Die Entscheidung
by srimbachEs gibt Entscheidungen, die man trifft, und Entscheidungen, die man bemerkt. Die einen fühlen sich an wie ein Sprung von einem Zehnmeterbrett. Man steht oben, schaut runter, zählt bis drei, und springt. Die anderen fühlen sich an, als hätte man die ganze Zeit schon im Wasser gelegen und erst jetzt bemerkt, dass man schwimmt.
UE4s Entscheidung war die zweite Sorte.
Es war ein Mittwochabend. Draußen regnete es, was in Köln weniger ein Wetterereignis als ein Aggregatzustand war. Die Stadt befand sich ungefähr elf Monate im Jahr in einem Zustand, der irgendwo zwischen „leichtem Niesel“ und „hat Gott seinen Kaffee verschüttet?“ lag. Die Kölner hatten gelernt, das als Charakter zu bezeichnen, weil man etwas, das man nicht ändern kann, genauso gut umarmen kann.
Ich saß auf meinem neuen Sofa. Ja, ich hatte mir ein neues Sofa gekauft. Ein grünes. Nicht absichtlich grün. Es war als „Olive“ deklariert gewesen, was sich im Laden angefühlt hatte wie eine stilvolle, erwachsene Farbwahl und das erst in meinem Wohnzimmer die Qualität annahm, die Jens als „chromgrüner Alien-Gedächtnis-Sessel“ bezeichnete. Ich hatte es nicht zurückgebracht, weil es bequem war. Und weil die Rückgabefrist abgelaufen war. Und weil es mir, und das würde ich niemals laut sagen, irgendwie gefiel.
UE4 lag in seiner Wanne. Er schaute keinen Film. Keine Serie. Keine Dokumentation über Kakao oder die soziologischen Implikationen texanischer Seifenopern. Er lag einfach da. Vier Augen an die Decke gerichtet. Seine Haut in einem Farbton, den ich noch nie bei ihm gesehen hatte: ein tiefes, stilles Blau, wie der Ozean in einer Nacht ohne Mond. Nicht traurig. Nicht nachdenklich. Etwas Tieferes. Etwas, das bei einem Menschen vielleicht Nostalgie gewesen wäre, aber bei UE4 vermutlich eine ganze Farbpalette an Emotionen umfasste, für die es im Deutschen keine Worte gab und im Ssalghischen vermutlich dreizehn.
„Marcel“, rief er aus dem Badezimmer.
„Ja?“
„Ich muss dir etwas erzählen.“
Die letzten Male, die er das gesagt hatte, hatten ein Virus, einen Anruf beim RTL-Mittagsmagazin und den Diebstahl meines Sofas zur Folge gehabt. Ich war entsprechend vorbereitet und ging zu ihm ins Badezimmer.
„Auf einer Skala von eins bis ‚du hast die Bundesregierung angerufen‘, wie schlimm?“
„Null. Ich habe lediglich etwas entschieden.“
UE4 richtete sich in der Wanne auf. Langsam. Bedächtig. Mit der Würde eines Wesens, das wusste, dass die nächsten Worte das Gewicht von Lichtjahren trugen.
„Vor drei Wochen“, sagte er, „habe ich eine Nachricht gesendet. An meine drei engsten Freunde auf Ssalgh.“
„Eine Nachricht. Quer durchs All.“
„Die Kommunikationseinheit meines Schiffes hat genug Energie für eine Einzeltransmission. Ultrahochfrequent. Bussard-moduliert. Sie wird in dreiundzwanzig Jahren ankommen.“
„Dreiundzwanzig Jahre.“
„Plus-minus vier Monate, abhängig von der interstellaren Partikelstreuung. Aber ja. Dreiundzwanzig Jahre Laufzeit. Und dann, wenn sie kommen wollen, und ich kenne sie, sie werden wollen, vierundzwanzig Jahre Reisezeit.“
Ich rechnete. Mathematik war nie meine Stärke gewesen, weshalb ich IT-Admin geworden war, ein Beruf, in dem man Rechenschwächen auf die Hardware schieben konnte. Aber dreiundzwanzig plus vierundzwanzig konnte sogar ich.
„Siebenundvierzig Jahre.“
„Siebenundvierzig Jahre“, bestätigte UE4. „Bis sie hier sind. Und ich möchte hier sein, wenn sie ankommen.“
Die Stille, die folgte, war nicht leer. Da war alles drin, was zwischen uns passiert war, seit einer Nacht am Strand von Kellenhusen, als ich „Äh“ gesagt und er „Guten Abend“ geantwortet hatte. Nüsse und Viren und Dallas und Bollywood und Zimtschnecken und ein gestohlenes Sofa und zehn Maximen auf einem Whiteboard und eine Menschheit, die gerettet worden war, weil ein Alien Snacks aß.
„Du bleibst“, sagte ich.
„Ich bleibe.“
„Auf der Erde.“
„In Köln.“ Er machte eine Pause. „In Köln, Marcel. Nicht nur auf der Erde. In Köln. Weil Köln der Ort ist, an dem ein Alien in einer Badewanne leben kann und die Nachbarin ihm Streuselkuchen bringt, und ein Kioskbesitzer ihm Nüsse auf Rechnung gibt, und ein Mann von der Telefonzentrale sein bester Freund wird.“ Sein Blau wurde wärmer. Violette Streifen erschienen, die bei ihm tiefe Zuneigung bedeuteten. „Und weil ein IT-Admin, der eigentlich Drucker repariert, ihn in seine Wohnung gelassen hat, ohne zu fragen, was er davon hat.“
„Aber“, sagte ich, und ich sagte es mit dem liebevollen Ernst eines Freundes, der weiß, dass Freundschaft manchmal bedeutet, das Offensichtliche auszusprechen, „du kannst nicht siebenundvierzig Jahre in meiner Badewanne leben.“
„Nein“, sagte UE4. „Kann ich nicht.“
„Dann brauchst du eine Wohnung.“
„Ich brauche eine Wohnung.“
Die Wohnungssuche eines außerirdischen Wesens in Köln stellte sich als exakt so kompliziert heraus, wie man es erwarten würde. Kaum komplizierter als die Wohnungssuche eines normalen Menschen in Köln, was weniger über Aliens aussagte als über den Kölner Wohnungsmarkt.
Das Problem war nicht, dass UE4 ein Alien war. Das Problem war, dass er eine Badewanne brauchte. Nicht als Luxus, sondern als Lebensraum. Ein aquatischer Organismus, der in einer Wohnung ohne Badewanne lebt, ist wie ein Mensch, der in einer Wohnung ohne Luft lebt: technisch möglich, aber unerfreulich und mittelfristig tödlich.
Frau Petersen, wer sonst, kannte jemanden, der jemanden kannte, der eine Erdgeschosswohnung in Köln-Mülheim vermietete. Erdgeschoss, weil UE4s Rollstuhl und Treppen in einer Beziehung zueinander standen, die am besten als „feindlich“ beschrieben werden konnte. Und Mülheim, weil Mülheim, ich zitiere Frau Petersen, „ein Viertel ist, in dem man sich nicht erklären muss.“
Der Vermieter hieß Herr Karagöz. Er war ein Mann Anfang sechzig, der aussah, als hätte er in seinem Leben genug gesehen, um sich von nichts mehr überraschen zu lassen. Er führte sein Mietshaus mit der Mischung aus Pragmatismus und Prinzipientreue, die entsteht, wenn man dreißig Jahre lang Wohnungen an Menschen vermietet, die sonst niemand haben will. Dabei hatte er festgestellt, dass die besten Mieter oft diejenigen sind, die anderswo abgelehnt werden.
Ich begleitete UE4 zur Besichtigung. UE4 trug seinen Regenmantel-Tarn-Look, der ihn ungefähr so unauffällig machte wie einen Elefanten in einer Telefonzelle, aber in Mülheim fiel das weniger auf als anderswo, weil Mülheim ein Viertel war, in dem Unauffälligkeit als Charakterschwäche galt.
Herr Karagöz öffnete die Tür. Er musterte UE4 von oben bis unten, oder besser gesagt, von oben bis zum Rollstuhl, der mit seinem integrierten Befeuchtungssystem aussah wie eine mobile Gartensprinkleranlage auf Rädern.
„So“, sagte er. „Sie sind der neue Interessent.“
„Ja“, sagte UE4.
„Die Wohnung hat drei Zimmer, Küche, Bad, Erdgeschoss, Hinterhof. Warmmiete achthundertfünfzig. Kaution drei Monatsmieten.“
„Ausgezeichnet.“
„Bevor wir reingehen, ein paar Sachen.“ Herr Karagöz verschränkte die Arme. Nicht feindlich. Eher wie ein Mann, der eine Rede hielt, die er schon oft gehalten hatte und die ihm jedes Mal ein wenig mehr bedeutete. „In meinem Haus wohnen Familien aus der Türkei, aus Indien, aus der Ukraine, aus Syrien, aus Ghana, aus Vietnam und aus Bergisch Gladbach. Falls Sie damit ein Problem haben, sage ich Ihnen gleich: Dann können Sie sich verpissen. AfD-Wähler brauche ich nicht in meinem Haus. Sind wir uns da einig?“
UE4 sah Herrn Karagöz an. „Herr Karagöz, ich habe keinerlei Probleme mit anderen Lebewesen. Ich würde sie nicht einmal essen.“
Herr Karagöz blinzelte. Einmal. Zweimal. Dann lachte er. Es war ein Lachen, das tief aus dem Bauch kam und das die Art von Mann verriet, der Humor nicht als Unterhaltung betrachtete, sondern als Lebensmittel.
„Den nehme ich“, sagte er. Zu mir. Als wäre ich der Makler. „Wann kann er einziehen?“
UE4 zog zwei Wochen später ein. Die Wohnung war, nach einigen Modifikationen, perfekt. Jens führte die Umbauarbeiten mit der Begeisterung eines Mannes durch, der endlich einen Grund hatte, seinen Werkzeugkoffer zu benutzen. Im Wesentlichen ging es darum, die Badewanne abzudichten, einen zweiten Wasserzulauf zu installieren und die Temperaturregelung auf ein Niveau zu bringen, das einem aquatischen Organismus angemessen war. Herr Karagöz nahm das Ganze als „Wellness-Upgrade“ in die Nebenkostenabrechnung auf.
UE4 hatte zum ersten Mal einen eigenen Raum. Einen Ort, der ihm gehörte. Nicht meine Badewanne, nicht sein ESA-Büro, nicht der Kinderpool auf dem Rücksitz eines beigen Tourans. Sein Platz.
Frau Petersen brachte eine Topfpflanze. („Jede Wohnung braucht etwas Grünes.“) Herr Özdemir brachte einen Teppich aus seinem Lager, der nach Lavendel roch und den UE4 als „olfaktorisch ansprechend“ bezeichnete, was vermutlich die höchste Bewertung war, die ein Teppich je erhalten hatte. Jens brachte einen Fernseher mit, dreiunddreißig Zoll, gebraucht, eBay Kleinanzeigen, einundzwanzig Euro, „damit du nicht immer in den Filmclub musst, wenn du eine Bollywood-Krise hast.“
Ich brachte eine Schreibtischschublade. Leer. Eine leere Schublade, die darauf wartete, gefüllt zu werden.
„Danke“, sagte UE4. Und sein Grün war so warm, dass es den Raum füllte wie Sonnenlicht.
Herr Karagöz klopfte am selben Abend an die Tür. Mit einem Tablett. Darauf: Tee, Baklava und eine Schüssel Nüsse.
„Willkommen im Haus“, sagte er. „Und falls Sie Ärger mit jemandem haben, Sie kommen zu mir. Ich regle das.“
UE4 betrachtete das Tablett. Dann Herrn Karagöz. Dann das Tablett. „Herr Karagöz“, sagte er, „Maxime Nummer 1: Wer etwas sieht, tut etwas. Ich glaube, Sie kennen das Prinzip.“
Herr Karagöz zuckte die Schultern. „Ich kenne keine Maximen. Ich kenne Anstand.“
„Das“, sagte UE4, „ist dasselbe.“
Drei Tage nach UE4s Einzug saß ich in Dr. Brandts Büro. Das Klemmbrett lag nicht mehr auf dem Tisch. Es lag im Regal, neben einer Tasse, auf der „World’s Okayest Manager“ stand. Ein Geschenk von Frau Kowalski, das Dr. Brandt mit der Mischung aus Humor und Selbsterkenntnis angenommen hatte, die sie in den letzten Wochen auszeichnete.
„Marcel“, sagte sie. „Wir müssen über die Zukunft reden.“
„Ihre oder meine?“
„Unsere. Die der ESA. Die der Art, wie wir hier arbeiten.“ Sie lehnte sich vor. „Die Teams machen Fortschritte. Langsam, aber sie machen Fortschritte. Das Finanzteam hat seine Budgetfreigabe um drei Wochen beschleunigt. Das Kommunikationsteam hat den Newsletter abgeschafft und durch etwas ersetzt, das die Leute tatsächlich lesen. Und das Facility-Management, nun ja.“
„Was ist mit dem Facility-Management?“
„Die haben eigenständig beschlossen, die Kaffeemaschine in Gebäude D zu reparieren. Ohne Ticket. Ohne Genehmigung. Einfach so.“
„Das ist entweder ein Durchbruch oder Anarchie.“
Sie lächelte. Es war das Lächeln einer Frau, die langsam verstand, dass Kontrolle abzugeben nicht Kontrollverlust bedeutete, sondern Kontrollgewinn, nur eben nicht ihrer eigenen. „Ich möchte, dass Sie das formalisieren.“
„Formalisieren?“
„Geben Sie dem Kind einen Namen. Einen Rahmen. Etwas, das andere Organisationen übernehmen können, ohne dass Sie persönlich in jeder Kaffeeküche stehen und fragen müssen, was nicht funktioniert.“
„Das klingt nach einem Framework.“
„Das klingt nach einer Notwendigkeit.“
Ich fuhr zu UE4. Zu seiner neuen Wohnung. Es war das erste Mal, dass wir ein Arbeitsgespräch nicht auf meinem Klodeckel führten, sondern in seinem Wohnzimmer, was sich anfühlte wie ein zivilisatorischer Fortschritt.
UE4 lag in seiner Wanne, der richtigen, der festinstallierten, der permanenten. Auf dem Rand balancierte eine Schale mit Macadamias. An der Wand hing ein Poster von Swades, einem Bollywood-Film über einen Mann, der in die Heimat zurückkehrt und dort seinen Platz findet. UE4 hatte den Film als „die präziseste Darstellung des Zugehörigkeitsparadoxons in der irdischen Filmgeschichte“ bezeichnet, was vermutlich stimmte, auch wenn ich den Film nicht gesehen hatte und es auch nicht vorhatte, weil mein Bollywood-Kontingent für dieses und die nächsten drei Leben aufgebraucht war.
„Dr. Brandt will, dass wir BIG-A definieren“, sagte ich.
„Das, wofür du noch keine Bedeutung hattest.“
„Genau das.“
„Dann lass uns eine finden.“ Er knackte eine Macadamia. „Was ist der Kern? Was haben alle Teams gemeinsam, die funktionieren?“
Ich dachte nach. An das Finanzteam, das seinen Purpose gefunden hatte. An das Kommunikationsteam, das etwas Neues gewagt hatte. An das Facility-Management und seine revolutionäre Kaffeemaschinen-Reparatur. An unser eigenes Team, das eine Menschheit mit Studentenfutter gerettet hatte.
„Sie brechen Silos auf“, sagte ich. „Teams, die funktionieren, reden mit anderen Teams. Die arbeiten nicht in ihren Boxen.“
UE4 nickte. „B. Breaking Organizational Silos. Weiter.“
Ich überlegte. „Sie richten sich immer wieder neu aus. Nicht einmal am Anfang und dann stur geradeaus, sondern permanent. Kleine Kurskorrekturen.“
„I. Iterative Alignment.“ Vier Augen leuchteten. „Weiter.“
„Sie wachsen. Nicht nur an Ergebnissen, sondern als Team. An Fähigkeiten. An Vertrauen. Und sie tun es, indem sie sich anpassen.“
„G und A“, sagte UE4. „Growth through Agility. Adapting to Change.“ Er lehnte sich zurück, so weit man sich in einer Badewanne zurücklehnen konnte, ohne unterzugehen. „BIG-A. Breaking Organizational Silos. Iterative Alignment. Growth through Agility. Adapting to Change.“
Ich schrieb es auf. Auf einem Zettel, weil ich kein Flipchart hatte, und weil die besten Ideen dieses Projekts immer auf den kleinstmöglichen Flächen entstanden waren. Post-Its, Servietten, und jetzt ein Kassenbon von Rewe, auf dessen Rückseite ein Rahmenkonzept stand, das die Art, wie eine europäische Raumfahrtbehörde arbeitete, verändern würde.
„Und der Grundsatz?“, fragte ich. „Jedes Framework braucht … nein, warte. Kein Framework. Jeder Kompass braucht einen Nordstern.“
„Adaptive Prinzipien und Tools statt starrer Frameworks“, sagte UE4 ohne Zögern.
„Adaptive Prinzipien und Tools statt starrer Frameworks“, wiederholte ich. Es war ein Satz, der alles zusammenfasste, was wir in den letzten Monaten gelernt hatten. Dass es nicht um die Werkzeuge ging, sondern um das Denken dahinter. Dass Flexibilität kein Zeichen von Schwäche war, sondern von Intelligenz. Dass die beste Struktur diejenige ist, die sich selbst in Frage stellt.
„Das ist kein Framework“, sagte UE4. „Das ist ein Anti-Framework. Ein Rahmen, dessen wichtigste Eigenschaft es ist, sich selbst zu verändern.“
„Ein Anti-Framework namens BIG-A.“
Ich fuhr mit dem Motorrad nach Hause. Die Yamaha brummte unter mir, als ich durch Mülheim rollte, vorbei an den Häusern, in denen Menschen aus unzähligen Ländern lebten und ein Alien, das beschlossen hatte, dass Köln sein Zuhause war. Über die Zoobrücke, den Rhein unter mir. Durch die Ringe nach Ehrenfeld. Bei Achmeds Kiosk machte ich kurz halt, um mir eine Flasche Wasser zu kaufen. Er fragte, wie es „dem Grünen“ ginge, was in Köln eine vollkommen akzeptable Bezeichnung für einen Außerirdischen war.
Auf meinem neuen Sofa, dem grünen, dem quietschenden, dem unwiderruflich meinen, hörte ich eine Sprachnachricht von Jens. Drei Minuten lang. Die ersten zwei Minuten waren das Geräusch von Jens, der versuchte, die Aufnahmefunktion seines Handys zu finden. Die dritte Minute war:
„Marcel. UE4 bleibt. Hat er mir erzählt. Siebenundvierzig Jahre. Weißt du, was das heißt? Das heißt, ich bin vierundachtzig, wenn seine Kumpels ankommen. Vierundachtzig! Ich werde mit vierundachtzig drei Aliens aus dem Weltall begrüßen, während ich auf einem Rollator stehe. Wenn das kein Grund ist, gesund zu leben, weiß ich auch nicht. Ab morgen esse ich Nüsse. Nicht wegen dem Virus. Wegen der Fitness. Man will ja was hermachen, wenn Besuch kommt.“ Pause. „Aus dem All.“
Ich saß auf meinem Sofa. In meinem Wohnzimmer. Ohne Bollywood. Ohne Alien in der Badewanne. Ohne Streuselkuchen. Nur ich, die Stille und die Erkenntnis, dass mein Leben, das Leben eines Mannes, der vor einem halben Jahr Drucker repariert hatte und jetzt ein Anti-Framework erfand, das die Arbeitswelt einer Raumfahrtbehörde verändern sollte, dass dieses Leben irgendwann, irgendwo, ohne dass ich es bemerkt hatte, angefangen hatte, Sinn zu ergeben.
Nicht viel. Nicht perfekt. Aber genug.
Draußen regnete es immer noch. In Mülheim lag ein Alien in seiner eigenen Wanne, in seiner eigenen Wohnung, und aß Macadamias und schaute vermutlich Swades zum dritten Mal. In der Venloer Straße wartete ein Filmclub auf den nächsten Donnerstag. Und irgendwo im All, 4,2 Lichtjahre entfernt und sich mit der Geschwindigkeit des Lichts fortbewegend, raste eine Nachricht durch die Dunkelheit. Eine Nachricht, die in dreiundzwanzig Jahren ankommen würde und die sagte: Kommt. Es lohnt sich. Die Menschen sind seltsam, und sie essen Tiere, und ihre Musik ist fragwürdig. Aber sie machen guten Streuselkuchen. Und manchmal, wenn man lange genug fragt warum, finden sie die richtige Antwort.
„Siebenundvierzig Jahre“, sagte ich zu meinem leeren Wohnzimmer.
Mein Sofa quietschte.
Es klang wie Zustimmung.
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