Dann esse ich es halt
by srimbachEs gibt einen Moment in der Wissenschaft, in dem alle Daten auf dem Tisch liegen, alle Diagramme an der Wand hängen, alle Kaffeetassen leer sind und trotzdem etwas fehlt. Nicht Informationen. Nicht Kompetenz. Nicht Koffein, obwohl Letzteres durchaus diskutabel war. Was fehlte, war die richtige Frage.
Wir hatten die Antwort. Dr. Chen hatte die Verbindung zwischen den Polyphenolen, den Fettsäuren und dem Erreger nachgewiesen. Das Team hatte gefeiert. Auf die stille, erschöpfte Art, auf die Teams feiern, die zu lange zu hart gearbeitet haben, um noch die Energie für Champagner aufzubringen.
Und dann hatte Dr. Chen den Satz gesagt, der alles wieder kompliziert gemacht hatte: „Wir können nicht die gesamte Menschheit dazu bringen, jeden Tag Nüsse zu essen.“
Seitdem war eine Woche vergangen. Eine Woche, in der das Team versucht hatte, genau dieses Problem zu lösen. Logistikpläne. Verteilungsmodelle. Herr Lehmann hatte die WHO-Regularien für globale Nahrungsergänzungsprogramme recherchiert und war dabei auf siebzehn verschiedene Genehmigungsverfahren gestoßen, die zusammen ungefähr so lange dauern würden wie die Reise von UE4s Heimatplaneten zur Erde, nur mit mehr Formularen.
Das Stand-up am Montagmorgen begann mit Herrn Witts Korrelationsmodellen. Und Herr Witt hatte, wie so oft in den letzten Wochen, etwas gefunden, das interessant war, ohne nützlich zu sein, was in der Wissenschaft ein erschreckend häufiger Zustand ist.
„Ich habe mir die Kollapsfälle noch einmal chronologisch angeschaut“, sagte er. Sein Bildschirm zeigte eine Tabelle, die so bunt war wie UE4s Tentakel nach einem Stimmungswechsel. „Und mir ist ein Muster aufgefallen. Oder besser gesagt: mir ist aufgefallen, dass es ein Muster gibt, das mir vorher nicht aufgefallen ist, was möglicherweise bedeutet, dass ich dringend einen Augenarzt aufsuchen sollte.“
„Herr Witt“, sagte Frau Kowalski. „Das Muster.“
„Richtig. Also: Sieben der neun Kollapsfälle ereigneten sich an zwei bestimmten Wochentagen.“
Er teilte seinen Bildschirm. Eine Zeitleiste erschien. Rote Punkte markierten die Kollapsfälle.
„Montag“, sagte Dr. Chen sofort. Sie hatte den Blick einer Frau, die Muster schneller erkannte als andere Menschen Kaffee tranken. „Und Donnerstag.“
„Montag und Donnerstag“, bestätigte Herr Witt. „Sieben von neun Fällen. Die anderen beiden waren Dienstag und Mittwoch, aber jeweils nach einem Feiertag am Montag.“
Stille. Die aufmerksame Art. Die Sorte Stille, die in diesem Team inzwischen bedeutete, dass zehn Gehirne gleichzeitig anfingen zu rattern, und wenn man genau hinhörte, konnte man das leise Klicken der Synapsen beinahe hören.
„Das ist statistisch signifikant“, sagte Dr. Chen. „Aber es ergibt keinen biologischen Sinn. Ein Erreger kümmert sich nicht um Wochentage.“
„Er macht auch keinen Brückentag“, ergänzte Tim.
„Montag und Donnerstag“, wiederholte Frau Kowalski.
Es war UE4, der die Frage stellte. Nicht die Antwort gab, die Frage.
„Warum?“
UE4 hatte seine Kamera eingeschaltet, und ich konnte sehen, wie sich seine Haut in diesem dunklen, konzentrierten Grün färbte, das ich inzwischen als sein „Ich weiß noch nicht, was es bedeutet, aber es bedeutet etwas“-Gesicht kannte.
„Warum Montag und Donnerstag? Das ist die Frage, die wir beantworten müssen. Warum passiert es an genau diesen Tagen?“
UE4 machte eine Pause. Eine UE4-Pause, in der sich seine Tentakel in langsamen, konzentrischen Kreisen durch das Badewasser bewegten.
„Auf Ssalgh nennen wir das Vraal’thi, das Graben nach der Wurzel. Wenn etwas passiert, fragen wir: Warum? Und wenn wir eine Antwort haben, fragen wir wieder: Warum? Und dann wieder. Und wieder. Bis wir an einem Punkt ankommen, an dem die Antwort so einfach ist, dass sie vor einem liegt.“
„Wie oft fragt ihr?“, fragte Tim.
„So oft wie nötig. Auf Ssalgh sagen wir: Fünfmal reicht meistens. Fünfmal Warum, und du findest die Wurzel.“
„Fünfmal Warum“, wiederholte Frau Kowalski, und ich konnte praktisch sehen, wie sie den Begriff in ihre mentale Werkzeugkiste sortierte, direkt neben Timeboxen und Wochenzielen.
„Dann fangen wir an“, sagte Dr. Chen. Und sie klang, als hätte jemand einen Motor gestartet, der die ganze Zeit nur auf den richtigen Schlüssel gewartet hatte.
„Warum Nummer eins“, sagte Frau Kowalski. Sie hatte ihr Notizbuch aufgeschlagen. Analoges Papier, weil Frau Kowalski der festen Überzeugung war, dass man auf Papier besser denken konnte als auf Bildschirmen, was biologisch nicht bewiesen, aber praktisch unbestreitbar war. „Warum treten die Kollapsfälle an Montagen und Donnerstagen auf?“
„Weil an diesen Tagen die Erregerkonzentration in der Umgebung höher sein muss“, sagte Dr. Chen. „Das ist die einzige logische Erklärung. Irgendein Faktor erhöht montags und donnerstags das Infektionsrisiko.“
„Gut. Warum Nummer zwei: Warum ist die Erregerkonzentration an diesen Tagen höher?“
Stille. Dann:
„Weil der schützende Faktor fehlt“, sagte Herr Witt. „Wir wissen, dass die Nüsse den Erreger hemmen. Wenn die Leute an diesen Tagen weniger Nüsse essen …“
„Halt“, sagte Tim. „Warum sollten sie an bestimmten Tagen weniger Nüsse essen?“
Frau Kowalski schrieb. „Warum Nummer drei.“
„Weil …“ Tim überlegte. Und dann, langsam, wie ein Mann, der durch Nebel geht und plötzlich Konturen erkennt: „Weil UE4s Nussvorrat an diesen Tagen leer ist.“
Alle starrten Tim an. Tim starrte UE4 an. UE4, das konnte ich durch die Badezimmertür sehen, starrte auf seine eigene Schreibtischschublade, die inzwischen hier in meiner Wohnung stand, weil er sie mitgenommen hatte, als er ins Home Office gewechselt war. Alte Gewohnheit. Die Schublade eines Wesens, das ohne Nussvorrat nicht existieren konnte, wie andere Menschen ohne Kaffee nicht existieren konnten, nur kalorienreicher und mit mehr Polyphenolen.
„Marcel“, sagte UE4. Seine Stimme hatte den Tonfall, den ich inzwischen als sein „Ich-habe-gerade-etwas-Offensichtliches-übersehen-und-schäme-mich-auf-vier-Augen“-Timbre kannte. „Wann kaufe ich normalerweise Nüsse?“
„Montags“, sagte ich. „Auf dem Weg zur Arbeit, beim Rewe in Ehrenfeld. Oder manchmal auch donnerstags bei dem Wikinger auf dem Wochenmarkt am Neptunbad, wenn der da ist.“
„Und wann sind die normalerweise alle?“
Ich dachte nach. Die Schublade war wie ein kleines Ökosystem: UE4 füllte sie montags auf, dann bediente sich die halbe Etage. Im Büro war es die halbe Etage gewesen, jetzt waren es hauptsächlich Jens, Frau Petersen und ich, weil niemand an UE4s Nussvorrat vorbeigehen konnte, ohne zuzugreifen, eine Art Gravitationsgesetz der Snacks.
„Mittwochabend. Spätestens Donnerstag früh“, sagte ich. „Drei Tage, dann ist die Schublade leer. Und am Wochenende kaufst du gar nicht ein, weil …“
„… weil ich am Wochenende in der Badewanne liege und keinen Grund sehe, das Haus zu verlassen“, sagte UE4.
„Also: Donnerstags keine Nüsse mehr, weil der Wochenvorrat aufgebraucht ist“, sagte Tim. „Und montags meistens immer noch keine, weil UE4 das ganze Wochenende ohne Nüsse war und erst morgens einkauft.“
„Warum Nummer vier“, sagte Frau Kowalski. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Augen hatten dieses Leuchten. Das Leuchten einer Frau, die gerade die Fährte aufnahm. „Warum ist es ein Problem, wenn UE4s Nussvorrat leer ist?“
„Weil dann niemand auf der Etage Nüsse isst“, sagte Tim. „Und der Schutzeffekt nachlässt.“
„Ja, aber …“ Dr. Chen setzte sich auf. Sie hatte das Gesicht, das ich von ihr kannte, wenn eine Hypothese in ihrem Kopf Gestalt annahm wie ein Kristall, der sich langsam aus einer Lösung bildete. „Nein. Das ist die falsche Ebene. Das erklärt, warum die Teammitglieder anfälliger sind. Aber die Kollapsfälle waren alle auf anderen Stockwerken. Die haben nie Nüsse von UE4 gegessen. Die waren immer ungeschützt.“
„Dann ist die Frage nicht, wer Nüsse isst“, sagte Frau Kowalski langsam. „Die Frage ist: Warum gibt es überhaupt mehr Kollapsfälle, wenn UE4 keine Nüsse hat, auch bei Leuten, die nie Nüsse gegessen haben?“
Die Stille, die folgte, war die intensivste, die ich je in einem digitalen Meeting erlebt hatte. Zehn Menschen, die gleichzeitig dasselbe dachten und noch nicht wagten, es auszusprechen. Wie ein Publikum, das den Twist im Film eine Sekunde vor dem Protagonisten begreift.
Dr. Chen sprach es aus.
„Es geht nicht um die Menschen, die Nüsse essen. Es geht um UE4.“
„Wenn UE4 Nüsse isst“, sagte Dr. Chen, und jedes Wort war langsam und präzise wie ein Skalpellschnitt, „dann hemmen die Polyphenole und Fettsäuren den Erreger in seinem Organismus. Nicht in unseren. In seinem. UE4 ist der Wirt. UE4 ist die Quelle. Wenn der Erreger in UE4 gehemmt ist, strahlt er weniger ab. Weniger Erreger in der Luft. Weniger Infektionsrisiko. Für alle. Überall im Gebäude.“
Stille.
„Und wenn UE4 keine Nüsse gegessen hat“, fuhr sie fort, „ist der Erreger in seinem Organismus aktiver. Mehr Abstrahlung. Mehr Risiko. Donnerstags, weil der Wochenvorrat bis Mittwochabend aufgebraucht ist. Und montags, weil UE4 das ganze Wochenende ohne Nüsse in der Badewanne lag und die Antikörper längst abgebaut sind.“
„Wir haben die ganze Zeit versucht, acht Milliarden Menschen dazu zu bringen, Nüsse zu essen“, sagte Frau Kowalski. Ihre Stimme war leise. Fast ehrfürchtig. „Und die Lösung war die ganze Zeit …“
„… dass einer Nüsse isst“, sagte ich. „Einer.“
Alle schauten auf UE4s Kamerabild. Ein chromgrüner Alien in einer Badewanne in Köln-Ehrenfeld, der gerade realisierte, dass die Rettung der Menschheit davon abhing, dass er regelmäßig Studentenfutter aß.
UE4 schwieg drei Sekunden. Dann griff er, langsam, bedächtig, mit der Würde eines Wesens, dem gerade die Verantwortung für eine gesamte Zivilisation auf die Tentakel gelegt worden war, in seine Schreibtischschublade, holte eine Handvoll Cashews heraus und steckte sie sich in den Mund.
„Dann esse ich halt ab jetzt einfach immer Nüsse“, sagte er.
Tim machte ein Geräusch, das halb Lachen, halb Schluchzen war. Frau Kowalski legte den Kopf auf ihren Schreibtisch. Herr Witt starrte auf seine Korrelationsmodelle, als sähe er sie zum ersten Mal. Dr. Chen lehnte sich zurück, mit geschlossenen Augen und dem Lächeln einer Frau, die gerade die einfachste Lösung ihres Lebens gefunden hatte und sich trotzdem, oder gerade deshalb, wie eine Gewinnerin fühlte.
„Das“, sagte Frau Kowalski, ohne den Kopf vom Tisch zu heben, „wird niemand glauben.“
Nachdem sich die erste Welle der Ungläubigkeit gelegt hatte, was ungefähr fünf Minuten dauerte, in denen Tim dreimal „Alter“ gesagt, Herr Lehmann die patentrechtlichen Implikationen von Studentenfutter gegoogelt und Jens gefragt hatte, ob das bedeute, dass er UE4 jetzt offiziell als Snackautomat einstufen müsse, wurde es wissenschaftlich.
Dr. Chen brauchte drei Tage, um die Hypothese zu bestätigen. Drei Tage Blutproben, Erregeranalysen und Vergleichsreihen, in denen sie UE4s Biologie unter dem Mikroskop betrachtete wie eine Archäologin, die auf eine unbekannte Zivilisation gestoßen war, was, wenn man darüber nachdachte, technisch gesehen auch stimmte.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Wenn UE4 Nüsse aß, regelmäßig, mindestens dreimal täglich, in einer Menge, die Dr. Chen auf „ungefähr eine Handvoll“ bezifferte, was die unwissenschaftlichste Dosierungsangabe war, die sie je gegeben hatte, und sie schämte sich sichtbar dafür, sank die Erregerkonzentration in seinem Organismus auf ein Niveau, bei dem die Übertragung auf Menschen praktisch auf null fiel.
„Praktisch auf null“, wiederholte Herr Dr. Teichmann. „Was heißt praktisch?“
„Es heißt, dass die Restwahrscheinlichkeit geringer ist als die Wahrscheinlichkeit, von einem Meteoriten getroffen zu werden, während man Lotto spielt und gleichzeitig vom Blitz getroffen wird“, sagte Dr. Chen. „Reicht Ihnen das?“
„Das reicht mir“, sagte Herr Dr. Teichmann, und zum ersten Mal seit ich ihn kannte, lächelte er, ohne dass es aussah wie eine Vertragsverletzung seiner Gesichtsmuskeln.
„Und die Heilung?“, fragte Frau Kowalski. „Was ist mit den neun Fällen? Die sind schon infiziert. Hilft es denen auch, wenn UE4 Nüsse isst?“
Dr. Chen nickte. „Wenn die Erregerquelle, also UE4, gedämmt ist, hat das Immunsystem der Betroffenen eine Chance, den vorhandenen Erreger abzubauen. Es ist wie mit einem Wasserhahn: Wenn man den Zufluss abstellt, kann man anfangen, das Wasser aufzuwischen. Aber es dauert. Und die Betroffenen brauchen Unterstützung.“
„Welche Art von Unterstützung?“, fragte ich.
„Die Art, die wir schon kennen. Kontakt mit UE4, dem nussessenden UE4 wohlgemerkt. Der Rest ergibt sich.“
„Warum?“
„Weil der Erreger nicht tötet, Marcel. Er konvertiert. Er macht die Menschen starrer. Und wenn die Quelle versiegt und die Betroffenen einer Umgebung ausgesetzt werden, in der flexibles Denken die Norm ist …“ Sie machte eine Geste, die universell „der Rest erklärt sich von selbst“ bedeutete. „Der Erreger verliert seinen Nährboden. Bildlich gesprochen.“
„Die Nüsse heilen die Quelle“, sagte Frau Kowalski. „Und die Quelle heilt die Umgebung.“
„So ungefähr.“
„Fünfmal Warum“, sagte Tim. „Fünf Fragen, und die Antwort ist eine Tüte vom Rewe.“
Die Heilung der neun Fälle dauerte zwölf Tage. Nicht weil es kompliziert war, sondern weil es einfach war, und einfache Dinge auf eine Weise Zeit brauchen, die komplexe Dinge nicht brauchen, weil man bei einfachen Dingen nicht die Illusion hat, durch hektische Aktivität etwas beschleunigen zu können.
UE4 aß Nüsse. Dreimal am Tag, mindestens. Er bevorzugte weiterhin die veganen Schokonüsse, was Dr. Chen als „irrelevant, aber nicht kontraproduktiv“ einstufte, und was UE4 als „köstlich und kulturell bereichernd“ bezeichnete.
Dann besuchte er die Betroffenen. Einzeln. In ihren Büros, ihren Abteilungen, ihrer gewohnten Umgebung. Und er machte das, was er am besten konnte: Er redete mit ihnen. Nicht über das Virus. Nicht über Nüsse. Über ihre Arbeit. Über ihre Ideen. Über die Frage, warum sie taten, was sie taten, und ob es noch das war, was sie tun wollten.
Herr Schreiber, der erste Kollabierer, der Mann, der „Das muss ins Pflichtenheft!“ gerufen hatte, bevor er umgekippt war wie ein IKEA-Regal mit zu vielen Büchern, war auch der Erste, der sich erholte. Es passierte an einem Dienstag, zwischen dem zweiten und dritten Besuch von UE4. Mitten in einem Meeting, in dem er gerade die siebte Revision eines Prozessablaufdiagramms präsentierte, hielt er inne, betrachtete sein eigenes Diagramm und sagte: „Warum machen wir das eigentlich so?“
Sein Kollege Herr Müller, der neben ihm saß, sagte: „Weil es im Prozesshandbuch steht.“
„Ja, aber warum steht es im Prozesshandbuch?“
Herr Müller sah ihn an, als hätte er gefragt, warum die Erde rund ist. „Weil … es so … gemacht wird?“
„Und warum wird es so gemacht?“
Herr Müller öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Öffnete ihn. Schloss ihn. Er sah aus wie ein Karpfen, der gerade eine philosophische Krise durchlief.
„Ich weiß es nicht“, sagte Herr Müller.
„Ich auch nicht“, sagte Herr Schreiber. Und dann lächelte er. Es war das Lächeln eines Mannes, der gerade aufgewacht war und sich fragte, warum er so lange geschlafen hatte.
Frau Bergmann brauchte vier Tage. Sie hatte den Erreger am heftigsten abbekommen. Ihr Gantt-Chart-Wahn war so weit fortgeschritten, dass sie die Mittagspause in Viertelstunden-Slots aufgeteilt hatte, inklusive „Kauen (12 Min.)“ und „Verdauung initiieren (3 Min.)“. Nach UE4s Besuchen ließ die Starre nach. Erst langsam. Dann schneller. Am vierten Tag warf sie ihren ausgedruckten Tagesplan in den Papierkorb und sagte: „Ich brauche frische Luft.“ Ihre Kollegin, die seit Monaten neben einem menschgewordenen Terminkalender gesessen hatte, brach fast in Tränen aus. Vor Erleichterung.
Herr Paulsen brauchte am längsten. Sechs Tage. Sein „Eskaliere nach oben!“-Reflex war so tief eingebrannt, dass er auch nach dem dritten UE4-Besuch noch versuchte, die Kaffeemaschine an seinen Vorgesetzten zu eskalieren, weil sie keine Hafermilch hatte. Aber am sechsten Tag passierte etwas Bemerkenswertes: Er ging selbst Hafermilch kaufen. Ohne Freigabe. Er ging einfach zum Rewe um die Ecke, kaufte einen Liter Oatly, stellte ihn neben die Kaffeemaschine und sagte: „Problem gelöst.“ Seine Kollegin rief im Sekretariat an und fragte, ob man das melden müsse. Das Sekretariat sagte: „Was melden?“ Es war der schönste bürokratische Kurzschluss, den ich je erlebt hatte.
Alle neun Fälle. Zwölf Tage. Ohne Milliarden-Impfstoff. Ohne Pharmakonzerne. Ohne WHO-Genehmigung, Formulare, Projektpläne, Zuständigkeitsanalysen, Gantt-Charts, Pflichtenhefte oder PowerPoint-Präsentationen.
Ein Alien, eine Schreibtischschublade und eine Tüte Studentenfutter.
UE4 bestand darauf, die Nussversorgung zu professionalisieren. Nicht weil er Angst vor einem Engpass hatte, obwohl der Gedanke, dass die Rettung der Menschheit davon abhing, ob ein Alien montags daran dachte, beim Rewe vorbeizugehen, auch mich nervös machte, sondern weil er es als Verantwortung verstand.
„Ich brauche einen Vorrat für mindestens zwei Wochen. Diversifiziert. Walnüsse, Cashews, Haselnüsse, Macadamias. Und Schokonüsse für die Moral.“
„Für deine Moral.“
„Die Moral des Retters der Menschheit ist eine berechtigte Priorität.“
„Wobei technisch gesehen nur die Haselnüsse echte Nüsse sind“, sagte ich, weil Dr. Chens botanische Pedanterie offenbar ansteckender war als das Virus.
„Willst du die Menschheit jetzt retten oder klugscheißen?“
Frau Kowalski organisierte innerhalb von zwei Tagen eine Lieferkette, die in ihrer Effizienz an die Versorgung einer Militärbasis erinnerte, nur mit mehr Omega-3-Fettsäuren. Drei verschiedene Lieferanten, automatische Nachbestellung, ein Notfallvorrat in meiner Abstellkammer. Tim erstellte ein Dashboard, ein echtes, kein Scherz, das UE4s Nusskonsum trackte und Alarm schlug, wenn der Vorrat unter die Zweitagesgrenze fiel.
„Das ist“, sagte ich, als Tim mir das Dashboard zeigte, „das absurdeste Stück Software, das jemals entwickelt wurde.“
„Das ist“, sagte Tim, „lebensrettende Infrastruktur.“
Er hatte nicht unrecht.
Am Freitag nach dem letzten geheilten Fall, Herr Paulsen, der inzwischen nicht nur selbst Hafermilch kaufte, sondern auch angefangen hatte, die Kaffeemaschine eigenständig zu entkalken, was seine Kollegen als Zeichen der Apokalypse deuteten, saßen UE4, Jens und ich in meinem Wohnzimmer und starrten auf die Wand. Es war die zufriedene Art des Starrens. Die Art, die entsteht, wenn man etwas geschafft hat, von dem man nicht sicher war, ob man es schaffen konnte, und die Erleichterung so groß ist, dass sie keinen Platz für Worte lässt.
UE4 lag in seiner mobilen Wanne, einem umgebauten Planschbecken auf Rollen, das Jens auf eBay Kleinanzeigen gefunden hatte („Aufblasbarer Whirlpool, leicht beschädigt, Nichtraucherhaushalt, 25 Euro VB“). Jens saß auf dem Sofa, die Füße auf dem Couchtisch, ein Kölsch in der Hand und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der mit dem Leben in einer Weise im Reinen war, die nur entsteht, wenn man akzeptiert hat, dass das Absurde die Normalität ist.
„Wir sollten feiern“, sagte Jens.
„Wir feiern gerade“, sagte ich.
„Das ist kein Feiern. Das ist Sitzen. Feiern hat Bewegung. Ortswechsel. Meeresluft.“
„Meeresluft?“, fragte UE4.
„Ostsee“, sagte Jens. Er setzte sich auf, und in seinen Augen war dieses Glitzern, das bei Jens entweder eine sehr gute oder eine sehr schlechte Idee ankündigte, wobei die Grenze zwischen beiden bei Jens historisch gesehen eher fließend war. „Ein Wochenende. Wir drei. Ostsee. Kellenhusen.“
„Kellenhusen“, wiederholte ich. Der Strand, an dem UE4 gelandet war, an dem ich ihn gefunden hatte, an dem ein Polizist namens Krüger die Geschichte von der Übung geglaubt hatte, die nie stattgefunden hatte. Kellenhusen, wo die Möwen schrien und der Wind nach Salz schmeckte und das einzige Restaurant einen Fisch des Tages anbot, der aussah, als wäre er nicht des Tages, sondern der letzten Woche.
„Kellenhusen“, bestätigte Jens. „Zurück zum Anfang. Ab Montag müssen wir wieder alle ins Büro. Frau Brandt will alle pünktlich vor Ort haben. Dafür müssen wir Kraft tanken.“
UE4 schimmerte. Gold, warm, zufrieden. Das Schimmern eines Aliens, der zum ersten Mal seit Monaten nicht an Viren, Nüsse oder die Rettung der Menschheit dachte, sondern an Meeresluft und Salzwasser und die Möglichkeit, dass Urlaub keine Zeitverschwendung war, sondern eine Strömungspause mit Sandstrand.
„Aber“, sagte ich, und ich hob den Zeigefinger auf eine Weise, die keinen Widerspruch duldete, „kein Bollywood.“
„Kein Bollywood?“, fragte UE4.
„Kein Bollywood?“, fragte Jens.
„Wir fahren an die Ostsee. Wir schauen aufs Meer. Wir essen Zimtschnecken. Wir atmen Luft. Kein Bollywood.“
UE4 und Jens tauschten einen Blick. Oder besser gesagt: UE4 richtete zwei seiner vier Augen auf Jens, was sein Äquivalent eines verschwörerischen Seitenblicks war, und Jens zuckte die Augenbrauen auf eine Weise, die bei ihm „wir besprechen das später“ bedeutete.
„Okay“, sagte Jens. „Dann Anime?“
„Nein.“
„Aber …“
„Kein Anime.“
„Spirited Away ist ein Meisterwerk, Marcel. Die Szene, in der Chihiro im Zug über das Wasser fährt, ist eine der poetischsten Darstellungen von …“
„Nein.“
„K-Drama?“
„Nein.“
„Telenovela?“
„Nein.“
„Türkisches Reality-TV?“
„Was? Nein! Nichts. Kein Bildschirm. Kein Film. Kein Stream. Wir fahren an die Ostsee und schauen aufs Meer wie normale Menschen.“
„Ich bin kein normaler Mensch“, sagte UE4 sachlich. „Ich bin ein chromgrüner Alien mit vier Augen und sechs Tentakeln.“
„Dann schaust du mit vier Augen aufs Meer. Das ist doppelt so viel Meer wie für mich. Du solltest dankbar sein.“
UE4 machte das Augen-Schimmern. Jens grinste. Und irgendwo in den Tiefen meines Verstandes wusste ich, dass es eine Frage der Zeit war, bis einer von beiden einen Laptop in den Koffer schmuggeln würde, aber das war ein Problem für den zukünftigen Marcel, und der gegenwärtige Marcel hatte beschlossen, sich darüber erst aufzuregen, wenn es so weit war.
Wir fuhren am Samstagmorgen. Nicht auf der XJ900, eine Yamaha mit Alien-Beiwagen war für eine Fahrt abenteuerlich genug gewesen, aber für einen Wochenendausflug zu dritt logistisch unmöglich, selbst wenn man die Physik großzügig auslegte. Stattdessen hatte Jens den Wagen seiner Schwester geliehen, einen beigen VW Touran Baujahr 2014, der nach Lavendel-Duftbaum und Kindersitz roch und dessen Navi glaubte, es sei noch 2019, was bedeutete, dass es uns konsequent über Straßen lotsen wollte, die inzwischen entweder Einbahnstraßen, Fahrradwege oder Flüsse waren.
UE4 saß hinten, in einem aufblasbaren Kinderpool, den Jens als „tragbare Badewanne“ bezeichnete und der in Wahrheit so wasserdicht war wie ein Sieb mit Ambitionen. Wir hatten den Kofferraum mit Handtüchern ausgelegt und eine Plastikplane über den Rücksitz gespannt, was dem Touran das Aussehen eines improvisierten Aquariums verlieh. Oder, wie Jens es formulierte, „einer rollenden Naturkatastrophe mit Sitzheizung.“
„Nüsse dabei?“, fragte ich, bevor wir losfuhren.
UE4 hielt einen Jutebeutel hoch, der so prall gefüllt war, dass er aussah wie ein Sandsack mit Ernährungsbewusstsein. „Walnüsse. Cashews. Macadamias. Schokonüsse. Und eine experimentelle Mischung mit Kürbiskernen, die Dr. Chen empfohlen hat.“
„Gut.“
„Und Reis-Cracker.“
„Reis-Cracker sind keine Nüsse.“
„Reis-Cracker sind für die Abwechslung. Man kann nicht drei Tage nur Nüsse essen, Marcel. Auch nicht, wenn man damit die Menschheit rettet.“
Jens startete den Motor. Der Touran hustete, überlegte kurz, ob er dieses eine Mal nicht anspringen wollte, entschied sich dann doch dafür, vermutlich aus Mitleid, und setzte sich in Bewegung. Das Navi sagte: „In dreihundert Metern rechts abbiegen.“ Die Straße rechts war seit 2021 eine Fußgängerzone. Wir bogen links ab.
Die Fahrt dauerte fünf Stunden. Fünf Stunden, in denen Jens die Musik bestimmte, was bedeutete, dass wir die gesamte A1 entlang Peter Maffay hörten, weil Jens der Überzeugung war, dass Maffay „Autobahnmusik“ sei, eine Musikgattung, die bis zu diesem Tag nicht existiert hatte und hoffentlich nach diesem Tag auch nie wieder existieren würde.
„Maffay ist der deutsche Bollywood“, sagte UE4 nach dem dritten Lied. Es war die vernichtendste Kritik, die ich je gehört hatte, und sie traf gleich zwei Kulturkreise gleichzeitig.
„Maffay ist ein Nationaldenkmal“, sagte Jens.
„Denkmäler bewegen sich nicht“, sagte UE4. „Das erklärt den Sound.“
Ich lachte so heftig, dass ich den Scheibenwischer anschaltete, was bei Sonnenschein auf der A1 einige irritierte Blicke von Nachbarfahrzeugen provozierte, aber angesichts der Tatsache, dass im Rücksitz ein chromgrüner Alien in einem Kinderpool saß, war ein versehentlicher Scheibenwischer vermutlich das Normalste an unserem Fahrzeug.
Kellenhusen lag unter einem Himmel, der sich nicht entscheiden konnte, ob er dramatisch oder friedlich sein wollte, und deshalb beides gleichzeitig war: dicke, weiße Wolken, die aussahen wie aufgeblähte Sahnetupfer, durchzogen von Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Lücken bahnten und den Strand in wandernde Lichtflecken tauchten, als hätte jemand einen Scheinwerfer auf die Ostsee gerichtet und nicht ganz entschieden, wohin er leuchten sollte.
Die Luft roch nach Salz. Nach Tang. Nach dem Echo von Möwengeschrei, das über die Wellen getragen wurde wie eine akustische Postkarte, die niemand abgeschickt hatte, weil die Ostsee keine Briefmarken akzeptierte.
Wir spazierten zum Strand. UE4 in seinem Rollstuhl, eingehüllt in den übergroßen Regenmantel, den wir seine „Verkleidung“ nannten und der ihn ungefähr so gut tarnte wie ein Elefant in einem Karnevalsumzug. Auffällig, aber in einem Kontext, in dem Auffälligkeit die Norm war. Jens schob ihn über die Strandpromenade, vorbei an Strandkörben, die aussahen, als hätten sie seit den Achtzigern nicht mehr das Meer gesehen, und einem Kiosk, der Softeis in Geschmacksrichtungen anbot, die die Natur nie vorgesehen hatte.
„Da drüben“, sagte ich und zeigte auf eine Stelle am Strand. Eine Stelle, die aussah wie jede andere Stelle am Strand, Sand, Wasser, Horizont, aber die für mich so markiert war wie ein Lesezeichen in einem Buch, das mein Leben verändert hatte. „Da habe ich dich gefunden.“
UE4 richtete zwei Augen auf den Punkt. Sein Grün wurde tiefer, dunkler, fast blau. Nachdenklich.
„Es war Nacht“, sagte er. „Ich war dehydriert. Mein Rollstuhl hatte Sand in den Gelenken. Und der erste Mensch, den ich traf, sagte: ‚Äh.'“
„Es war ein emotionaler Moment.“
„Es war ein Vokal.“
Jens lachte. „Ihr hättet eine Doku sein sollen. ‚First Contact: Äh. Die wahre Geschichte.'“
Wir standen da. Drei Gestalten am Strand von Kellenhusen, wo die Wellen ans Ufer rollten mit der Gleichgültigkeit von Wasser, das nicht wusste und nicht wissen wollte, dass es der Schauplatz des ersten menschlich-außerirdischen Kontakts der Geschichte war. Eine Möwe landete auf einem Pfosten, betrachtete uns mit dem Blick eines Vogels, der schon alles gesehen hatte und nicht beeindruckt war, und flog weiter, weil Möwen Wichtigeres zu tun hatten als bei historischen Momenten zuzusehen.
„Zimtschnecken“, sagte UE4.
„Was?“
„Krüger hat mir Zimtschnecken angeboten. Das war die positivste Erfahrung meiner ersten Tage mit euch.“
Wir fanden die Bäckerei drei Straßen vom Strand entfernt. Dieselbe Bäckerei, in der Krüger Zimtschnecken gekauft hatte, während ein Alien in einem Rollstuhl neben meinem Motorrad auf dem Parkplatz gewartet hatte und eine Möwe auf seinem Kopf gelandet war, was UE4 als „interspezielle Kommunikation“ und die Möwe vermutlich als „Rastplatz“ interpretiert hatte.
Die Frau hinter der Theke sah uns an. Einen Mann mit Motorradjacke und Dreitagebart. Einen Mann mit kariertem Hemd und dem Gesichtsausdruck eines Touristen, der sich ehrlich freute, hier zu sein. Und eine Gestalt in einem viel zu großen Regenmantel in einem Rollstuhl, aus dessen Ärmel gelegentlich etwas hervorlugte, das nicht ganz wie eine Hand aussah.
„Drei Zimtschnecken“, sagte ich.
„Drei Zimtschnecken“, bestätigte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, weil Schleswig-Holsteinerinnen sich nicht von Kunden beeindrucken ließen, egal wie viele Tentakel sie hatten.
Wir saßen auf einer Bank an der Strandpromenade. UE4 balancierte seine Zimtschnecke auf einem Tentakel, während er mit einem anderen in den Jutebeutel griff und eine Handvoll Cashews herausholte. Die Kombination aus Zimtschnecke und Cashews sah kulinarisch fragwürdig aus, aber UE4 hatte in kulinarischen Dingen den Geschmack eines Wesens, das auf einem Planeten aufgewachsen war, der hauptsächlich aus Wasser und dem bestand, was darin schwamm, und das war vermutlich auch nicht appetitlicher.
Jens biss in seine Zimtschnecke und seufzte auf eine Weise, die bei anderen Menschen Sorge ausgelöst hätte, bei Jens aber einfach tiefe Zufriedenheit bedeutete.
„Wisst ihr, was das Verrückte ist?“, sagte er. „Die ganze Sache. Das Virus. Die Nüsse. Die Lösung. Das Verrückte ist nicht, dass es passiert ist. Das Verrückte ist, dass es so einfach war.“
„Es war nicht einfach“, sagte UE4. „Es war einfach am Ende. Aber der Weg dorthin war alles andere als einfach. Einfache Lösungen zu finden ist harte Arbeit.“
„Und deshalb“, sagte Jens, „bauen Menschen lieber komplexe Lösungen. Nicht weil sie besser sind. Sondern weil sie sich besser anfühlen. Eine teure Lösung fühlt sich würdig an. Eine Tüte Nüsse vom Rewe fühlt sich an wie ein Witz.“
„Ist es aber nicht“, sagte ich.
„Nein“, sagte UE4. „Es ist die Antwort. Und die Antwort schämt sich nicht dafür, einfach zu sein.“
UE4 knackte eine weitere Cashew. Das Geräusch mischte sich mit dem Rauschen der Wellen und dem Schreien der Möwen und dem leisen Brummen des Windes, der über die Strandpromenade strich, und für einen Moment, einen kurzen, perfekten Moment, war alles genau da, wo es sein sollte.
Ein Alien am Meer. Zwei Freunde auf einer Bank. Eine Tüte Nüsse zwischen ihnen.
Und fünfmal Warum.
Wenn wir gewusst hätten, was uns nach dem Wochenende erwartet, wären wir vermutlich nie wieder aufgestanden.
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