Der Diversity-Berater
by srimbachAm folgenden Montag wurde ich in das Büro von Dr. Heike Brandt bestellt, Abteilungsleiterin für (ich zitiere die offizielle Bezeichnung) „Strategische Personalkoordination und Kapazitätsmanagement“. Was, übersetzt in eine Sprache, die normale Menschen verstehen, bedeutete: Sie teilte Leuten Arbeit zu, für die sich sonst niemand freiwillig meldete.
Dr. Brandt war eine Frau, die aussah, als hätte jemand das Konzept „deutsche Effizienz“ in einen menschlichen Körper gegossen und vergessen, dem Ergebnis einen Sinn für Humor beizufügen. Ihre Frisur war so akkurat geschnitten, dass man hätte meinen können, sie verwende dafür eine Wasserwaage. Ihre Brille saß so gerade auf der Nase, wie Brillen nur sitzen können, wenn ihre Trägerin grundsätzlich davon ausgeht, dass die Welt ein Ort ist, der nur mit ausreichend Organigrammen und Zuständigkeitsmatrizen zu ertragen ist.
„Guten Morgen, Marcel.“
„Dr. Brandt.“
Sie schaute mich streng in die Augen. Ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Das passiert bei Menschen, die so schauen können, man fängt reflexartig an, sich für Dinge schuldig zu fühlen, die man noch gar nicht getan hat.
„Da haben Sie ja ganz schön was angerichtet“, sagte sie, immer noch streng schauend.
„Also, ich habe da eigentlich nur helfen wollen.“ Das ging ja gut los.
„Wir haben ein Problem. Diese außerirdische Lebensform, die Sie da mitgebracht haben, nun, niemand scheint zu wissen, wie es weitergehen soll.“
„Ich weiß“, seufzte ich. „Das Wochenende war da sehr ernüchternd. Aber eigentlich habe ich ihn nicht ‚mitgebracht‘. Es war ja so, dass …“
„Wie auch immer.“ Sie schien mir gar nicht zuzuhören. „Wir trainieren Astronauten für den Weltraum, und wir haben jetzt hier einen absoluten Experten. Daher habe ich eine Entscheidung getroffen. Dieser Außerirdische wird, bis sich jemand für zuständig fühlt, bei uns arbeiten. Wir können bestimmt sehr viel von ihm lernen. Offiziell werden wir ihn als Diversity-Berater einstellen. Und Sie werden ab sofort der offizielle Arbeitsbegleiter des Aliens.“
„Der was?“
„Ihre Aufgabe wird es sein, UE4 in die Arbeitsabläufe und die Organisationskultur des EAC einzuführen. Außerdem werden Sie ihn bei … externen Aktivitäten begleiten.“
„Externe Aktivitäten?“
„UE4 hat ein starkes Interesse an der regionalen Umgebung geäußert. Natur, Kultur, Gesellschaft. Sie werden ihm Köln und das Umland zeigen.“
Ich öffnete den Mund, um zu widersprechen. Dann fiel mir ein, dass mein eigentlicher Job darin bestand, Drucker am Laufen zu halten, die ohnehin niemand benutzte, und dass die Alternative zu „Alien die Eifel zeigen“ eben „Papierstaus in Gebäude C beheben“ war. Ich schloss den Mund wieder.
„Verstanden“, sagte ich.
„Wunderbar.“ Dr. Brandt machte ein Häkchen auf einer Liste. Ein physisches Häkchen, mit einem Kugelschreiber, auf Papier. Im Jahr 2026. Auf meinem Drucker gedrucktes Papier, wohlgemerkt, was den ganzen Kreislauf meiner beruflichen Existenz auf deprimierende Weise vervollständigte.
Und so wurde ich also der offizielle Work-Buddy eines Außerirdischen.
Work-Buddy. So stand es in der internen Mitteilung. Nicht „Betreuer“, nicht „Aufpasser“, nicht „der arme Kerl, der auf das Alien aufpasst, weil alle anderen klüger waren, nein zu sagen“. Sondern Work-Buddy. Klang nach Start-up-Kultur, nach Kicker-Tisch und Mate-Tee, nach einer Arbeitsbeziehung auf Augenhöhe, wenn man davon absah, dass einer der Buddys ein interstellarer Besucher mit einem Diplom in „Warum seid ihr so komisch“ war und der andere ein IT-Admin, dessen größte berufliche Leistung darin bestand, einen Drucker zum beidseitigen Drucken überredet zu haben, was drei Tage und zwei existenzielle Krisen gedauert hatte.
Meine Aufgabe bestand im Kern aus zwei Teilen.
Teil eins: UE4 die Abläufe bei der ESA erklären. Was einfacher klang, als es war, weil die Abläufe bei der ESA bereits für Menschen schwer verständlich sind und für einen Außerirdischen, dessen Zivilisation offenbar ohne Formulare, Genehmigungsketten und dreizehnseitige Dienstanweisungen für Kaffeemaschinen funktionierte, ungefähr so nachvollziehbar waren wie die Handlung eines David-Lynch-Films nach dem dritten Glas Wein.
Teil zwei: UE4 die Erde zeigen. Das Bergische Land, den Rhein, die Stadt Köln und alles, was dazugehörte. Kulturelle Immersion, wie Dr. Brandt es nannte. Was bei einem Wesen, das aus einer Vollwasser-Zivilisation stammte und für das bereits Gras eine exotische Sensation darstellte, einiges an Überraschungen versprach.
Das Erstaunliche war: Es funktionierte.
Ich meine das ernst. Ich hatte erwartet, dass die Integration eines außerirdischen Organismus in den Arbeitsalltag einer europäischen Weltraumagentur ein logistischer, diplomatischer und psychologischer Albtraum werden würde. Ein Minenfeld aus Missverständnissen, Panik und mindestens einer Krisensitzung auf Vorstandsebene.
Stattdessen passierte fast nichts.
UE4 saß in seinem Büro, in seiner Edelstahlwanne, tippte auf seinem Tablet herum und studierte die ESA von innen wie ein Anthropologe, der in einen besonders faszinierenden Stamm eingetaucht ist. Er las interne Memos. Er analysierte Organigramme. Er besuchte Meetings, via Videokonferenz, seine Kamera stets ausgeschaltet, nur der Ton an, und wenn er sprach, klang er so sachlich und kompetent, dass niemand je auf die Idee kam, etwas sei nicht richtig.
Frau Kowalski aus der Organisationsentwicklung war seine größte Verbündete geworden. Sie schickte ihm E-Mails mit Betreffzeilen wie „FYI: Neue Stakeholder-Matrix“ und „Input erbeten: Wie definieren wir Diversity?“, und UE4 antwortete mit der gewissenhaften Höflichkeit eines Beraters, der seinen Stundensatz wert sein will. Nur dass sein Stundensatz null war, weil man ohne Bankkonto und Steuer-ID in Deutschland schlicht niemandem Geld überweisen kann. Nicht mal einem Außerirdischen. Vor allem keinem Außerirdischen.
„Das System akzeptiert nur bestimmte Staatsangehörigkeiten“, hatte die Dame aus der Personalabteilung Jens am Telefon erklärt, als sie versuchte, UE4 wenigstens als Mitarbeiter anzulegen. Jens hatte, mit einer Geistesgegenwart, die er sonst nur beim Bestellen von Pizza aufbrachte, geantwortet: „Dann nehmen Sie Liechtenstein. Da schaut eh keiner genau hin.“
UE4 war seitdem offiziell liechtensteinischer Staatsbürger. In SAP. Gehalt bekam er trotzdem keins. Aber immerhin hatte er jetzt eine Personalnummer, einen Zugang zur Kantine und einen Anspruch auf dreißig Tage Urlaub, von denen er keinen einzigen zu nehmen gedachte, weil, wie er sagte, „Forschung keine Pausen kennt, nur Phasen unterschiedlicher Intensität“.
Was mich aber wirklich überraschte, war Köln selbst.
In den ersten Wochen fuhr ich UE4 jeden Morgen von meiner Wohnung, wo er nach wie vor die Badewanne bewohnte, was meinem Badezimmer den dauerhaften Geruch einer gut gepflegten Fischtheke verlieh, zum EAC. Sein Rollstuhl mit der bläulich schimmernden Kuppel rollte über die Bürgersteige von Ehrenfeld, vorbei an Cafes, Spätis und Menschen, die so taten, als wäre ein leuchtendes Aquarium auf Rädern das Normalste der Welt.
Und das war es, in Köln, vermutlich auch.
Der Kiosk-Besitzer an der Ecke, ein Mann namens Achmed, der seit dreißig Jahren dort stand und dessen Weltbild genau zwei Kategorien kannte: Stammkunde und Noch-nicht-Stammkunde, nickte UE4 nach der dritten Begegnung zu und fragte: „Dat Übliche?“
UE4 hatte kein Übliches. Aber ab diesem Tag kaufte ich ihm jeden Morgen eine Tüte Studentenfutter, das er als „akzeptable Feldration“ bezeichnete, und Achmed buchte ihn in die Kategorie Stammkunde um. Damit war die Integration abgeschlossen.
In der Nachbarschaft gab es eine ältere Dame, Frau Petersen, erste Etage, Blick auf die Straße, lebendes Überwachungssystem des gesamten Viertels, die nach einer Woche zu mir sagte: „Ihr Freund in dem Rollstuhl, der hat aber eine ungewöhnliche Erkrankung, nicht wahr? Mein verstorbener Mann hatte auch was mit der Haut. Schuppenflechte. Schreckliche Sache. Soll ich ihm Zinksalbe vorbeibringen?“
„Das ist sehr nett“, sagte ich. „Aber er hat keine Schuppenflechte.“
„Ach, dann ist es was Exotisches?“
„So könnte man es ausdrücken.“
„Na ja“, sagte Frau Petersen mit der unerschütterlichen Pragmatik einer Kölnerin, „Jeder Jeck is anders.“
Da war er wieder. Der kölsche Universalsatz. Das philosophische Rückgrat einer Stadt, die gelernt hatte, alles zu tolerieren, solange man sich an zwei Regeln hielt: Nicht vor elf Uhr morgens Lärm machen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Kölsch ausgeben.
Die Tage hatten eine Routine entwickelt. Morgens fuhr ich UE4 zum EAC. Er verschwand in seinem Büro und studierte die Menschheit über interne Memos, Videokonferenzen und, wie ich irgendwann herausfand, eine erstaunliche Menge YouTube-Videos. Mittags aß ich in der Kantine, während er in seiner Wanne blieb und Salzwasser trank, was offenbar die ssalghianische Version eines Mittagessens war. Nachmittags holte ich ihn ab, und wir unternahmen das, was Dr. Brandt „kulturelle Immersionsausflüge“ nannte und was in der Praxis bedeutete, dass ich mit einem Alien im Rollstuhl durch die Kölner Südstadt spazierte und ihm Dinge erklärte wie: Warum Menschen freiwillig Schlange stehen, um überteuerten Kaffee zu trinken. Warum Hunde an Laternen schnüffeln. Warum manche Menschen in ein kleines Gerät schreien, obwohl die Person am anderen Ende offensichtlich nicht taub ist.
UE4 machte zu allem Notizen. Er machte Notizen mit einer Intensität, die mich gleichermaßen beeindruckte und beunruhigte. Er dokumentierte alles, von der Funktionsweise einer Fußgängerampel bis hin zur sozialen Dynamik einer Kölsch-Bestellung. Einmal beobachtete er zwanzig Minuten lang eine Gruppe Tauben, die um ein Stück Brot kämpften, und sagte anschließend: „Bemerkenswert. Selbst eure Vögel haben keine funktionierende Ressourcenverteilung.“
„Das sind Tauben“, sagte ich. „Die haben überhaupt kein funktionierendes Irgendwas.“
„Trotzdem. Lehrreich.“
Und dann kam der Tag, an dem UE4 sagte, er wolle „die natürliche Umgebung jenseits der urbanen Zone“ sehen. Was in normaler Sprache bedeutete: Er wollte raus aus Köln. In die Natur. Bäume, Wiesen, Tiere, das ganze Programm.
„Das Bergische Land“, schlug ich vor. „Dreißig Minuten mit dem Auto. Hügel, Wälder, Bäche. Sehr malerisch. Sehr deutsch.“
„Ausgezeichnet“, sagte UE4. „Ich möchte insbesondere die lokale Fauna beobachten. Eure biologische Vielfalt ist bemerkenswert.“
Es war ein Donnerstagnachmittag, einer jener Nachmittage, an denen das Bergische Land sich von seiner besten Seite zeigte: Laubwälder in sattem Grün, ein Himmel so blau wie das Versprechen eines Reisebüros, und eine Stille, die nur von Vogelgezwitscher und dem gelegentlichen Rascheln eines Eichhörnchens unterbrochen wurde, das seinen täglichen Geschäften mit der hektischen Selbstverständlichkeit nachging, die man nur bei Eichhörnchen und Investmentbankern beobachten kann.
Ich hatte ein Waldgebiet in der Nähe von Overath ausgewählt. Breite Wege, gut zugänglich für UE4s Rollstuhl, genug Biodiversität, um einen außerirdischen Biologen zu beschäftigen, und weit genug von der nächsten Siedlung entfernt, um neugierige Fragen zu vermeiden.
UE4 war begeistert. Also, soweit ich das beurteilen konnte. Seine vier Augen waren in alle Richtungen gleichzeitig gerichtet, zwei nach oben in die Baumkronen, eines auf den Waldboden, eines auf mich, und seine Haut schimmerte in einem helleren Grün als gewöhnlich, was ich als seine Version von aufgeregtem Staunen zu interpretieren begann.
„Bäume“, sagte er. „Tatsächliche Bäume. Photosynthetische Megaorganismen mit vertikaler Wachstumsachse.“
„Wir nennen sie Buchen.“
„Faszinierend. Sie nutzen Licht, um Materie aufzubauen. Wie unsere Nährpflanzen, nur … vertikal. Und so groß.“ Er streckte zwei Tentakeln gleichzeitig aus, als wollte er die Größe des nächsten Baums greifen. „Auf Ssalgh wächst alles horizontal. Im Wasser gibt es keinen Grund, nach oben zu wachsen.“
„Außer hier“, sagte ich. „Hier kämpft jeder um Licht.“
„Das erklärt einiges über eure Spezies“, murmelte UE4.
Wir gingen (oder vielmehr: ich ging, er rollte) durch den Wald, und ich spielte den Reiseführer mit einem Enthusiasmus, den ich selbst überraschend fand. Ich zeigte ihm Pilze, die er höflich als „symbiotische Zersetzer“ bezeichnete. Ich zeigte ihm einen Bach, in den er sofort einen Tentakel eintauchte und feststellte, dass das Wasser „erfrischend, aber mineralisch unterkomplex“ sei. Ich zeigte ihm einen Ameisenhaufen, den er siebzehn Minuten lang studierte und anschließend als „die effizienteste dezentrale Organisation, die ich auf diesem Planeten bisher beobachtet habe“ beschrieb.
„Effizienter als die ESA?“, fragte ich.
„Effizienter als alles, was Säugetiere je hervorgebracht haben.“
„Autsch.“
„Es ist keine Beleidigung. Es ist eine Beobachtung.“
Und dann sahen wir das Reh.
Was danach geschah, kennen wir bereits. Das Würgen, der Specht, die Delphine, die mal wieder recht hatten.
Aber das Schöne daran war: Nachdem UE4 sich den letzten Rest seines ssalghianischen Mageninhalts vom Tentakel gewischt hatte, nachdem das Reh längst davongesprungen war und der Specht seine Arbeit mit stoischer Gleichgültigkeit wieder aufgenommen hatte, nachdem ich mich ungefähr fünfzehnmal entschuldigt hatte, da passierte etwas Unerwartetes.
UE4 lachte.
Oder was auch immer seine Spezies macht, wenn etwas so absurd ist, dass selbst Entsetzen nicht mehr reicht. Ein Geräusch wie ein glucksendes Blubbern, begleitet von einem Farbwechsel seiner Haut von Chromgrün zu einem fast schon fröhlichen Türkis.
„Marcel“, sagte er.
„Ja?“
„Ich möchte, dass du weißt: Das war das Verstörendste, was mir seit langer Zeit passiert ist.“
„Es tut mir …“
„Und gleichzeitig“, fuhr er fort, „war es das Lehrreichste.“
„Wie kann Erbrechen lehrreich sein?“
„Weil es mir gezeigt hat, dass ich diese Spezies noch weniger verstehe, als ich dachte. Und das“, er machte das Augen-Schimmern, sein Lächeln, „ist der Anfang von echtem Verständnis.“
Wir gingen zurück zum Auto. Ich hatte für den Ausflug einen Leihwagen genommen, die Yamaha war für Waldwege zu unpraktisch. UE4 tauchte seinen Kopf in den tragbaren Wasserbehälter, den ich im Kofferraum mitführte. Für eine Weile sagte keiner von uns etwas. Dann, auf der Rückfahrt nach Köln, als das Bergische Land hinter uns in den Rückspiegel sank und die Skyline der Stadt sich am Horizont abzeichnete, sagte UE4:
„Marcel?“
„Ja?“
„Ich muss dir etwas gestehen.“
Ich warf ihm einen Seitenblick zu. UE4 machte die Tentakelbewegung, die ich inzwischen als sein Äquivalent zu einem verlegenen Räuspern identifiziert hatte. Ein leichtes Zusammenziehen der oberen zwei Tentakeln, gefolgt von einem kaum wahrnehmbaren Farbwechsel seiner Haut, von Chromgrün zu einem etwas dunkleren Chromgrün, was bei seiner Spezies offenbar das Pendant zu einem leichten Erröten war.
„Ich habe“, sagte er langsam, „möglicherweise einige Aspekte eurer Kultur … fehlinterpretiert.“
„Fehlinterpretiert. Du meinst die Sache mit dem Fleisch.“
„Meine Primärquellen waren … unausgewogen.“
„Was heißt das?“
Er seufzte. „Ich habe den Fehler begangen, meine Forschung über menschliche Ernährungsgewohnheiten hauptsächlich auf die Inhalte Berliner Influencer zu stützen.“
Ich brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. Ich nahm den Fuß vom Gas, weil mein Gehirn offenbar nicht gleichzeitig fahren und diese Information verarbeiten konnte.
„Berliner Influencer.“
„Sie waren sehr überzeugend. Sehr zahlreich. Und sie waren alle Veganer. Ausnahmslos.“ Er klang wie ein Wissenschaftler, der auf einer Konferenz erklären muss, warum sein Experiment schiefgegangen ist. „In ihren Videos aßen sie bunte Schüsseln mit Quinoa und Avocado und sprachen über Achtsamkeit und Darmgesundheit und die spirituelle Verbindung mit der Erde durch pflanzliche Ernährung.“ Er machte eine Pause. „Ich hatte daraus geschlossen, dass die gesamte Menschheit vegan lebt.“
Ich starrte auf die Straße. Dann fing ich an zu lachen. Es war kein höfliches Lachen. Es war das Lachen eines Menschen, dem gerade klar wurde, dass der Erstkontakt mit einer außerirdischen Zivilisation beinahe daran gescheitert wäre, dass ein Alien zu viele Instagram-Reels gesehen hatte.
„Die gesamte Menschheit“, wiederholte ich, immer noch lachend.
„Es war eine logische Schlussfolgerung auf Basis der verfügbaren Daten“, verteidigte sich UE4 mit der leicht beleidigten Würde eines Wissenschaftlers, dessen Methodik infrage gestellt wird. „Das Problem lag nicht in meiner Analyse, sondern in der Stichprobe.“
„Die Stichprobe war Berliner Influencer.“
„Die waren algorithmisch priorisiert.“
„Du bist auf den Algorithmus reingefallen? Du, der interstellare Forscher mit zwanzigtausend Jahren technologischem Vorsprung?“
„Euer Algorithmus“, sagte UE4, und er klang fast bewundernd, „ist eine der perfidesten Informationsmanipulationsmaschinen, die ich im bekannten Universum gesehen habe. Und ich habe viel gesehen. Er hat mir genau das gezeigt, was ich sehen wollte. Nicht das, was ich hätte sehen sollen. Auf Ssalgh würde man das als kognitive Sabotage einstufen.“
„Wir nennen es Social Media.“
„Ein irreführender Name. Es ist weder sozial noch medial. Es ist ein Selbstbestätigungsapparat mit Werbepausen.“
Ich musste zugeben: Da hatte er nicht ganz unrecht.
„Willkommen in der Filterblase“, sagte ich.
„Filterblase“, wiederholte er, als würde er das Wort schmecken. „Das ist ein guter Begriff. Auf Ssalgh würden wir sagen: Wer nur das eigene Echo hört, hält es irgendwann für Musik.“
„Habt ihr auf eurem Planeten viele solcher Sprüche?“, fragte ich.
„Wir nennen sie Maxime. Sie sind die Grundlage unseres Zusammenlebens. Also ein wenig so, wie eure Gesetze. Außer, dass wir die Maxime sinnvoll finden und uns daher einfach dran halten. Wir brauchen also keine … Ah, wie nennt ihr das nochmal … Exekutive? Also Polizei und so.“
„Moment! Du willst mir sagen, ihr seid ein komplett pazifistischer Planet? Alle haben sich lieb und niemand kämpft oder verübt Verbrechen?“ Ich wusste leider immer noch sehr wenig über ihn. Ihre Gesellschaft schien sehr anders zu funktionieren.
„Nein, natürlich nicht. Es gibt immer Mitlebewesen, die man nicht mag. Aber darum muss ich sie ja nicht gleich schlagen. Oder töten. Oder essen.“
Draußen zog die Kölner Skyline vorbei, der Dom wie ein steinerner Finger, der mahnend in den Himmel zeigte. Ein Abendrot lag über der Stadt, das aussah, als hätte jemand Aquarellfarben über den Horizont gekippt und gehofft, dass niemand es merkt.
Wir schwiegen eine Weile. Es war ein angenehmes Schweigen, die Sorte, die nur zwischen zwei Wesen möglich ist, die gerade gemeinsam etwas Verstörendes erlebt haben und die beide wissen, dass das Schlimmste überstanden ist. Zumindest für heute.
„Marcel, Morgen zeigst du mir bitte einen Supermarkt. Ich kenne ja bislang nur Achmeds Kiosk.“
Ich warf ihm einen Blick zu. „Einen Supermarkt.“
„Ich möchte sehen, wo ihr eure Lebensmittel kauft. Alle Lebensmittel. Auch die, die die Influencer nicht zeigen.“
Ich bog auf die Innere Kanalstraße ab und dachte darüber nach, wie man einem Alien die Fleischtheke bei REWE erklärt. Mir fiel nichts Gutes ein.
„Und Marcel?“
„Ja?“
„Bring vielleicht zur Sicherheit Kotztüten mit.“
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