Kapitel
-
Das wäre dann also auch geklärt. Außerirdische können sich übergeben. Sie können es sogar mit einer gewissen eindrucksvollen Deutlichkeit. Und sie machen es genau wie wir Menschen. Offenbar auch aus ähnlichen Gründen. In diesem konkreten Fall war es vermutlich Ekel. „Ihr macht was?!" UE4s Stimme überschlug sich dabei um eine gute Oktave. Seine Tentakeln zuckten nervös, was bei ihm ungefähr dem entspricht, was bei Menschen wildes Gestikulieren ist. Nur mit mehr Gliedmaßen und einem deutlich…
-
61,3 K • Completed
-
-
Vielleicht sollte ich doch am Anfang anfangen. Ich arbeite bei der ESA. Genauer gesagt beim European Astronaut Centre (EAC) in Köln. Für Uneingeweihte: Das ist die Europäische Weltraumorganisation, eine Art exklusiver Club für Länder, die Satelliten ins All schießen wollen, ohne dabei versehentlich ihre eigenen Gartenzwerge zu treffen. Klingt spektakulär, oder? Ist es aber nicht. Zumindest nicht für mich. Ich bin IT-Administrator. Meine offizielle Aufgabe: Ich bin der Hüter der Drucker.…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es gibt Momente, in denen das Universum kurz innehält. Vögel, Wind, die eigene Atmung, alles wird für einen Herzschlag auf Pause gedrückt, und man steht da und denkt: Gut. Dann ist das jetzt halt so. Das Gefühl ist vergleichbar mit dem Moment, in dem man in einer Klausur die dritte Aufgabe umdreht und feststellt, dass sie auf Japanisch ist. Man weiß nicht genau, was passiert ist. Man weiß nicht, was man tun soll. Aber man weiß mit absoluter Gewissheit, dass der restliche Tag nicht so verlaufen…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es gibt Dinge, auf die bereitet einen das Leben vor. Steuererklärungen. Scheidungen. Der Moment, in dem man feststellt, dass der Joghurt im Kühlschrank seit drei Wochen abgelaufen ist und mittlerweile eine eigenständige Zivilisation entwickelt hat. (Besonders, wenn man vorher noch einige Löffel gegessen hat.) Und dann gibt es Dinge, auf die bereitet einen niemand vor. Zum Beispiel die Frage, wie man einen außerirdischen Organismus von der Ostsee nach Köln transportiert, wenn das einzige…
-
61,3 K • Completed
-
-
Am folgenden Montag wurde ich in das Büro von Dr. Heike Brandt bestellt, Abteilungsleiterin für (ich zitiere die offizielle Bezeichnung) „Strategische Personalkoordination und Kapazitätsmanagement". Was, übersetzt in eine Sprache, die normale Menschen verstehen, bedeutete: Sie teilte Leuten Arbeit zu, für die sich sonst niemand freiwillig meldete. Dr. Brandt war eine Frau, die aussah, als hätte jemand das Konzept „deutsche Effizienz" in einen menschlichen Körper gegossen und vergessen, dem…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es war ein Freitag wie die meisten Freitage so sind. Man schleppt sich durch die letzten Stunden, beantwortet drei E-Mails, die schon seit Dienstag hätten beantwortet werden sollen, und starrt auf die Uhr, als könnte man sie durch bloße Willenskraft beschleunigen. Was, wie ich an diesem Nachmittag lernen sollte, zumindest theoretisch möglich ist, wenn man sich nur schnell genug bewegt. Die letzten Tage waren, gemessen an unseren neuen Standards, relativ ereignislos verlaufen. UE4 hatte den…
-
61,3 K • Completed
-
-
Montagmorgen. Das war heute keine Zeitangabe, sondern ein Zustand. Jens hatte gestern Nachmittag angerufen. „Wenn ich sage, es ist Freitagabend und Zeit für Kölsch und Frikadellen, lautet die Antwort 'Alles klar' und nicht 'Aber Jens, es ist Sonntagmittag'. Also schwing deinen Arsch von der Couch und komm endlich." UE4 fand es tatsächlich „sehr erhellend", dass wir unsere, seiner Ansicht nach ohnehin unterentwickelten, Gehirne von Zeit zu Zeit in ihrer Funktionsfähigkeit noch weiter mit…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es gibt Momente, in denen man als Mensch feststellt, dass das Universum einen Sinn für Humor hat, der deutlich fieser ist als der eigene. Dieser Moment kam für mich an einem Dienstagabend, als ich nach einem langen Tag, in dem Herr Paulsen einen dreiseitigen Antrag auf Genehmigung des Austauschs einer Glühbirne eingereicht hatte, nach Hause kam und in meinem Wohnzimmer auf ein Schlachtfeld traf. UE4 saß in seinem tragbaren Wasserbehälter vor dem zum Fernseher umfunktionierten Laptop. Alle vier…
-
61,3 K • Completed
-
-
Am Montagmorgen betrat ich den Flur von Gebäude C mit der vorsichtigen Zuversicht eines Menschen, der gelernt hat, dass in diesem Gebäude jederzeit jemand bewusstlos umkippen kann, und der deshalb sicherheitshalber immer eine freie Hand zum Auffangen bereithält. Was bei einem Kaffeebecher in der einen und einer Tüte Studentenfutter in der anderen Hand zugegebenermaßen eine logistische Herausforderung darstellte. Aber heute war etwas anders. Die Tür zu Konferenzraum 3.07, bislang ein Raum, der…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es war Tim. Der Praktikant. Der Mensch, der seit seiner Ankunft am EAC hauptsächlich dadurch aufgefallen war, dass er sein Smartphone benutzte wie andere Menschen Sauerstoff. Instinktiv, ständig und mit der stillen Zuversicht, dass dort die Antwort auf alle Fragen des Lebens lag, inklusive solcher, die man besser nie gestellt hätte. Es war Mittwochmorgen. Stand-up, Punkt neun, im Stehen, wie jeden Morgen seit UE4 uns beigebracht hatte, dass Menschen, die sich hinsetzen, dazu neigen, Meetings in…
-
61,3 K • Completed
-
-
Die Virologin hieß Dr. Sarah Chen, und sie war das Gegenteil von allem, was ich von einer Virologin erwartet hatte. Ich hatte mir jemanden vorgestellt, der aussieht wie in einem Film über Pandemien: weiße Kittel, ernste Miene, eventuell eine dramatische Brille und die Angewohnheit, bedrohliche lateinische Fachbegriffe in den Raum zu werfen wie Handgranaten. Jemand, der uns anschaut und sagt: „Die Lage ist ernst", und dabei klingt wie das Voiceover in einem Trailer für einen Film, den man nicht im…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es gibt einen Moment in jedem Projekt, in dem alles gleichzeitig passiert und trotzdem nichts vorankommt. Kenner des Projektmanagements nennen diesen Zustand "Fortschrittliche Stagnation". Kenner der menschlichen Psyche nennen ihn "Montag". Kenner von beidem öffnen eine Flasche Wein und hoffen auf Dienstag. Wir hatten diesen Moment an einem Mittwoch erreicht. Das Team-Board, unser digitales Wunderwerk aus bunten Karten, das Herrn Witts Post-It-Wand im Geiste fortführte, sah aus wie der Schaltplan…
-
61,3 K • Completed
-
-
Das Stand-up am Montagmorgen dauerte elf Minuten. Nicht weil es effizient war. Sondern weil niemand mehr etwas zu sagen hatte. Frau Kowalski berichtete, dass sie drei weitere Finanzierungsoptionen geprüft und verworfen hatte. Dr. Chen erklärte, dass der Erreger sich unter dem Mikroskop weiterhin weigerte, irgendetwas Nützliches preiszugeben, und dass sie langsam das Gefühl habe, er tue das absichtlich. Herr Witt hatte Korrelationsmodelle erstellt, die alle dasselbe zeigten: nichts Neues. Tim hatte…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es gibt einen Moment in der Wissenschaft, in dem alle Daten auf dem Tisch liegen, alle Diagramme an der Wand hängen, alle Kaffeetassen leer sind und trotzdem etwas fehlt. Nicht Informationen. Nicht Kompetenz. Nicht Koffein, obwohl Letzteres durchaus diskutabel war. Was fehlte, war die richtige Frage. Wir hatten die Antwort. Dr. Chen hatte die Verbindung zwischen den Polyphenolen, den Fettsäuren und dem Erreger nachgewiesen. Das Team hatte gefeiert. Auf die stille, erschöpfte Art, auf die Teams…
-
61,3 K • Completed
-
-
Wir kamen am Montagmorgen zurück. UE4, Jens und ich. Noch ein bisschen salzig, noch zu viel Sand in den Schuhen, noch ein bisschen entspannt, und, das war der entscheidende Punkt, eine gute Stunde zu spät. Was halt passiert, wenn drei erwachsene Männer (beziehungsweise zwei erwachsene Männer und ein Alien, das biologisch geschlechtslos ist, aber der Einfachheit halber) am Sonntagabend in Kellenhusen feststellen, dass der beige VW Touran von Jens' Schwester nicht anspringt, und der ADAC vierzig Minuten…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es gibt einen Unterschied zwischen einer Krise, die ein Team zusammenschweißt, und einer Verordnung, die ein Team zusammenzwingt. Der Unterschied ist ungefähr so groß wie der zwischen einem Lagerfeuer, um das sich Menschen freiwillig setzen, und einem Feueralarm, bei dem alle auf den Parkplatz rennen und sich dort anschreien. Unser Team, das Team, das die Menschheit mit Studentenfutter gerettet hatte, was immer noch ein Satz war, den ich laut nicht sagen konnte, ohne dass Menschen mich ansahen wie…
-
61,3 K • Completed
-
-
Es gibt Entscheidungen, die man trifft, und Entscheidungen, die man bemerkt. Die einen fühlen sich an wie ein Sprung von einem Zehnmeterbrett. Man steht oben, schaut runter, zählt bis drei, und springt. Die anderen fühlen sich an, als hätte man die ganze Zeit schon im Wasser gelegen und erst jetzt bemerkt, dass man schwimmt. UE4s Entscheidung war die zweite Sorte. Es war ein Mittwochabend. Draußen regnete es, was in Köln weniger ein Wetterereignis als ein Aggregatzustand war. Die Stadt befand…
-
61,3 K • Completed
-
-
Sechs Monate später. Ich saß an meinem Schreibtisch. Meinem neuen Schreibtisch, in meinem neuen Büro, das kein Druckerkämmerchen mehr war, sondern ein Raum mit Fenster und Tageslicht und einer Pflanze, die ich regelmäßig vergaß zu gießen, was laut UE4 "ein Verbrechen an einem empfindungsfähigen Organismus" war und laut mir "eine Sukkulente, die genau dafür gemacht ist, mit wenig Wasser auszukommen". Ich betrachtete das Kanban-Board an meiner Wand. Die "Erledigt"-Spalte war voll. Die "In…
-
61,3 K • Completed
-