur annahm, wenn er aufgeregt war, was, zugegeben, die meiste Zeit der Fall war, weil Jens ein Mensch war, für den das bloße Fortschreiten der Zeit ein Grund zur Aufregung darstellte. „Sie kommen!“

    „Wer?“

    „RTL! RTL-Mittagsmagazin! Die kommen!“

    „Wohin kommen die?“

    „Zur Aufführung! Heute Abend! UE4s Ding! Sie schicken ein Kamerateam!“

    Ich setzte mich auf. Bowie hob ein Ohr, befand die Situation für irrelevant und schlief weiter.

    „Jens, langsam. Wie kommt das RTL-Mittagsmagazin dazu, über eine Bollywood-Amateurtheater-Aufführung in Köln-Ehrenfeld zu berichten?“

    „Weißt du, wer die Simran spielt? Anna Krause. Und weißt du, wer Anna Krauses Vater ist?“

    „Nein.“

    „Redakteur bei RTL. Und nicht irgendeiner. Krause. Der Krause.“

    Ich brauchte einen Moment. Krause. Der Mann, der UE4 vor Monaten als „zu langweilig“ fürs Fernsehen abgelehnt hatte. Dessen Tochter jetzt in einer Bollywood-Amateurtheater-Aufführung spielte. Neben einem Alien, das eine Palme spielte. In einem ehemaligen Nagelstudio. In Ehrenfeld.

    „Krause schickt ein Kamerateam, weil seine Tochter mitspielt?“

    „Krause schickt ein Kamerateam, weil seine Tochter ihn so lange bearbeitet hat, bis er nachgegeben hat. Frau Petersen sagt, Anna hat zwei Wochen lang jeden Abend beim Essen davon gesprochen. Krause hat angeblich gesagt: ‚Wenn es aufhört, schicke ich das Team.‘ Es hat nicht aufgehört.“

    Ich lehnte mich zurück.

    „Weiß UE4 Bescheid?“

    „UE4 übt gerade. Er hat mich angerufen und gefragt, ob Palmen im Wind schwanken oder sich biegen. Ich habe gesagt: beides. Er hat aufgelegt.“

    An dieser Stelle muss ich kurz erklären, wie es dazu kam, dass UE4 in einer Bollywood-Amateurtheater-Aufführung eine Palme spielte.

    Es hatte vor vier Monaten angefangen. Der Bollywood-Filmclub Köln-Ehrenfeld, gegründet von UE4, Jens und Frau Petersen, war gewachsen. Was als ein Kreis von drei Menschen und einem Alien begonnen hatte (fünf, wenn man mich zählte, was ich tat, obwohl ich nur unter Protest und wegen Frau Petersens Streuselkuchen teilnahm), war zu einem Kulturverein mit siebenunddreißig Mitgliedern angewachsen. Es gab ein Logo (entworfen von Tim, dem ehemaligen Praktikanten, der inzwischen eine Festanstellung hatte und seine Kreativität offensichtlich auch nach Feierabend einsetzte). Es gab einen Instagram-Account mit vierhundert Followern, von denen dreihundert aus Indien stammten und den Club für die bizarrste und liebenswerteste Erscheinung der deutschen Kulturlandschaft hielten. Einmal im Monat gab es nicht nur Filme, sondern auch indisches Essen. Zubereitet von freundlichen Menschen aus der Nachbarschaft. Das Essen schwankte, je nachdem wer es machte, zwischen „Lecker, aber viel zu scharf“ und „Lecker, aber unerträglich scharf“. Aber das gehörte einfach dazu.

    Und es gab jetzt eine Theatergruppe.

    Die Idee war von Frau Petersen gekommen, natürlich. „Filme schauen kann jeder“, hatte sie gesagt. „Aber Filme spielen, das ist Kunst.“ UE4 hatte sofort zugestimmt, weil alles, was mit Bollywood zu tun hatte, bei ihm den Enthusiasmus eines Labrador Retrievers beim Anblick eines Tennisballs auslöste. Und Herr Özdemir hatte den Laden für Proben zur Verfügung gestellt, was vermutlich die erste Doppelnutzung eines ehemaligen Nagelstudios als Bollywood-Theaterbühne in der Geschichte der Venloer Straße darstellte, wenn nicht der gesamten westlichen Hemisphäre.

    Das Stück war Dilwale Dulhania Le Jayenge, der Film, der alles ausgelöst hatte. Die Theatergruppe hatte ihn adaptiert, gekürzt und mit der kreativen Freiheit interpretiert, die entsteht, wenn sieben Amateure und ein Alien versuchen, einen dreistündigen Hindi-Klassiker in neunzig Minuten auf siebenundzwanzig Quadratmetern zu komprimieren.

    UE4 hatte selbstverständlich auch eine Rolle haben wollen. Eine richtige Rolle. Am liebsten die Hauptrolle. Am allerliebsten Shah Rukh Khan. Das Team hatte diplomatisch erklärt, dass es gewisse logistische Herausforderungen gebe, wenn eine der romantischen Hauptfiguren chromgrün ist, keine erkennbare Vorderseite hat und im Rollstuhl sitzt. UE4 hatte genickt und gesagt: „Ich verstehe. Dann spiele ich die Palme.“

    „Die Palme?“

    „Am Bahnhof. Da steht eine Palme.“

    „Da steht eine Palme?“

    „Ab jetzt schon.“

    Es war, wenn man darüber nachdachte, das perfekte Bollywood-Debüt: eine Rolle, die er wirklich spielen konnte, denn ein chromgrüner, tonnenförmiger Organismus mit sechs Tentakeln, der stillsteht und sich gelegentlich im Wind wiegt, sieht tatsächlich aus wie eine kleine, etwas ungewöhnliche, aber durchaus überzeugende Palme. Und es war die Erfüllung eines Traums, den er in meinem Badezimmer formuliert hatte, als Frau Petersen auf meinem Klodeckel saß und ihm erklärte, was „Stretch Goals“ sind: nicht das Ziel selbst war wichtig, sondern die Richtung, in die es einen trug.

    UE4 spielte eine Palme. Und er war die glücklichste Palme, die ich je gesehen hatte.

    Um achtzehn Uhr dreißig stand ich vor dem ehemaligen Nagelstudio in der Venloer Straße. Die Tür war mit Lichterketten geschmückt, die Herr Özdemir in einer Anwandlung von Festlichkeit angebracht hatte und die dem Laden das Aussehen einer indischen Hochzeit in Miniaturformat verliehen. Über der Tür hing ein Plakat:

    BOLLYWOOD-FILMCLUB KÖLN-EHRENFELD PRÄSENTIERT:

    Dilwale Dulhania Le Jayenge

    Eine freie Adaption in neunzig Minuten (ungefähr)

    Mit: Sabine Petersen, Tariq Özdemir jr., Anna Krause, Michael Wu, Priya Sharma, Fatima El-Amin, Jens Hollerbach

    Und UE4 als Die Palme

    Bowie, den ich mitgebracht hatte, weil ich ihn nicht allein lassen wollte, schnüffelte am Türrahmen und befand den Geruch für akzeptabel.

    Drinnen war es brechend voll. Ein wildes Sammelsurium an Stühlen, jeder einzelne aus einem anderen Haushalt, keiner zum anderen passend, eine Möbelsammlung, die aussah wie die Requisitenabteilung eines Theaters, das seinen Etat verloren hat, war in Reihen aufgestellt. Mein altes Sofa, mein gestohlenes Sofa, das hier seit Monaten seinen „höheren Zweck“ erfüllte, stand in der ersten Reihe, und darauf saß Dr. Brandt.

    Dr. Brandt. In Jeans. An einem Freitagabend. In einem ehemaligen Nagelstudio in Ehrenfeld. Auf meinem gestohlenen Sofa.

    „Dr. Brandt?“

    „Marcel.“ Sie lächelte. Es war das Lächeln einer Frau, die in den letzten Monaten gelernt hatte, dass das Leben jenseits von Klemmbretten und Organigrammen Dinge bereithielt, die in keinem Managementhandbuch standen. „Frau Kowalski hat mich eingeladen. Sie hat gesagt, und ich zitiere: ‚Kommen Sie, Frau Doktor, Sie brauchen das.'“

    „Und da sind Sie gekommen.“

    „Da bin ich gekommen. Und ich glaube, sie hat recht.“

    Neben ihr saß Herr Karagöz, UE4s Vermieter aus Mülheim, der Mann mit dem Integrationstest und dem Baklava. Er nickte mir zu mit der wortlosen Herzlichkeit eines Mannes, der Anstand für keine Maxime brauchte, weil er ihn lebte.

    In der zweiten Reihe: Tim, Frau Kowalski, Herr Witt. Das Team. Mein Team. Das Team, das die Menschheit mit Studentenfutter gerettet hatte und das jetzt hier saß, um zuzusehen, wie ein Alien eine Palme spielte.

    An der Seite: drei Menschen mit einer Kamera und einem Mikrofon. Das RTL-Team. Daneben, in Zivil und mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich fragt, wie sein Leben diesen Punkt erreicht hat: Redakteur Krause. Er trug keine Redakteursmiene, sondern die eines Vaters, der seiner Tochter nicht nein sagen konnte und der jetzt in einem ehemaligen Nagelstudio saß, um sie in einer Bollywood-Aufführung zu sehen. Neben einem Alien, das er einst als „zu langweilig“ abgelehnt hatte.

    Die Aufführung begann um sieben. Tariq Özdemir junior, Herrn Özdemirs Sohn, der den Beamer beigesteuert hatte und der sich als erstaunlich guter Schauspieler erwies, spielte den jungen Raj. Sabine, also Frau Petersen, spielte die strenge Mutter. Mit einer Autorität und einem Timing, das ich nur als „professionell furchteinflößend“ beschreiben kann. Jens spielte einen Nebencharakter, dessen Hauptaufgabe darin bestand, an den falschen Stellen auf die Bühne zu kommen und dann so zu tun, als sei das Absicht gewesen.

    Und UE4 stand in der Ecke. Grün. Still. Aufrecht in seinem Rollstuhl, die Tentakel nach oben gereckt wie Palmwedel. Er hatte sich mit Papierblättern dekoriert, die Frau Petersen aus grünem Krepppapier geschnitten hatte und die an seinen Tentakeln befestigt waren, sodass er tatsächlich aussah wie eine, nun ja, wie eine Palme, wenn man Palmen durch die Linse einer sehr großzügigen Vorstellungskraft betrachtete und dabei ein Auge zudrückte. Oder alle vier.

    Er bewegte sich nicht. Neunzig Minuten lang. Er stand da und war eine Palme. Und seine Haut, unter dem Krepppapier kaum sichtbar, aber für die, die es wussten, leuchtete in einem tiefen, warmen Gold, dem Farbton, der bei ihm reines, unverfälschtes Glück bedeutete.

    In der Schlussszene, Raj und Simran am Bahnhof, das Publikum in Tränen, Frau Petersen als Mutter, die endlich loslässt, schwankte UE4 leicht. Ganz leicht. Wie eine Palme im Wind. Sechs Tentakel, die sich langsam bewegten, synchron, rhythmisch, als würde eine unsichtbare Brise durch den Raum wehen.

    Frau Kowalski weinte. Tim weinte. Herr Karagöz schnäuzte sich in ein Taschentuch. Dr. Brandt tupfte sich die Augenwinkel mit einer Serviette ab und versuchte so zu tun, als wäre es eine allergische Reaktion.

    Das Kamerateam filmte.

    Nach der Vorstellung gab es Tee von Herrn Özdemir (den guten), Streuselkuchen von Frau Petersen (den echten, nicht den aus dem Supermarkt) und eine Schale Macadamias, die UE4 mit der Milde eines Wesens verteilte, das wusste, dass Nüsse, im wörtlichen und im übertragenen Sinne, die Antwort auf fast alles waren.

    Krause stand am Rand, ein Glas Tee in der Hand, und sah aus wie ein Mann, der gerade eine Offenbarung hatte, die er nicht bestellt hatte. Seine Tochter Anna hing an seinem Arm und strahlte mit der Intensität einer jungen Frau, die ihren ersten Bühnenauftritt hinter sich hatte und deren Vater ein Kamerateam dafür abgestellt hatte.

    „Papa, das war doch gut, oder? Sag mal, dass es gut war!“

    „Es war … es war was Besonderes, Schatz.“

    UE4 rollte auf Krause zu. Alle vier Augen auf den Mann gerichtet, der ihn einst als „zu langweilig“ fürs Fernsehen befunden hatte, und der jetzt in einem ehemaligen Nagelstudio stand, Tee trank und seine Tochter anlächelte.

    „Herr Krause“, sagte UE4. „Wir kennen uns. Telefonisch.“

    Krauses Gesicht durchlief eine bemerkenswerte Reise. Erkenntnis. Unbehagen. Dann etwas, das ich nur als berufliche Selbstreflexion beschreiben kann.

    „Sie sind der … der Jürgen Fink. Der Anrufer.“

    „Der, der zu langweilig war.“

    „Hören Sie, das war … das war eine redaktionelle Einschätzung, die …“

    „Herr Krause.“ UE4 machte das Augen-Schimmern. „Ich bin Ihnen nicht böse. Sie sind hergekommen. Nicht wegen mir, wegen Ihrer Tochter. Und das ist genau richtig.“

    Krause sah UE4 an. Dann seine Tochter. Dann UE4. Und dann passierte etwas, das ich nicht erwartet hätte: Er lachte. Nicht das Lachen eines Redakteurs, der eine gute Story wittert. Das Lachen eines Vaters, der gerade verstand, dass die beste Geschichte manchmal die ist, die man nicht gesucht hat.

    „Wissen Sie was“, sagte er. „Meine Redaktion wird den Beitrag bringen. Aber nicht als Kuriosität.“ Er deutete auf den Raum, auf die Lichterketten und die zusammengewürfelten Stühle und das gestohlene Sofa und die siebenunddreißig Menschen, die Tee tranken und Streuselkuchen aßen. „Als das, was es ist. Eine Geschichte über Nachbarn, die etwas auf die Beine stellen.“

    „Das“, sagte UE4, „ist Entertainment Value.“

    Ich stand draußen. Venloer Straße. Freitagabend. Bowie saß neben mir und beobachtete eine Taube mit dem gelangweilten Interesse eines Hundes, der wusste, dass er sie nicht fangen konnte und es auch nicht wirklich wollte.

    Jens kam raus, zwei Tassen Tee in der Hand. Er gab mir eine. Wir standen da, tranken Tee und sagten nichts. Die Art von Nichts-Sagen, die nur zwischen Menschen funktioniert, die genug zusammen erlebt haben, um Stille als Gespräch zu betrachten.

    „Marcel“, sagte er schließlich.

    „Ja?“

    „Weißt du, was mich am meisten fasziniert?“

    „Dass UE4 neunzig Minuten lang eine Palme war und es der glücklichste Abend seines Lebens ist?“

    „Nein. Na ja, doch, auch. Aber was mich wirklich fasziniert: Vor einem Jahr hast du Drucker repariert.“

    „Ich weiß.“

    „Und jetzt bist du … was bist du eigentlich?“

    Es war eine gute Frage. Meine Visitenkarte (ja, ich hatte jetzt eine Visitenkarte, was allein schon ein Zeichen dafür war, dass sich die tektonischen Platten meines Lebens verschoben hatten) sagte „BIG-A Lead, European Astronaut Centre“. Dr. Brandt hatte den Titel erfunden, und ich hatte ihn akzeptiert, obwohl ich immer noch nicht sicher war, ob „Lead“ das richtige Wort war.

    „Ich bin derjenige, der fragt“, sagte ich. „Was nicht funktioniert. Was besser sein könnte. Warum wir tun, was wir tun. Und dann helfe ich den Leuten, ihre eigene Antwort zu finden.“

    „Das klingt nicht nach einem Job.“

    „Das klingt nach dem besten Job, den ich je hatte.“

    Jens nickte. Langsam. Mit der Zufriedenheit eines Mannes, der in der Telefonzentrale einer Raumfahrtbehörde saß, dessen bester Freund ein Alien war und der in siebenundvierzig Jahren anderthalb Meter große grüne Besucher aus dem Weltall begrüßen würde, und der all das für vollkommen normal hielt.

    „Und die Drucker?“, fragte er.

    Ich grinste. „Die repariert niemand mehr. Dr. Brandt hat neue angeschafft. Welche, die funktionieren.“

    „Tim leitet übrigens jetzt das Innovationsteam. Drei Leute, eigenes Budget.“

    „Tim. Der Praktikant.“

    „Der ehemalige Praktikant. Der Mann, der das Nuss-Dashboard gebaut hat und das Pull-Prinzip entdeckt hat und der als Erster kapiert hat, dass UE4 der gemeinsame Nenner war.“

    Jens nickte. „Manche Leute reparieren Drucker. Und manche Leute reparieren die Art, wie wir über Drucker nachdenken.“

    Ich sah ihn an. „Das war erstaunlich philosophisch für jemanden, der in der Telefonzentrale arbeitet.“

    „Ich habe viel Zeit zum Nachdenken. Es ruft ja niemand an.“

    Apropos Anrufe: Einer war in der vergangenen Woche doch gekommen. Nicht bei Jens, sondern bei Dr. Brandt. Vom Bundeskanzleramt.

    Dr. Brandt hatte mich am Donnerstag in ihr Büro gebeten. Ihr Klemmbrett lag im Regal, endgültig.

    „Das Kanzleramt hat sich gemeldet“, sagte sie. „Wegen UE4.“

    „Wegen UE4? Jetzt? Nach einem Jahr?“

    „Es ist die Bundesregierung, Marcel. Die brauchen für eine Straßenumbenennung drei Jahre. Dass sie sich nach einem Jahr melden, ist in Berliner Verhältnissen praktisch Echtzeit.“

    „Und was wollen sie?“

    Dr. Brandt lehnte sich zurück. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, den ich nicht sofort einordnen konnte, irgendwo zwischen Belustigung und der milden Fassungslosigkeit einer Frau, die in ihrer Karriere schon viel gesehen hatte, aber das hier nicht.

    „Sie wollen aktiv werden. Offiziell. Ein Programm für den Umgang mit außerirdischem Kontakt. Koordination, Protokolle, Kommunikationsstrategie. Das volle Programm.“

    „Das klingt doch gut.“

    „Es klingt hervorragend. Nur …“ Sie machte eine Pause, die länger war als nötig und die genau die richtige Menge an dramatischer Wirkung entfaltete. „Sie stecken gerade mitten in einer agilen Transformation. Des gesamten Kanzleramts. Und die wollen sie erst abschließen, bevor sie sich mit dem Alien-Thema befassen.“

    Ich starrte sie an. „Das Bundeskanzleramt transformiert sich agil.“

    „Seit achtzehn Monaten. Mit einem externen Beratungsunternehmen. Vierhundertzwanzig Mitarbeiter. Achtunddreißig Workstreams. Vierzehn Scrum-Teams.“

    „Vierzehn Scrum-Teams. Im Kanzleramt.“

    „Der zuständige Abteilungsleiter hat gesagt, und ich zitiere: ‚Wir können keine intergalaktische Diplomatie beginnen, solange wir unsere eigene Retrospektive noch nicht im Griff haben.‘ Er hat wortwörtlich ‚Retrospektive‘ gesagt.“

    Ich dachte an UE4. An all die Monate, in denen keine Behörde zuständig war, kein Ministerium antwortete, kein Mensch im Anzug (der da gewesen war) da gewesen war. Und jetzt, endlich, hatte sich das Bundeskanzleramt gemeldet. Aber sie konnten nicht, weil sie gerade lernten, Post-Its an die Wand zu kleben.

    „UE4 wird das lieben“, sagte ich.

    „UE4 wird sagen, es sei die perfekte Metapher.“

    Sie hatte recht. UE4 würde sagen: Die Menschheit hat Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation, aber zuerst muss sie lernen, mit sich selbst zusammenzuarbeiten. Und dann würde er eine Macadamia knacken und sagen, dass es ihn nicht störe. Dass er nirgendwo hingehe. Dass sechsundvierzig Jahre eine lange Zeit seien und das Kanzleramt vermutlich zwanzig davon brauchen würde, und dass das in Ordnung sei, weil echte Veränderung von innen kommt und nicht vom Bundesadler.

    „Sagen Sie ihnen“, sagte ich, „dass wir bereit sind, wenn sie so weit sind. Und dass wir Nüsse haben.“

    Dr. Brandt lächelte. „Ich werde den Teil mit den Nüssen weglassen.“

    „Tun Sie das nicht. Die Nüsse sind der wichtigste Teil.“

    Ich fuhr mit meiner Yamaha nach Hause. Bowie wie immer im Tankrucksack. Es war eine klare Nacht, was in Köln so selten war wie ein funktionierender Drucker an einem Montag, eine Metapher, die ich vermutlich langsam aufgeben sollte, da ich keine Drucker mehr reparierte, aber die sich in meinen Wortschatz eingenistet hatte wie ein hartnäckiger Toner-Rest in der Papierführung.

    Ich dachte an das letzte Jahr. An den Strand von Kellenhusen. An die Nacht auf dem Motorrad, den Rollstuhl als Beiwagen, die Badewanne als erstes Zuhause. An Dallas und Bollywood und zehn Maximen auf einem Whiteboard. An ein Virus, das Menschen zu Bürokraten machte, und an Nüsse, die sie zurückholten. An Frau Petersens Streuselkuchen, Herrn Karagöz‘ Baklava und Herrn Özdemirs Tee. An Dr. Brandt und ihr Klemmbrett und den Tag, an dem sie es zugeklappt hatte. An Frau Kowalski und Tim und Herrn Witt und all die Menschen, die gelernt hatten, dass Veränderung nicht von oben kommt, sondern von innen.

    An ein Sofa, das gestohlen und einer höheren Bestimmung zugeführt worden war.

    An einen Mann im Anzug, der nie da gewesen war.

    Zuhause setzte ich mich auf mein Sofa. Das neue. Das grüne. Das, von dem Jens behauptete, es sei die Farbe meines Unterbewusstseins, das offenbar chromgrüne Aliens vermisste, was ich für Unsinn hielt und Jens für eine profunde psychologische Einsicht.

    Mein Handy summte. Eine Nachricht von UE4:

    „Marcel. Redakteur Krause hat gesagt, der Beitrag kommt am Dienstag. Er hat mich gefragt, ob ich beim nächsten Mal ein Interview gebe.“

    Darunter:

    „PS: Frau Petersen sagt, du hast deinen Streuselkuchen vergessen. Sie bringt ihn morgen vorbei. Mit Herrn Karagöz. Und Baklava.“

    Man sagt, die Reise sei das Ziel.

    Das stimmt nicht. Die Reise ist die Reise, und das Ziel ist das Ziel, und wer das verwechselt, steht am Ende auf einem Berggipfel und wundert sich, warum er nicht glücklich ist, oder er wandert ewig und fragt sich, warum er nie ankommt.

    Was stimmt: Es gibt Reisen, die nie enden. Nicht weil das Ziel so weit weg ist, sondern weil das Ziel sich mitbewegt, wie der Horizont, der immer einen Schritt voraus ist, egal wie schnell man geht. Die agile Reise ist so eine. Man wird nie „fertig agil“ sein. Man wird nie aufwachen und sagen: „So, jetzt bin ich adaptiv, ich kann aufhören, mich anzupassen.“ Das wäre so, als würde man sagen: „So, jetzt habe ich genug geatmet.“

    Aber das bedeutet nicht, dass man nicht anfangen sollte.

    Es bedeutet, dass man gerade deshalb anfangen sollte. Weil eine Reise, die nie endet, in jedem Moment begonnen werden kann. Auch jetzt. Auch hier. Auch auf einem grünen Sofa in Köln-Ehrenfeld, mit einem dreibeinigen Hund unter dem Tisch und einem Alien, das in Mülheim in seiner Wanne liegt und vermutlich gerade zum vierten Mal Swades schaut.

    Bowie legte seinen Kopf auf meine Füße. Draußen war es still. In der Venloer Straße wurde der Bollywood-Filmclub gerade abgeschlossen, die Lichterketten ausgeschaltet, mein gestohlenes Sofa einer weiteren Nacht der Ruhe übergeben. In Mülheim lag ein Alien in seiner Wanne, aß Macadamias und war eine Palme gewesen und glücklich damit. Und irgendwo im All, 4,2 Lichtjahre entfernt und sich mit der Geschwindigkeit des Lichts fortbewegend, raste eine Nachricht durch die Dunkelheit. Eine Nachricht, die sagte: Kommt. Es lohnt sich.

    Mein Telefon summte wieder. Jens rief mich an.

    „Marcel.“

    „Ja?“

    „Glaubst du, die Aliens von Ssalgh mögen Bollywood?“

    „Jens, es ist elf Uhr abends.“

    „Das ist keine Antwort.“

    „Gute Nacht, Jens.“

    „Ich frage nur, weil wir in siebenundvierzig Jahren genug Stühle brauchen. Für den Filmclub. Wenn die alle so breit sind wie UE4, passen nur noch acht in den Laden. Herr Özdemir sagt, er könnte den Laden nebenan dazumieten, aber …“

    „Gute. Nacht. Jens.“

    „Gute Nacht, Marcel.“ Pause. „Aber denk mal drüber nach.“

    Ich legte auf. Bowie schnarchte. Das Sofa quietschte nicht, weil es inzwischen eingesessen war, was bei Sofas ungefähr sechs Monate dauert und bei Lebensveränderungen manchmal genauso lang.

    Und ich dachte daran, dass ich vor einem Jahr ein IT-Admin gewesen war, der Drucker reparierte und sich fragte, wozu das alles gut war. Ein Mann im Leerlauf. Motor an, aber nirgendwo hin. Und jetzt saß ich hier, mit einem Hund und einem Flipchart und einem Kanban-Board und einem Alien, das mein Freund war, und einer Welt, die sich langsam, zäh, widerspenstig, aber unaufhaltsam veränderte.

    Nicht weil jemand es verordnet hatte.

    Sondern weil jemand gefragt hatte: Was funktioniert nicht?

    Und weil ein Alien geantwortet hatte: Dann ändere es.

    Ende

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